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Die Arbeitswelt nach Corona Das Ende des Großraums

Schon jetzt hat die Coronakrise die Art, wie wir leben und arbeiten, verändert. Was bedeutet das für die Büroarbeit - und für das Wohnen? Sechs Trends, die unser Leben künftig bestimmen werden.
Auf einmal ist alles so leer - das kann eine Chance für ganz neue Raumkonzepte sein

Auf einmal ist alles so leer - das kann eine Chance für ganz neue Raumkonzepte sein

Foto: Thomas Barwick/ Getty Images

Das Homeoffice wird büroiger

Luxus-Homeoffice: Hier wäre doch noch reichlich Platz für Corporate Design

Luxus-Homeoffice: Hier wäre doch noch reichlich Platz für Corporate Design

Foto: Steve Brookland/ Getty Images/Westend61

Wer zu Hause arbeitet, stellt dem Arbeitgeber großzügig Ressourcen zur Verfügung: Beheizte Räume mit gratis Internet- und Stromversorgung. Nach etlichen Wochen auf ergonomisch fragwürdigen Sitzgeräten kommen etliche Arbeitnehmer auf die Idee, dass der Arbeitgeber jetzt eine gewisse Bringschuld hat: Zumindest ein guter Bürostuhl und vernünftige Technik über einen Laptop hinaus sollten drin sein.

Auch die Firma selbst könnte ein Interesse daran haben, die Heimbüros ihrer Mitarbeiter mit dem einen oder anderen Upgrade zu versehen. "Das Homeoffice ist bisher ein völlig vernachlässigter Markenkontaktpunkt und ein unprofessionelles Arbeitsumfeld – aber eigentlich tritt der Mitarbeiter auch hier als Markenbotschafter auf", sagt Oliver Dering, Leiter der Architekturabteilung der Hamburger Designagentur Mutabor. "Es ist zwar charmant, Einblicke in die Privatsphären zu bekommen, aber wo im Büro durch Corporate Design Visualität, Botschaften, Atmosphäre klar orchestriert werden, erscheint das Homeoffice als ungeregelter und nicht gestalteter Raum."

Es könne, meint Dering, in Zukunft zum Employer Branding gehören, je nach Hierarchiestufe eine entsprechende Ausstattung für das Homeoffice anzubieten – ein Package, das der Arbeitnehmer sich selbst zusammenstellen kann und das seinen Arbeitgeber bei Videocalls angemessen repräsentiert. Auch die Bindung ans Unternehmen kann so steigen. Mutabor schätzt, dass bei Kosten von 2000 bis 4000 Euro pro eingerichtetem Arbeitsplatz ein gigantischer Markt für das "branded Homeoffice" entsteht, dessen Potential zwischen 16 und 32 Milliarden Euro liegen könne.

Die Wohnarchitektur ändert sich

Neue Wohnsiedlung Wellekamp für VW-Mitarbeiter: Neue Arbeits- und neue Wohnformen üben wechselseitigen Einfluss aus

Neue Wohnsiedlung Wellekamp für VW-Mitarbeiter: Neue Arbeits- und neue Wohnformen üben wechselseitigen Einfluss aus

Foto: Matthias Leitzke/ VW/ dpa

Angesichts des angespannten Wohnungsmarkts haben in der jüngsten Vergangenheit immer mehr Firmen Mitarbeiterwohnungen als Instrument zur Bindung gesuchter Fachkräfte entdeckt. Aus dem Zusammentreffen neuer Arbeitsformen und neuer Wohnangebote könnte ein neuer Trend entstehen: Wohneinheiten, in denen das Homeoffice zum essentiellen Kern einer zukünftigen Grundrissgestaltung werden könnte.

Wohnen und Arbeiten, in der Neuzeit für die meisten Arbeitnehmer getrennte Lebensbereiche, könnten künftig wieder viel mehr zusammenwachsen. "Firmen wie Google haben  vorgemacht, wie man das Privatleben ins Büro holt – mit Freizeitangeboten, Wellness und Kulinarik. Jetzt schwingt das Pendel in die andere Richtung: Das Büro schwappt ins Zuhause. Vielleicht werden wir in Zukunft auch Häuser und Wohnungen ganz anders entwickeln, weil wir diesen Aspekt künftig mitdenken müssen", sagt Architekt Dering.

