Im Wutanfall selbst verletzt Arbeitgeber muss Lohn weiterzahlen

Ein Streit mit dem Chef brachte einen Gabelstaplerfahrer derart in Rage, dass er ein Schild verprügelte und sich dabei die Hand brach. Selbst schuld, fand die Firma. Den Lohn aber muss sie trotz des Wutausbruchs weiterzahlen, entschieden hessische Richter.

Streit um die Scheibe: Auch Gabelstaplerfahrer mögen's lieber trocken
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Streit um die Scheibe: Auch Gabelstaplerfahrer mögen's lieber trocken


Kein Gabelstaplerfahrer mag es, wenn es ihm ins Fahrzeug regnet. Auch ein Warenauffüller eines hessischen Baumarktes wollte lieber nicht im Nassen sitzen. Im Außenbereich des Marktes musste er unter anderem das Steinsortiment bestücken und mit einem Stapler ohne Wetterschutz fahren. Als Windschutzscheibe brachte er im August 2012 ein Plexiglasteil an, doch das wurde wegen nicht optimaler Sicht vom Sicherheitsbeauftragten der Firma beanstandet und darum wieder abgebaut.

Nach einem freien Tag kam der Staplerfahrer zurück zur Arbeit, bemerkte die fehlende Scheibe und fragte Kollegen vergebens nach dem Grund. Also brachte er sie wieder an - bis der Geschäftsleiter erneut die Entfernung anordnete. Zunächst machte der Warenauffüller mit, wurde aber zusehends zorniger und schimpfte sich in Rage; man könne doch durch die Scheibe gut sehen, es sei alles "scheiße". Erst warf er mit Verpackungen, dann boxte er mehrmals gegen ein Verkaufsschild aus Schaumstoff.

Pech für ihn: Unter dem Schaumstoff war eine Holzstange, und die war härter als seine Faust. Die Hand des Angestellten schwoll stark an - glatt gebrochen. Sechs Wochen lang war er deshalb arbeitsunfähig.

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Arbeitsrechts-Urteile: Abgemahnt, gefeuert, geklagt
Das Unternehmen lehnte die sonst vorgeschriebene Entgeltfortzahlung im Krankheitsfall ab. Begründung: Die Anweisung zur Plexiglas-Entfernung sei sachlich berechtigt gewesen, der Ärger des Mitarbeiters "völlig überzogen". Seine Verletzung habe er sich selbst zuzuschreiben - zumal er nach dem ersten Schlag weiter auf das Schild eindrosch, obwohl das harte Holz zu spüren war.

Der Staplerfahrer klagte die Entgeltfortzahlung ein. Muss der Arbeitgeber für die Folgen eines Wutausbruchs aufkommen? In diesem Fall ja, entschieden Gerichte in zwei Instanzen. Der Kläger habe sich zwar leichtfertig verhalten, aber weder vorsätzlich noch grob fahrlässig, urteilte zunächst das Arbeitsgericht Offenbach am Main (Aktenzeichen 5 Ca 58/13). Er habe sich in einem emotionalen Ausnahmezustand befunden und deshalb die Kontrolle verloren.

So sah es in der zweiten Instanz auch das Hessische Landesarbeitsgericht: Es handele sich um "nur mittlere Fahrlässigkeit". Der Wutanfall sei nicht zu billigen, "menschlich gleichwohl nachzuvollziehen", weil er die Anweisung "subjektiv als schikanös empfand". Als besonders leichtfertig oder grob fahrlässig stuften die verständnisvollen Richter das Verhalten des Warenauffüllers nicht ein. Darum muss der Arbeitgeber insgesamt knapp 2700 Euro Lohn nachzahlen (Aktenzeichen 4 Sa 617/13).

jol



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scribifax 02.01.2014
1.
Bei solchen Urteilen darf man sich nicht wundern, dass die es die Arbeitgeber bevorzugen, längstmöglich befristete Arbeitsverträge abzuschliessen. Wieso soll der Arbeitgeber dafür aufkommen, wenn sich der Mitarbeiter emotional nicht unter Kontrolle hat??? Wenn sich so einer meiner Mitarbeiter verhalten hätte, dann wäre ihm die ausserordentliche Kündigung (hilfsweise eine Abmahnung) sowie eine Schadensersatzklage sicher gewesen.
Indigo76 02.01.2014
2.
Zitat von sysopDPAEin Streit mit dem Chef brachte einen Gabelstaplerfahrer derart in Rage, dass er ein Schild verprügelte und sich dabei die Hand brach. Selbst schuld, fand die Firma. Den Lohn aber muss sie trotz des Wutausbruchs weiter zahlen, entschieden hessische Richter. http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/arbeitsrecht-arbeitgeber-muss-lohn-auch-nach-selbstverletzung-zahlen-a-941297.html
Wollen wir mal hoffen, dass dieser hessische Baumarkt keine Filliale von Praktiker oder Max Bahr war. Dann dürfte die Wut des Mitarbeiters nämlich noch ein paar andere Gründe haben.
Indigo76 02.01.2014
3.
Zitat von scribifaxBei solchen Urteilen darf man sich nicht wundern, dass die es die Arbeitgeber bevorzugen, längstmöglich befristete Arbeitsverträge abzuschliessen. Wieso soll der Arbeitgeber dafür aufkommen, wenn sich der Mitarbeiter emotional nicht unter Kontrolle hat??? Wenn sich so einer meiner Mitarbeiter verhalten hätte, dann wäre ihm die ausserordentliche Kündigung (hilfsweise eine Abmahnung) sowie eine Schadensersatzklage sicher gewesen.
Sie nehmen also auch Änderungen im Arbeitsbereich ihrer Mitarbeiter vor, ohne die Gründe mit ihnen zu kommunizieren? Schwache Leistung! Wenn die Marktleitung dem Staplerfahrer rechtzeitig die Gründe für die Entfernung der Scheibe genannt und obendrein für erträgliche Arbeitsbedingungen gesorgt hätte (Regenschutz ist keine übertriebene Forderung), wäre es zu dem Vorfall nicht gekommen. Ihre Abmahnung könnten sie sich sonstwohin schieben. Die würde mittels Arbeitsgericht aus der Personalakte gestrichen.
Gertrud Stamm-Holz 02.01.2014
4. falsch rum
Zitat von scribifaxBei solchen Urteilen darf man sich nicht wundern, dass die es die Arbeitgeber bevorzugen, längstmöglich befristete Arbeitsverträge abzuschliessen. Wieso soll der Arbeitgeber dafür aufkommen, wenn sich der Mitarbeiter emotional nicht unter Kontrolle hat??? Wenn sich so einer meiner Mitarbeiter verhalten hätte, dann wäre ihm die ausserordentliche Kündigung (hilfsweise eine Abmahnung) sowie eine Schadensersatzklage sicher gewesen.
Der Mitarbeiter hat sich schliesslich völlig grundlos so aufgeregt. Da haben Sie natürlich recht. Wenn Ihr Mitarbeiter sich wegen nicht tauglicher Arbeitsmittel so verhält, dann sollten Sie als Chef sich gründlichst mit Ihrer Aufgabe als Vorgesetzter befassen. Wer mit einem Stapler auch auf Freiflächen unterwegs ist, der hat ein Recht auf einen vernünftigen Regenschutz. Sonst holt sich der Mitarbeiter womöglich noch einen Schnupfen und fällt deswegen aus.
hans gruber 02.01.2014
5. Logisch!
Mitarbeiter hat sich nicht unter Kontrolle = Arbeitgeber wird bestraft! Die Clowns in der schwarzen Robe sind immer für Späßchen zu haben!
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