In Kooperation mit

Job & Karriere

Als erster Akademiker in der Familie »Zu Hause gab es weniger als zehn Bücher«

Woher weiß man, wie ein Lebenslauf aussehen muss – wenn man der Erste in der Familie ist, der einen schreibt? Hier berichten Leserinnen und Leser von einer Kindheit ohne Klavierspiel und vom Luxus unbezahlter Praktika.
Gesammelt von Franca Quecke
Hürden, die andere vielleicht nicht erleben: »Ich kenne das Gefühl, dass man besser trainierte »Muskeln« hat, wenn man auf einer längeren und steileren Leiter vorankommen musste«

Hürden, die andere vielleicht nicht erleben: »Ich kenne das Gefühl, dass man besser trainierte »Muskeln« hat, wenn man auf einer längeren und steileren Leiter vorankommen musste«

Foto: JJPan / iStock / Getty Images

Welche Ausbildung, welchen Karriereweg man einschlägt, hängt noch immer stark vom Elternhaus ab. Das zeigen Studien seit Jahren – und davon hat auch Aufsteiger-Gründerin Stefanie Mattes vor Kurzem im Interview mit dem SPIEGEL erzählt.

Damals hatten wir unsere Leserinnen und Leser gebeten, uns von ihren Erfahrungen zu berichten: Waren Sie auch die erste Person in der Familie, die studiert hat? Wogegen kämpfen Arbeiterkinder in der Kindheit, der Schule, im Unternehmen? Selten haben wir so lange, ausführliche, berührende und persönliche Zuschriften bekommen. Hier geben Leserinnen und Leser – in gekürzter Form – Einblicke in ihr Leben, von der Kindheit ohne Urlaub bis zum Feedbackgespräch mit dem Chef.

Die Wurzeln: »Du willst Jura studieren?«

Soziale Ungleichheit beginnt früh, daran hat sich in den vergangenen Jahren wenig geändert. Einem Diskussionspapier zufolge,  unter anderem basierend auf Daten des Hochschulbildungsreports 2020,  studieren nur 27 Prozent der Grundschülerinnen- und Grundschüler aus einem Nichtakademikerhaushalt – bei Akademikerkindern sind es 79 Prozent. Die Pandemie, schätzen die Forscher, könnte die Bildungsungerechtigkeit weiter verschärfen: weniger Unterricht, finanzielle Probleme, es fehlt an digitaler Infrastruktur. Nichtakademikerkinder sind davon stärker betroffen.

Stephan Vogel: »Mein Vater war Modell-Schreiner in einer Eisengießerei. Meine Mutter Hilfsarbeiterin in einer Feuerwerkskörper-Fabrik. Wir hatten kein Auto. Und bis Ende der 70er-Jahre auch kein Telefon. Meine Eltern waren nur ein Mal in ihrem Leben im Urlaub. Ich war ein mittelmäßiger Grundschüler, der mehr durch Unfug als durch Leistung auffiel. Deshalb bekam ich keine Empfehlung fürs Gymnasium. Ich war in der fünften Klasse auf der Hauptschule. Es war mein großer Bruder, der an mich glaubte und meine Eltern überzeugte, mich aufs Gymnasium zu schicken. Ich war der Erste in der Familie.«

Sebastian: »Uns ist es niemals schlecht gegangen. Meine Eltern haben auf vieles verzichtet und Mitte der 90er-Jahre sogar ein kleines Reihenhaus gekauft. Allerdings bin ich zum Beispiel mit 21 Jahren das erste Mal geflogen, ich war nie Skifahren geschweige denn in einem Hotel. Seit meinem 14. Lebensjahr habe ich in den Ferien gearbeitet, um mir einen vergleichbaren Lebensstil wie meine Schulfreunde auf dem Gymnasium zu ermöglichen. In Erlangen wohnen aber auch sehr viele Akademikerfamilien. Bis zur zweiten Klasse haben wir in einer von der Stadt geförderten Wohnung gelebt. Von meinem Freundeskreis in »diesem« Viertel haben nur wenige den Sprung auf das Gymnasium geschafft.«

Anonym: »Ich bin als Gastarbeiter- und Arbeiterkind einer slowenisch-kroatisch stämmigen Familie in der Berliner Thermometersiedlung aufgewachsen, einem Hochhausviertel am südlichen Stadtrand. Um mir mein Studium zu finanzieren, das ich schneller als in der Regelstudienzeit abgeschlossen hatte, musste ich von dem maximal möglichen Bafög-Satz leben. Rollenvorbilder oder Hilfen hatte ich nie, wenn ich mal eine Frage zu einer Hausarbeit hatte. Es hat mich viel Kraft gekostet, mich jedes Mal rechtfertigen zu müssen, auf das Gymnasium zu wollen, auf die Universität zu gehen und ja, das elitäre Studium der Rechtswissenschaften absolvieren zu wollen. »Du willst Jura studieren?«, gehörte zu den Sprüchen in meinem Bekanntenkreis. Bei meinen Eltern war es vor allem die Unsicherheit, die sie dazu bewog, zu sagen: Realschule und dann eine solide Ausbildung, bei der man auch gleich ein Gehalt bekommt, sind doch besser.«

