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Job & Karriere

Arbeitswelt nach Corona »Frauen nutzen die gesparte Zeit für Haus- und Sorgearbeit«

Corona hat für viele Menschen den Arbeitsalltag verändert. Verbessert hat sich für Frauen aber wenig. Arbeitsmarktexpertin Katharina Wrohlich sagt, woran das liegt – und warum Chefs zu Frauen unfairer sind.
Ein Interview von Franca Quecke
Multitasking-Mütter: Auf die Kinder aufpassen, kochen, putzen und nebenbei noch am Laptop arbeiten

Multitasking-Mütter: Auf die Kinder aufpassen, kochen, putzen und nebenbei noch am Laptop arbeiten

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Ralf Hiemisch / fStop / Getty Images

SPIEGEL: Frau Wrohlich, hat die Pandemie Frauen im Kampf um Gleichberechtigung zurückgeworfen?

Wrohlich: Das war am Anfang die Befürchtung. Gleichzeitig haben andere Stimmen behauptet, das Gegenteil würde passieren: Sie sahen die Pandemie als Gleichheitsbeschleuniger, weil die Väter im Homeoffice merken, was zu Hause alles zu tun ist. Zusammen könne man sich das ja dann viel besser aufteilen. Aber weder das eine noch das andere ist eingetroffen.

Zur Person
Foto: DIW Berlin

Katharina Wrohlich, Jahrgang 1977, ist Professorin für Öffentliche Finanzen, Gender- und Familienökonomie an der Universität Potsdam und Leiterin der Forschungsgruppe »Gender Economics« am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin). Ihre Forschungsschwerpunkte sind die Evaluation von Familien-, Steuer- und Sozialpolitik sowie Analysen von Geschlechterlücken am Arbeitsmarkt.

SPIEGEL: Sondern?

Wrohlich: Die Pandemie hat wie unter einem Brennglas gezeigt, wie stark ungleich die Sorgearbeit verteilt ist.  Für eine starke Retraditionalisierung haben wir keine empirischen Belege gefunden. Aber dass Männer den Frauen viel abgenommen hätten, konnten wir auch nicht feststellen. Frauen nutzen die Zeit, die sie beispielsweise durch virtuelle Meetings einsparen, öfter für Haus- und Sorgearbeit.  Männer hingegen häufen eher Überstunden an – und Arbeitgeber teilen dieses Vorurteil. In Umfragen schätzen sie Männer eher so ein, dass sie im Homeoffice mehr arbeiten als Frauen.

SPIEGEL: Aber dann ist es ja kein Vorurteil, wenn Frauen tatsächlich weniger arbeiten.

Wrohlich: Klar, im Durchschnitt stimmt das. Aber ob es jetzt für die konkrete individuelle Leistung einer Mitarbeiterin stimmt, das weiß ja der Arbeitgeber nicht.

SPIEGEL: Arbeitgeber sind also eher unfair zu Frauen?

Wrohlich: Nur weil Frauen – oder auch Männer – in Elternzeit gehen oder für kurze Zeit in Teilzeit arbeiten möchten, dürfen Führungskräfte nicht den Fehler machen, sie nicht als ehrgeizig, kompetent oder verlässlich wahrzunehmen. Chefs oder Chefinnen sollten Kontakt zu denen halten, die in Elternzeit gehen und ihnen Karriereperspektiven ermöglichen, auch wenn sie gerade erst frisch zurückgekommen sind. Arbeitszeitmodelle wie Jobsharing  könnten Teilzeitarbeit aufwerten und die Balance zwischen Beruf und Familie besser ermöglichen. Und: Es ist wichtig, dass auch Führungskräfte in Elternzeit oder in Teilzeit gehen. Nur so können wir geschlechterspezifische Lücken auf dem Arbeitsmarkt schließen.

»Bei der Geburt des ersten Kindes werden die Weichen gestellt.«

SPIEGEL: Haben Sie da ein Beispiel?

Wrohlich: Erst vor Kurzem haben wir eine Studie dazu veröffentlicht,  wie sich die Lohnlücke zwischen den Geschlechtern im Laufe des Lebens entwickelt. Bei den unter 30-Jährigen ist der Verdienstabstand zwischen Männer und Frauen eher gering, etwa 8 Prozent. Ab dem Alter von 30 Jahren steigt der Gender-Pay-Gap dann stark an und mit Mitte 40 sind die Gehaltsunterschiede am Höchsten. Uns zeigt das: Bei der Geburt des ersten Kindes werden die Weichen gestellt. Zum ersten Mal fällt dann in großem Umfang Sorgearbeit an – und die wird von Anfang an sehr ungleich verurteilt. Oft bleibt es so bis zum Ende des Erwerbslebens. Hier müsste man ansetzen, würde man es ernst meinen mit der Chancengleichheit am Arbeitsmarkt.

