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24. Juni 2015, 16:19 Uhr

Unzufrieden im Job

Warum wollt ihr denn mehr arbeiten?

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Rund vier Millionen Menschen leben mit der falschen Arbeitszeit. Die einen würden gern deutlich mehr arbeiten - die anderen deutlich weniger. Beides ist ein Problem.

Gehören Sie auch zu den Leuten, die mit ihrer Arbeitszeit unzufrieden sind? Für Sie gibt es jetzt eine ganz einfache Lösung: Suchen Sie Ihren Matching-Partner. Also den Arbeitnehmer, dessen Jobfrust genau zu Ihrem passt. Was für ein schönes Paar: Zusammen füllen Sie eine Vollzeitstelle aus.

Das halten Sie für Unsinn? Das ist Statistik, von regierungsamtlicher Seite: Das Statistische Bundesamt meldet, dass rund vier Millionen Erwerbstätige ein Leben mit der falschen Arbeitszeit führen. Die Überbeschäftigten würden gerne 11,1 Stunden pro Woche weniger arbeiten, die Unterbeschäftigten 11,3 Stunden mehr. Passt.

Aber nur scheinbar, das wissen die Mathematiker beim Bundesamt natürlich auch. Während nämlich nur rund eine Million Menschen gern weniger arbeiten möchte, sind es drei Millionen, die am liebsten noch eine Schippe drauflegen würden. Da fangen die Schwierigkeiten mit dem Matching-Partner an.

Das passt nur in der Theorie

Und sie gehen weiter. Nehmen wir mal an, Sie könnten tatsächlich jemanden auftreiben, der Ihre 50-Prozent-Stelle ergänzen möchte. Dann würde der womöglich 450 Kilometer entfernt leben, statt im Vertriebsmarketing eines Futtermittelherstellers als Gebäudereiniger arbeiten und hätte völlig falsche Gehaltsvorstellungen. Und mit Ihrem verhaltensauffälligen Chef läge er wahrscheinlich schon nach fünf Minuten im Clinch.

Passt also gar nix. Das hindert einen gestandenen Volkswirt nicht daran, aus den Gruppen "Überbeschäftigte" und "Unterbeschäftigte" einen Saldo zu berechnen, "rein rechnerisch rund 566.000 Vollzeitstellen von jeweils 40 Wochenstunden", wie es in der Mitteilung des Statistischen Bundesamts heißt.

Was fangen wir nun mit so einer Information an? Man kann mindestens drei Missstände herauslesen, und die sind durchaus interessant.

Erstens: Wenn eine Million Erwerbstätige weniger arbeiten will, liegt etwas im Argen. Was fesselt sie an den Arbeitsplatz? Und wer hat etwas davon, die Leute wider ihre Natur so lange schuften zu lassen? Hier ist man auf Spekulation angewiesen, wahrscheinlich stimmt in vielen Fällen etwas im Verhältnis zwischen Arbeitnehmer und Arbeitgeber nicht: Vielleicht wurde ein Teilzeitwunsch abgelehnt, vielleicht traut ein Mitarbeiter sich nicht mal, den Wunsch zu äußern, weil er einen Karriereknick fürchtet. Oder, ganz naheliegend: Er braucht das Geld aus der Vollzeitstelle. In all diesen Fällen wird der Job zur Last.

Zweitens: Wenn drei Millionen Menschen gern mehr arbeiten wollen, liegt etwas im Argen. Die möglichen Gründe sind vielfältig, haben am Ende aber immer entweder mit den angebotenen Stellen zu tun - oder damit, dass sich private und berufliche Belange häufig nur in Teilzeit zusammenbringen lassen. In all diesen Fällen wird der Job zur Last.

Klingt wie die bekannte Debatte um Kind und Karriere? Auch darum geht es, die Zahlen des Statistischen Bundesamts sind da recht deutlich: Es sind vor allem teilzeitbeschäftigte Frauen, die sich mehr Arbeit wünschen. Von den Unterbeschäftigten arbeiten 1,6 Millionen Menschen in einem Teilzeitjob, und von denen wiederum sind drei Viertel weiblich.

Eine klassische Erfahrung, die diese Frauen machen: Bei der Geburt des ersten Kindes reduzieren sie die Arbeitszeit, was in der Situation oft ein Segen ist. Später, wenn die Kinder aus dem Gröbsten raus sind, gelingt aber die Rückkehr in die Vollzeitstelle nicht. Die Stellenpläne werden schlicht ohne sie gemacht. Und wer nicht Vollzeit arbeitet, kommt aus Sicht der Chefs für viele Führungspositionen gar nicht erst in Frage.

Drittens birgt auch der Saldo von Über- und Unterbeschäftigten eine politische Botschaft. Die Zahl von 566.000 Vollzeitstellen zeigt, welchen beschränkten Aussagewert die wichtigste Kennziffer aller Arbeitsmarktdebatten hat, nämlich die Arbeitslosenquote. Monat für Monat ist sie auch SPIEGEL ONLINE eine Meldung wert, im Mai waren 2,7 Millionen Menschen arbeitssuchend gemeldet, eine Quote von 6,3 Prozent.

Aber sie verrät nicht, wie weit viele Unterbeschäftigte hinter ihren Möglichkeiten und ihren Wünschen zurückbleiben: Wenn sie lieber einer viel zu kleinen Teilzeitarbeit nachgehen statt sich arbeitslos zu melden. Umgekehrt verrät eine sinkende Arbeitslosenquote nichts über die Qualität der Jobs, die da ergriffen werden. Die Leute haben zwar einen Job, sind aus der Statistik raus. Seit Neuestem kriegen sie sogar sicher den gesetzlichen Mindestlohn, wenn alles legal zugeht. Und doch kann es sein, dass ihr Geld nicht reicht, bei 18 Stunden pro Woche.

Manchmal hilft dann nur noch, mehreren Minijobs nachzugehen - wenn man das körperlich und psychisch schafft. Im Wahlkampf für seine zweite Amtszeit lobte sich Bill Clinton gern für die vielen Jobs, die er mit seiner Politik als US-Präsident geschaffen habe. Da meldete sich auf einer Veranstaltung ein Mann: "Das kann ich bezeugen! Ich habe drei von diesen Jobs."

Übrigens gibt es auch Leute mit einer Vollzeitstelle, die sich immer noch unterbeschäftigt fühlen. Viele sogar, 1,3 Millionen. Leider wurde nicht nach den Gründen gefragt, die Forscher haben aber eine Vermutung: Die meisten brauchen das Geld.

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