Anonym: »Insgesamt war der Haushalt, aus dem ich stamme, »bildungsfern«. Es gab weniger als zehn Bücher, ansonsten überwiegend Frauenzeitschriften. Meine Noten waren überdurchschnittlich und meine Eltern waren stolz darauf. Das war etwas, womit sie sich rühmten – brachte aber aus ihrer Sicht weiter keinen Nutzen. Ein Familienmitglied fragte mich tatsächlich später, warum ich denn studieren würde, wenn ich doch letztlich sowieso nur heiraten würde und Kinder bekäme!«

Die Weiterbildung: »Wie hätte ich denn wissen sollen, wie man Lebensläufe möglichst Management-tauglich erstellt?«

Studien zeigen:  Die größte Hürde auf dem Bildungsweg ist der Übergang von der weiterführenden Schule zur Hochschule. Haben Nichtakademikerkinder erst einmal ein Studium begonnen, sind sie in vielen Fällen ähnlich erfolgreich wie Akademikerkinder. Sichtbar werden die Ungleichheiten stattdessen bei Studierendenjobs, ob man ein Auslandssemester antreten kann oder für ein unbezahltes Praktikum drei Monate nach Frankfurt ziehen.

Ilitch Abolhassan Zadeh: »Die Kommilitonen hatten immer so tolle Werkstudentenjobs in Konzernen – bei mir waren es eher Tätigkeiten in Callcentern oder bei Events. Als ich irgendwann mal wusste, was Werkstudentenjobs sind, habe ich mich auf sie beworben, aber nie Zusagen erhalten.«

Anonym: »Letztlich bin ich als Studentin an der Universität gescheitert. Ich hatte kein Netzwerk, keinen Plan, keine Unterstützung. Und trotz der eher verschulten Fachrichtung Biologie habe ich es nie geschafft, im Unibetrieb anzukommen. Ich gehörte nicht dazu und zu Hause als »Gebildete« auch nicht mehr richtig. Von dort hörte ich meist die Frage: »Und? Wie lange studierst du noch?« Übersetzt: »Wie lange muss ich noch zahlen?« Um mich davon zu lösen, habe ich neben dem Studium in diversen Jobs gearbeitet und mich selbst finanziert: Fließband, Gastronomie, Lager, Behindertenwohnheim. Damit bewegte ich mich wieder zwischen den Welten der »Akademiker« und der »Malocher«, um dann irgendwann ratlos ohne Abschluss die Uni zu verlassen und etwas »Solides« zu Ende zu bringen.«

Anonym: »Zwei Jahre nach dem Abitur begann ich mein Studium der Erziehungswissenschaften. Das Fach war mehr oder weniger willkürlich gewählt. Die Naturwissenschaften fielen mangels ausreichender kognitiver Strukturierung aus. Kleingehalten, wie ich geworden war, traute ich mir ein Studium meinen Neigungen entsprechend – Sprachen, Deutsch – nicht zu.«

Dennis Schneider: »Praktika in Metropolregionen wie München oder gar im Ausland sind ohne nötige finanzielle Untermauerung kaum realisierbar. Oft fehlt es gleichermaßen an einer »fallback option«: Wenn man nach dem Aufenthalt eben nicht mehr einfach so heimkehren kann, weil man zwei Unterkünfte nicht gleichzeitig finanzieren kann und demnach immer auf dem Sprung ist – sowieso immer ins Ungewisse. Der soziale Aspekt spielt eine ebenso tragende Rolle. Man verlässt für eine persönliche Entwicklung die Komfortzone, in der sich logischerweise Familie und Freunde befinden.«

Anonym: »Die Kommilitonen haben einen adäquaten PC daheim, man selbst muss die Rechner an der Uni im CiP-Pool nutzen. Man gehört nicht dazu, weil man sich dies oder jenes nicht leisten kann, oder einfach nicht so häufig am Wochenende mit weggeht.«