SPIEGEL: Was muss Ihrer Meinung nach passieren?

Wrohlich: Seit 2007 gibt es das Elterngeld  mit zwei Partnermonaten. Der Anteil der Väter, die überhaupt in Elternzeit gegangen sind, ist dadurch auf 40 Prozent gestiegen  – ein ziemlicher Erfolg. Trotzdem beziehen die Väter in der Regel nur zwei Monate Basiselterngeld, die Mütter zwölf Monate, die ungleiche Verteilung bleibt also.  Diese Partnermonate müssten deshalb sukzessiv aufgestockt werden auf sieben Partnermonate, fair aufgeteilt zwischen beiden Elternteilen.

SPIEGEL: Vor wenigen Wochen  hat ein Bild mit vielen Männern beim Businesslunch am Rande der Münchner Sicherheitskonferenz für Diskussionen gesorgt. Welche Probleme offenbart es?

Wrohlich: Wie wichtig Repräsentation ist – und wie wenig Zugang Frauen auf bestimmten Ebenen nach wie vor zu Macht haben. Aber diesbezüglich hat sich in den letzten Jahren auch schon ein wenig getan: Jahrelang hieß es, auf keinen Fall könne man eine Quote in Vorständen einführen, die Eingriffe in die unternehmerische Freiheit seien zu groß. Ab dem 1. August geht es doch – und schon jetzt ist die Zahl von Frauen in deutschen Vorständen deutlich gestiegen.  Es ist also mehr möglich, als wir denken. Andererseits: Neun EU-Länder gibt es mittlerweile, die Quotierungen für Aufsichtsräte und Vorstände festlegen. Im Vergleich sind deutsche Unternehmen von der Quote nicht so häufig betroffen.  Es ist also noch Luft nach oben.

»Wollen Frauen in bestimmte Positionen, müssen sie sich erst einmal beweisen, während Männern häufig von vorneherein als kompetent empfunden und befördert werden.«

SPIEGEL: Woran liegt es denn, dass es nur so langsam vorangeht?

Wrohlich: An geschlechtsstereotypen Zuschreibungen. Von einer Führungskraft werden nach wie vor Eigenschaften wie Durchsetzungskraft, Entscheidungsfreude, eine gewisse Risikobereitschaft, Belastbarkeit erwartet – überwiegend Charakteristika, die mit Männern assoziiert werden. Sich zu kümmern, gut zu kommunizieren wird eher Frauen zugeschrieben. Wollen die in bestimmte Positionen, müssen sie sich also erst einmal beweisen, während Männern häufig von vorneherein als kompetent empfunden und befördert werden. Viele Studien zeigen, dass das stark erlernte, eingeprägte Muster sind, die ganz unbewusst wirken. Es dauert, bis wir diese Zuschreibungen überwinden, von selbst wird es aber nicht funktionieren. Deshalb braucht es radikale Maßnahmen wie Quotierungen.

SPIEGEL: Je radikaler die Maßnahmen, desto heftiger ist häufig auch der Widerstand. Beobachten Sie bei betroffenen Unternehmen schon jetzt, dass die bei der Vorstandsquote herumtricksen?

Wrohlich: Das haben wir uns vor Kurzem in einer Studie angeschaut:  Verkleinern Unternehmen ihren Vorstand, von vier auf drei Mitglieder, um diese Quote zu umgehen? Das konnten wir nicht beobachten. Eher das Gegenteil: Vorstände, die bereits vier oder mehr Mitglieder hatten, wurden im Durchschnitt um eine Frau erweitert.

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SPIEGEL: Zurücktreten, um einer Frau Platz zu machen, kam nicht infrage?

Wrohlich: Von außen sieht es so aus, als hätte man die Sache mit der Frauenquote in den betroffenen Vorständen einfach abhaken wollen: Sollte der Vertrag eines Mannes verlängert werden, hat man sich darum zumindest schon gekümmert – und niemand muss gehen. Inwiefern man solche neu geschaffenen Vorstandsressorts extra für Frauen nun als Alibi bezeichnen kann oder ob das eine gute Entwicklung ist, kann ich noch nicht sagen.

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