Und wenn das Homeoffice von Anfang an vernünftig mitgeplant ist, mag es auch für diejenigen attraktiver werden, die bisher lieber ins Büro gegangen sind. Langfristig würde das auch Wohnen und Gewerbe stärker durchmischen – und Wohnviertel, die sonst tagsüber mehr oder minder leerstehen, lebendiger machen.

Das Ende des Großraumbüros

Mehr Trennwände, flexible Raumkonzepte: Mit der Coronakrise steht die offene Büroarchitektur auf dem Prüfstand

Mehr Trennwände, flexible Raumkonzepte: Mit der Coronakrise steht die offene Büroarchitektur auf dem Prüfstand

Foto: JOI-Design

Derzeit häufen sich Vorschläge von Büroeinrichtern, wie Infektionsschutz auch in gemeinsam genutzten Räumen gut umgesetzt werden kann. In vielen Entwürfen spielen Trennwände eine wichtige Rolle - nicht mehr nur als kleiner Sichtschutz für die Bildschirm-Privatsphäre, sondern in lichtere Höhen strebend, um Tröpfcheninfektionen abzuwehren. Von dort ist es, könnte man denken, nicht mehr weit zu den Office Cubicles der 60er Jahre – Massenangestelltenhaltung in hygienisch abgeschirmten Boxen.

Statt der bisher offeneren Strukturen in großen Räumen werden wir künftig "abgeschlossenere Einheiten erleben", ist Arbeitsexperte Stefan Rief vom Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation überzeugt. Eine Rückkehr in die Zelle werde es aber nicht geben – vielmehr werde man "in der Breite viel bewusster den Arbeitsort wählen".

Podcast "Arbeitspioniere: Gelebte New-Work-Konzepte"
Smart Office: In Zukunft soll alles noch flexibler werden

Smart Office: In Zukunft soll alles noch flexibler werden

Foto: Getty Images/ Theim Kommunikation/ Siemens

 Ob wir künftig noch im Büro arbeiten werden und wenn ja, wie dieser Ort aussehen könnte, verrät Stefan Rief, Leiter des Forschungsbereichs Organisationsentwicklung und Arbeitsgestaltung am Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation, im aktuellen Podcast. Die Folge ist der Auftakt für unsere zweite Staffel "Arbeitspioniere", die das Thema New Work in der Arbeitswelt betrachtet.

In naher Zukunft wird es allerdings erst einmal um pragmatischen Infektionsschutz gehen müssen. Das heißt vor allem: Mehr Abstand. Der Einrichter Steelcase etwa schlägt drei Phasen vor: Für die schnelle Rückkehr erst einmal Raumkonzepte ändern, Möbel gegenläufig drehen und neue Reinigungsregeln einführen – in Phase zwei dann anpassbare Lösungen und flexiblere Möblierung einrichten, um Räume jeweils auf die aktuelle Nutzung zu optimieren. Und langfristig "innovative Unternehmenskulturen etablieren, in der neue Arbeitsweisen und -normen gefördert werden".

 "Die Qualität der physischen Arbeitsumgebung wird steigen", ist Rief überzeugt – es werde künftig mehr Rückzugsräume in den Firmen geben. "Das Großraumbüro ist ohnehin im Schwinden. Es funktioniert akustisch nicht, die Störfaktoren sind zu groß", sagt Sabrina Voecks, Partner und Creative Director beim Hamburger Innenarchitekturbüro JOI-Design. "Man kann aber Zonen für vielleicht acht bis 16 Mitarbeiter schaffen. Eine gewisse Offenheit zum Flur hin ist hilfreich, um mitzubekommen, wo meine Kollegen sind und was sie tun."

Gemütlichkeit auf Abstand

Meeting im grünen Bereich: Pflanzen und Holz schaffen eine lauschige Atmosphäre

Meeting im grünen Bereich: Pflanzen und Holz schaffen eine lauschige Atmosphäre

Foto: JOI-Design

Die Grundidee des modernen Arbeitslebens ist die unkomplizierte Kollaboration und lockere Begegnung auch von Kollegen und Kolleginnen verschiedener Abteilungen. Infektionsschutzbestimmungen stellen sich dieser Idee erst einmal in den Weg: Möglichst kontaktarm soll es ein, Abstände müssen eingehalten werden.