Pia Neudert: »Auf mein duales Studium mit Ausbildung zur Luftverkehrsfrau bewarb mich damals mit kleinen, lustigen Anekdoten im Lebenslauf, wie der Auflistung meines Geburtskrankenhauses als Geburtsort. Aber wie hätte ich denn wissen sollen, wie man Lebensläufe möglichst Management-tauglich erstellt? Die Online-Tests auf der Bewerberplattform absolvierte ich an einem Sommernachmittag, ohne Vorbereitung, ganz auf mich gestellt. Ich wusste nicht, dass es Bücher gibt, die einen auf so etwas vorbereiten. Genauso wenig, wie ich wusste, dass das, was auf den erfolgreichen Test folgen würde, ein Assessment-Center ist – geschweige denn, dass dies so heißt und was dies umfasst.«

Der Berufseinstieg: »Meistens kämpfte ich gegen meine Selbstzweifel an: Kann ich das?«

Ist Herkunft im Büro überhaupt noch relevant? Kein bisschen, schrieben einige, im Büro ginge es doch nur um die tatsächliche Leistung. Andere wiederum erzählten von ihren Schwierigkeiten beim Small Talk, vom Gefühl, im Team nicht dazuzugehören – und vom mangelnden Selbstbewusstsein, was die eigenen Kompetenzen angeht.

Anonym: »Ich war nicht darauf vorbereitet, wie es sich anfühlt, in einem Kreis von Ärztinnen und Ärzten, Psychologinnen und Psychologen selbstbewusst bestehen zu wollen. Beruflich-inhaltlich war das schnell kein Thema mehr. Deutlich wurde es bei informellen Kontakten, Gesprächen, Treffen, Feiern. Ich konnte nicht mitreden, wenn es darum ging, ob nun Beethoven oder Mozart die besseren Komponisten waren und was die Unterschiede zwischen den Stilen der klassischen Musik sind. »Gehen wir gemeinsam reiten, ich habe im Stall so einen kernigen Westfalen?« – und ich dachte, sie meint den Stallknecht. Über allem stand mein Dialekt – in meinem Elternhaus wurde kein Hochdeutsch gesprochen. Oft genug hat das dafür gesorgt, dass die Kollegen und Kolleginnen dachten, die Satirikerin in mir entdeckt zu haben.«

Anonym: »Beim dritten Arbeitgeber nach x Berufsjahren interessiert die Herkunft niemanden mehr.«

Sebastian: »Nach dem Studium bin ich unbefristet übernommen worden und habe zuerst als kaufmännischer Projektleiter und später als Accountant im HR Umfeld relativ erfolgreich, aber abseits jeglicher »visibility«, wie man so schön sagt, gearbeitet. Feedback in Entwicklungsgesprächen war oftmals, dass ich sehr loyal und ein verlässlicher Partner sei, über das normale Maß hinaus Leistung bringe, aber diese nach außen hin nicht präsentiere und selbstbewusster sein solle. Damals habe ich das nicht immer verstanden. Ich bin sehr wohl selbstbewusst, habe immer wieder an verschiedenen Stellen in meinem Leben Verantwortung für mich und andere übernommen. Niemandem habe ich eine Show verkauft, sondern wollte lediglich durch Leistung und Qualität überzeugen. Das waren meine, als Arbeiterkind geprägten Werte.

Anonym: »Ich habe erst mit Anfang/Mitte 30 (heute bin ich 42 Jahre alt) gelernt, wie ich mich im Job behaupte, wie ich mich unter Mitmenschen so bewegen kann, dass sie mich akzeptieren, ich mich mit ihnen auf Augenhöhe sehen kann und ich mir nicht länger als »kleines Dummchen« oder Außenseiterin vorkomme. Denn mir erschienen alle anderen immer viel intelligenter, gebildeter und wortgewandter. Dadurch habe ich zum Start ins Berufsleben viel Potenzial nicht nutzen können.«

Johannes: »Nach dem Ende meines Studiums stand ich vor düsteren Aussichten. Der Werkstudentenjob entfiel, keine Übernahme durch mangelnde Leistung (welche dem Tod meines Vaters geschuldet war). Kein Arbeitgeber war willig, in der Unsicherheit der Covid-Pandemie neue Arbeitskräfte onzuboarden. Mangels finanzieller Reserven meinerseits oder in der Familie und aufgrund einer Wohnsituation, die den Hartz-IV-Antrag zerschossen hat, war ich gezwungen, so schnell wie möglich einen Job zu finden. Aus diesem Grund bin ich in Luxemburg gelandet. Mit etwas mehr professionellem Netzwerk von elterlicher Seite oder auch Erfahrungen in Bezug auf Bewerbungen in großen Firmen hätte dies vermieden werden können, genauso durch mehr finanzielle Entspannung.

