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13. November 2017, 17:10 Uhr

Debatte um Achtstundentag

Das ist Arbeit - und das nicht

Von und

Schluss mit dem Achtstundentag: Politik und Wirtschaft wollen Regeln aus dem Arbeitszeitgesetz abschaffen. Dabei ist jetzt schon erstaunlich viel erlaubt.

Christoph Schmidt hat für Aufregung gesorgt. Der Vorsitzende der fünf sogenannten Wirtschaftsweisen forderte am vergangenen Wochenende mehr Flexibilität in der Arbeitszeitgesetzgebung und sagte: "Die Vorstellung, dass man morgens im Büro den Arbeitstag beginnt und mit dem Verlassen der Firma beendet, ist veraltet."

Bedeutet das das Ende des Achtstundentags? Ja und nein. Schmidt selbst forderte im selben Interview, die "bestehende Arbeitszeit flexibler über den Tag und innerhalb der Woche zu verteilen", eine "heimliche Ausweitung der Arbeitszeit" lehnt er dagegen ab. Das kann heißen: Arbeitnehmer arbeiten an einzelnen Tagen deutlich mehr und bekommen im Laufe der Woche dafür einen Ausgleich. Oder sie arbeiten in kleineren Blöcken über den Tag verteilt.

Damit liegt er auf einer Linie mit vielen Arbeitgebern. Sie fordern schon seit langem nur noch wöchentliche Obergrenzen für die Arbeit, nicht aber tägliche:

Die Freunde der Flexibilisierung - etwa in der FDP - verweisen gerne auf europäische Standards und meinen damit die 48-Stunden-Woche. Sie vergessen dabei gern, dass auch die Europäische Arbeitszeitrichtlinie die elfstündige Pause nach dem Feierabend vorsieht.

Auch bei den Jamaika-Sondierungen sind Lockerungen des Arbeitszeitgesetzes ein Streitthema. Neben den Liberalen kann sich auch die Union laxere Regeln vorstellen. Die Grünen sind allerdings bisher klar dagegen.

Vollzeit ist veraltet

Tatsächlich lässt der geltende Rahmen schon relativ viel Spielraum: Gleitzeit, Vertrauensarbeitszeit, Stundenkonten - in sehr vielen Unternehmen gibt es Möglichkeiten, kurzfristig die Arbeitszeit zu ändern, und zwar rechtskonform. Auch gibt es zahlreiche Ausnahmeregeln, etwa für Chefärzte, leitende Angestellte oder Pfarrer. Nur noch sechs von zehn Arbeitnehmern arbeiten heute Vollzeit, die anderen vier Teilzeit. Anfang der Neunzigerjahre war das Verhältnis noch acht zu zwei.

Entsprechend antwortete der DGB-Vorsitzende Reiner Hoffmann. "Schmidt ist ein Realitätsverweigerer, wenn er wirklich glaubt, dass in Deutschland starr das Modell nine-to-five vorherrscht."

Nun kann man sich sehr unterschiedliche Situationen vorstellen, in denen die geforderte Flexibilität dem Arbeitnehmer das Leben erleichtert oder erschwert. Wer um 15 Uhr sein Kind in der Kita abholen und am Nachmittag mit ihm spielen möchte, freut sich, wenn er die letzten drei Stunden seines Arbeitstages in den späten Abend verschieben darf und erst dann E-Mails von zu Haus aus bearbeitet. Wer dagegen nach einer Zehn-Stunden-Schicht im Krankenhaus die nächste bereits acht Stunden später antreten soll, reibt sich leicht in der Arbeit auf.

Flexibilität von anderer Seite

Andererseits gibt es schon viel Flexibilisierung, oft völlig ungeregelt, etwa wenn die ersten Dienstmails auf dem Firmen-Tablet in der S-Bahn erledigt werden, und das niemand als "richtige" Arbeitszeit abrechnet. Mancher empfindet das als Erleichterung, andererseits führen diese Möglichkeiten leicht zu Ausbeutung und Selbstausbeutung. Bisher fehlen dafür oft passende Schutzregelungen.

Wenn Ökonomen und Arbeitgeber die Flexibilisierung des Achtstundentags fordern, steht deshalb wohl auch mehr dahinter. Nicht nur Arbeitnehmervertreter sondern auch Krankenkassen fordern schon länger klare Regeln für die digitalen Arbeitsmittel - gerade die Entgrenzung von Arbeit machen sie für den Anstieg von psychischen Erkrankungen bis hin zum Burn-out verantwortlich.

Außerdem kommen die klassischen Arbeitszeiten auch von der Arbeitnehmerseite unter Druck. In der nächsten Tarifrunde will die IG Metall mehr Flexibilität erstreiten: Teilzeit soll sich leichter umsetzen lassen, sie soll finanziell so gefördert werden, dass auch Kleinverdiener sie sich leisten können, und die Rückkehr in Vollzeit soll gesichert werden (lesen Sie mehr dazu im aktuellen SPIEGEL).

Die Pläne verunsichern die Arbeitgeber, Gesamtmetall-Präsident Rainer Dulger sagt: "Wenn jemand an einer Stelle weniger arbeitet, muss jemand an anderer Stelle mehr arbeiten dürfen." Und da wären flexiblere Pausenregelungen aus seiner Sicht ein Vorteil.

Doch daran dürfte sich so schnell nichts Wesentliches ändern. Es gilt die entsprechende EU-Richtlinie, und um die aufzuweichen, braucht man mehr als eine Bundestagsmehrheit.

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