"Austausch ohne physische Treffen – das geht langfristig nicht", sagt Innenarchitektin Voecks. "Das große Thema einer modernen Arbeitswelt ist, wie man Beziehungen und Vertrauen aufbauen kann. Verträge sind schwer über Videokonferenzen zu verhandeln; wir brauchen Räume, die eine behagliche Atmosphäre schaffen, die helfen, Bindungen zu etablieren." Infektionsschutz werde aber auch in Zukunft eine wichtige Rolle spielen. "Vielleicht wird man bei einem Shared-Desk-Konzept in Zukunft nicht mehr mehrmals am Tag wechseln, aber man wird eher auf gute Reinigungskonzepte zurückkommen als darauf, das Prinzip komplett abzuschaffen. Langfristig wird man nicht so weit gehen, nur noch die bestmöglich zu reinigenden Oberflächen zu haben – sonst entsteht eine zu sterile Atmosphäre. Man sieht an Krankenhäusern, dass ein paar bunte Flächen nicht ausreichen, um diesen Effekt zu neutralisieren."

Sie glaubt, dass vor allem der Trend zu natürlichen Materialien wie Holz und zur Raumgestaltung mit Pflanzen sich verstärken werde. "Und vielleicht wird es in Zukunft eher Meetingräume geben, die mit kleinen Sesseln mit je eigenem Tischchen ausgestattet sind, wie in einem privaten Club."

Distanz prägt die Innenarchitektur

Durchblick und Trennscheiben: Offener Grundriss in einem Bürogebäude

Durchblick und Trennscheiben: Offener Grundriss in einem Bürogebäude

Foto: Dennis Gilbert/ View Pictures/ UIC/ Getty Images

Herzlicher Empfang – aber bitte auf Abstand: 2017 berichtete die Neue Zürcher Zeitung von dem Konzept der Schweizer Post, endlich das Panzerglas vor den Schaltern verschwinden zu lassen, um künftig an offenen Empfangstresen direkter mit den Kunden in Kontakt treten zu können. Damit waren die Schweizer spät dran – ab den 1990er Jahren stellte die Post auf "Open Service" um und entfernte die Panzerglasscheiben, die seit den 1960er Jahren Kunden und Personal trennten.

In Supermärkten und an Empfangstresen ist jetzt das Glas zurück – allerdings in der Plexi-Variante statt des überfallsicheren Panzerglases. Dieser Trend wird sich wohl halten: Beim Erstkontakt oder in Bereichen mit vielen Kunden wird wohl noch lange eine Infektionsschutz-Barriere zum alltäglichen Bild gehören. Aber auch in den bisher eher offen gestalteten Büros werden verschiebbare Trennwände das Bild prägen, weil sie eine vergleichsweise unaufwendige Möglichkeit sind, rasch Distanz zu schaffen. Damit verschwinden Sichtachsen, mehr Privatsphäre entsteht.

Neue Grundrisse

Wenn sich räumlich flexible Arbeitskonzepte inklusive Homeoffice flächendeckend durchsetzen (und im Moment spricht viel dafür, dass dieser Geist nicht mehr in die Flasche zurückkehren wird) werden Firmen nicht mehr nur über Trennwände, sondern über neue Architekturkonzepte nachdenken. Schon jetzt werden in neuen Firmenzentralen nicht mehr Arbeitsplätze für alle Mitarbeiter vorgehalten – weil ohnehin nie alle gleichzeitig da sind. Dieser Trend der schrumpfenden Zentralen könnte sich beschleunigen.

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Kurzfristig allerdings wird das Raumangebot wohl erst einmal großzügiger: "Wenn künftig 30 bis 40 Prozent derjenigen, die bisher ins Büro gegangen sind, von zu Hause aus arbeiten, dann könnte die Rechnung aufgehen, dass damit in der Firma genau die Freiräume in den Grundrissen entstehen, die man für die neuen Distanzregeln braucht", so Innenarchitektin Voecks.

Langfristig reiche es aber nicht, nur die Schreibtische umzustellen. "Eigentlich müssten die Gebäude wieder schmaler werden", sagt Voecks. "Denn die Meetingräume, gerade auch kleine Thinktanks, lagen bisher meist in Nischen in der Mittelzone. Die müssten nach außen wandern, wo es bessere Belüftungsmöglichkeiten gibt."