Melanie Kaacksteen: »Meine Herkunft habe ich immer offen kommuniziert. Staunende Augen und anerkennendes Nicken – das sind häufig die Reaktionen, wenn ich einem zukünftigen Chef oder einer neuen Kollegin von meinem Werdegang erzählt habe: erst Hauptschule, dann Realschule und schließlich Abi und Studium der Geisteswissenschaften, das ich mit dem Magister abschloss. Ich denke, dass mir dieser Weg auch einige Einladungen zu Bewerbungsgesprächen ermöglicht hat. Aber ich wollte nie als Exotin herausragen, sondern dazugehören.

Aber dieser Weg hat auch viel Kraft, Zeit, Verzicht und Kämpfe gekostet. Meistens kämpfte ich gegen meine Selbstzweifel an: Kann ich das? Ist dies mein Platz im Leben? Zum einen verstärkte der Druck meine Unsicherheit. Und zum anderen kompensierte ich die Selbstzweifel mit noch mehr Arbeit. Ich musste im Laufe meines Berufslebens erst lernen, dass es in Ordnung ist, auch mal Fehler zu machen – und ich deswegen nicht gleich alles Erreichte wieder verlieren oder ausgeschlossen werden würde.«

Die Erfahrungen: »Ich konnte bisher zwar in keine Fußstapfen treten, dafür aber stets Spuren hinterlassen.«

Von der Zerrissenheit zwischen Elternhaus und neuen Freund- und Bekanntschaften, von ihrer Identitätssuche, haben viele Arbeiterkinder geschrieben. Aber auch von den Werten, die die Eltern ihnen mitgegeben haben – und vom Mehrwert, mit beiden Welten vertraut zu sein.

Dennis Schneider: »Eine Mutter, die Arzthelferin ist und keine Ärztin, ist doch als Mensch nicht weniger Wert. Mein Selbstverständnis ist, dass die soziale Herkunft einen ein Leben lang prägen wird, sodass man sich die Vorteile daraus ziehen muss. Wer letztlich beide Welten versteht, kann nur erfolgreich werden. Daher ist ein nicht-akademischer Hintergrund nicht per se als Schwäche auszulegen. Ich konnte bisher zwar in keine Fußstapfen treten, dafür aber stets Spuren hinterlassen.«

Anonym: »In meiner späteren Ausbildung zum Zeitungs- und Radiojournalisten habe ich mir mein berufliches Netzwerk selbst aufgebaut, da hat dann auch niemand mehr nach meiner Herkunft gefragt. Ich habe mich immer wieder mal selbstständig gemacht und die Erfahrung aus meiner Jugend hat mich gerade da gestärkt. Wichtige Kompetenzen hat sie mir mitgegeben: Durchsetzungsvermögen, Empathie und Selbstbewusstsein aufgrund der eigenen Leistungen.«

Stephan Vogel: »Durch Uni, Studienstiftung und Beruf bin ich viel mit Menschen aus bürgerlichen, großbürgerlichen und sogar adligen Kreisen in Berührung gekommen. Das hat mich nicht grundsätzlich beeindruckt oder beeinträchtigt. Aber ich kenne das Gefühl, nicht dazuzugehören. Nicht Skifahren zu können. Nicht Klavier spielen zu können, obwohl ich es als Kind unbedingt wollte. Und keine Antwort zu wissen, wo man als Kind gern in Urlaub war. Aber ich kenne auch das Gefühl, dass man besser trainierte »Muskeln« hat, wenn man auf einer längeren und steileren Leiter vorankommen musste. Und dank Corona kann ich jetzt sogar Klavier spielen. Ich habe es mir selbst beigebracht, so wie vieles im Leben.«

Leseraufruf

Waren Sie auch die erste Person in der Familie, die studiert hat? Mit welchen Herausforderungen hatten Sie beim Berufseinstieg zu kämpfen? Sprechen Sie mit Ihren Kolleginnen und Führungskräften darüber, dass Sie aus einer Arbeiterfamilie stammen? Gab es Situationen, in denen Sie das Gefühl hatten, Sie würden im Team aufgrund Ihrer sozialen Herkunft nicht dazugehören? Schicken Sie uns eine Mail mit Ihren Erfahrungen und Erlebnissen im Unternehmen.

Wir freuen uns auf Ihre Einsendungen an diese E-Mail-Adresse!  Mit einer Einreichung räumen Sie SPIEGEL.de das Recht ein, diese unter Nennung Ihres Namens auf SPIEGEL.de zu veröffentlichen, redaktionell bearbeiten zu dürfen, insbesondere (nicht sinnentstellend) zu kürzen, und dauerhaft zu archivieren. Sollten Sie auf Anonymität bestehen, vermerken Sie das bitte in der Mail.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.