In Kooperation mit

Job & Karriere

Arbeitslose Ingenieure "Auch wer spezialisiert ist, kriegt nicht immer einen Job"

Deutschland klagt über Fachkräftemangel. Und doch sind viele Ingenieure arbeitslos. Wie geht das zusammen? "Mismatch" gehöre zum Arbeitsmarkt, sagt Ökonom Thomas Straubhaar. Im Interview spricht er über zu hohe Erwartungen und über Chancen in fachfremden Disziplinen.
Von Harald Schultz
Die Anforderungen im Job ändern sich für Ingenieure schnell

Die Anforderungen im Job ändern sich für Ingenieure schnell

Foto: Stefan Puchner/ dpa

KarriereSPIEGEL: Herr Straubhaar, in Deutschland wird ständig über das Thema Fachkräftemangel diskutiert und beklagt, dass es zu wenig Ingenieure gebe. Gleichzeitig sind aber viele tausend Ingenieure in Deutschland arbeitslos. Da stimmt doch etwas nicht.

Straubhaar: Natürlich gibt es arbeitslose Ingenieure, wie in jedem Berufsstand. Wir haben einen Mismatch, einen Passfehler oder unterschiedliche Erwartungen von Arbeitgebern und Arbeitnehmern. Das gibt es grundsätzlich auf allen Arbeitsmärkten. Die Firmen haben bestimmte Erwartungen an die Bewerber, die vielleicht gerade nicht passen.

KarriereSPIEGEL: Ein Ingenieur ist doch ein Ingenieur - oder?

Straubhaar: Wenn ein Unternehmen einen Bauingenieur sucht, aber ein Maschinenbauer sich anbietet, dann passt das halt nicht. Deutsche Arbeitnehmer sind auch oft sehr regional gebunden. Da kann es sein, dass ein Ingenieur aus Nürnberg nicht auf eine Stelle nach Hamburg wechseln will. Das sind regionale Starrheiten.

KarriereSPIEGEL: Aber gerade aus Süddeutschland muss doch niemand in den Norden wechseln...

Straubhaar: Es kommt hinzu: Wenn Sie Ingenieur gelernt haben, aber zwischenzeitlich im Management waren, haben Sie vielleicht den technischen Anschluss verloren, falls Sie wieder als Ingenieur arbeiten wollen. Der Strukturwandel ist sehr rasch in den MINT-Fächern, also in Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik. Was Sie einmal gelernt haben, ist 20 Jahre später möglicherweise perdu. Beispiel: Wenn Sie früher einmal Plattenspieler hergestellt haben, dann haben Sie heute natürlich ein Problem, wenn Sie in die Medizintechnik wechseln wollen. Die Altersstruktur spielt ebenfalls eine Rolle.

Fotostrecke

Ingenieurgehälter: Top 5 und Flop 5 nach Branchen

Foto: Stephanie Pilick/ picture alliance / dpa

KarriereSPIEGEL: Inwiefern?

Straubhaar: Internationale Betriebe wollen häufig junge Mitarbeiter, die sie ins Ausland schicken können, zum Beispiel.

KarriereSPIEGEL: Wird die Erfahrung der Älteren nicht immer wichtiger?

Straubhaar: Ja, und das sollten die Unternehmen auch lernen. Wir können nicht immer den Staat für alle Probleme verantwortlich machen.

KarriereSPIEGEL: Ein Arbeitsloser, der 54 ist, kann doch nichts für sein Alter.

Straubhaar: Genau, es ist absolut richtig, dass sich die Wirtschaft und die Arbeitgeber bewegen müssen. Es gibt keinen Grund, einen Ingenieur über 50 nicht einzustellen. Da müssen entsprechende Strukturen geschaffen werden. Das gilt ganz besonders für Frauen. Sie müssen nicht Ingenieurin sein, um einen Ingenieurbetrieb klug zu leiten, das sieht man ja an den männlichen Führungskräften, die auch nicht Stahlkocher sind und dennoch Stahlfirmen leiten.

KarriereSPIEGEL: Ist die deutsche Ingenieursausbildung oder die Berufspraxis ein Problem bei einem Branchenwechsel? Wird zu spezialisiert ausgebildet und gearbeitet?

Straubhaar: Das kann ein Grund sein. Aber alles in allem ist die Ausbildung der Ingenieure in Deutschland im internationalen Vergleich sehr gut. Ich weiß nicht, ob die Einführung des allgemein gehaltenen Bachelors mit dem dann folgenden spezialisierten Master-Abschluss die richtige Maßnahme war, ich bin skeptisch. Der deutsche Diplom-Ingenieur war schon ein sehr guter Abschluss.

KarriereSPIEGEL: Welche Hoffnung gibt es denn für arbeitslose Ingenieure?

Straubhaar: Sie sind in der Regel sehr gut ausgebildet in der abstrakten Analyse und könnten auch in anderen Tätigkeiten bestehen. Als Manager zum Beispiel. Oder anekdotisch: Ich kenne viele MINT-Absolventen, die in sozial- und geisteswissenschaftlicher Tätigkeit erfolgreich sind, weil sie sehr gute analytische Fähigkeiten mitgebracht haben. Bis hin zu Ingenieuren als Unternehmensberater.

KarriereSPIEGEL: Was ist Ihr Vorschlag?

Straubhaar: Mismatch gehört dazu. Er ist eine natürliche Nebenerscheinung auf dem Arbeitsmarkt. Das wird erst dann störend, wenn es systematisch wird, sich die unterschiedlichen Erwartungen zementieren. Aber der Übergang von einem Job in den anderen verläuft nicht immer reibungslos. Das haben wir früher friktionelle Arbeitslosigkeit genannt.

KarriereSPIEGEL: Was kann man tun, um die Übergänge zu erleichtern?

Straubhaar: Ständig sich klarmachen, dass beide, also Arbeitnehmende und Arbeitgebende, offen sein müssen für Neues. Dass der Strukturwandel so schnell ist, dass das Grundwissen des ersten Abschlusses vielleicht noch ein paar Jahre reicht, aber nicht mehr ein ganzes Leben lang. In den Firmen beschäftigen sich die Ingenieure ja immer wieder mit neuen Dingen und gehen in die Weiterbildung. Ich würde zu mehr Gelassenheit raten.

KarriereSPIEGEL: Arbeitslosigkeit ist für einen Hochqualifizierten aber nicht einfach zu ertragen.

Straubhaar: Das hat mit Erwartungen zu tun. Es ist ein Fehler zu glauben, nur weil Sie hoch spezialisiert sind, werden Sie immer einen Job finden, bei dem Sie noch mehr verdienen und mehr Verantwortung übernehmen können.

KarriereSPIEGEL: War das aber nicht das Versprechen des deutschen Wirtschaftswunders?

Straubhaar: Erforderlich ist eben im 21. Jahrhundert eine Anpassung an die Lebenswirklichkeit. Ungebrochene Biografien beim selben Betrieb mit einem permanenten Aufstieg vom Lehrling zum Vorstandsvorsitzenden sind unrealistisch geworden.

Das Interview führte Harald Schultz, freier Journalist in Berlin und Mitarbeiter von manager magazin online.

Zur Person
Foto: Rainer Jensen/ picture-alliance/ dpa

Thomas Straubhaar (Jahrgang 1957) ist Direktor des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts (HWWI) und Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Hamburg.