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26. Juli 2016, 17:56 Uhr

Verwirrende Studien

Wie viel Arbeit soll es denn sein?

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Die Frage scheint simpel, lässt aber Demoskopen verzweifeln: Wie viele Stunden pro Woche möchten die Deutschen ihrem Job nachgehen? Zwei Untersuchungen kommen zu entgegengesetzten Ergebnissen.

40 Wochenstunden, 35 oder gar 30: Über Arbeitszeiten wird gern und häufig debattiert. Die einen arbeiten viel und leiden unter Stress, Überforderung und Burn-out, die anderen arbeiten wenig und klagen über Geldmangel, Unterforderung und fehlende Aufstiegschancen. Familienministerin Manuela Schwesig will die Wochenarbeitszeit für Eltern reduzieren, Arbeitgeberpräsident Ingo Kramer will das Arbeitszeitgesetz von einer täglichen auf eine wöchentliche Höchstarbeitszeit umstellen. Aber was wollen eigentlich die Arbeitnehmer?

Die Hans-Böckler-Stiftung hat dazu an diesem Dienstag eine Studie vorgestellt: Fast jeder Zweite ist unzufrieden mit seiner Arbeitszeit. Super Schlagzeile. Doof nur, dass SPIEGEL ONLINE vor knapp fünf Monaten schon einen Artikel hatte mit der Überschrift: "Jeder Zehnte ist unzufrieden mit seiner Arbeitszeit." Was denn nun?

Es gibt in Deutschland zwei umfassende nationale Befragungen, die repräsentativ für alle Deutschen stehen: den Mikrozensus und das sozioökonomische Panel, kurz Soep. Der Mikrozensus ist eine repräsentative Haushaltsbefragung des Statistischen Bundesamtes, befragt werden 830.000 Menschen, alle vier Jahre wird eine neue Stichprobe gezogen. Für das Soep werden 30.000 Menschen befragt, und zwar immer wieder die gleichen seit 1984. Beide Befragungen gelten als methodisch einwandfrei - aber scheitern an der Frage, wie denn die Deutschen nun bitte schön arbeiten wollen.

77 Prozent wollen mehr arbeiten und 76 Prozent weniger

Die Studie der Hans-Böckler-Stiftung basiert auf den Zahlen des Soep: Fast jeder Zweite würde gern weniger arbeiten, auch wenn er dann entsprechend weniger verdienen würde, heißt es dort. Das Statistische Bundesamt liefert völlig andere Zahlen: Nur 2,3 Prozent aller Erwerbstätigen würden gern weniger arbeiten. Die Widersprüche werden noch größer, wenn man als Grundgesamtheit nur die unzufriedenen Erwerbstätigen nimmt: Von denen würden laut Soep 77 Prozent gern weniger und laut Mikrozensus 76 Prozent gern mehr arbeiten.

Den Demoskopen sind die Widersprüche bewusst. Sie haben sich zusammengesetzt, um das ganze Desaster aufzuarbeiten, und einen 28-seitigen Aufsatz verfasst, der SPIEGEL ONLINE vorliegt. Er könnte als Lehrstück über sämtliche Fallstricke der Meinungsforschung dienen.

Los geht es mit der Frage, wer denn eigentlich als erwerbstätig gilt. Zählen Selbstständige und Auszubildende und Mütter im Mutterschutz dazu? Gelten 35 Stunden schon als Vollzeit? Schon hier gibt es die ersten Unterschiede zwischen beiden Studien. Die Forscher der Hans-Böckler-Stiftung haben ihre Zahlen an die des Statistischen Bundesamtes angepasst, und siehe da: Nun sind nicht mehr 74 Prozent der Erwerbstätigen mit der Arbeitszeit unzufrieden, sondern "nur" noch 62 Prozent. Trotzdem bleibt das Verhältnis gleich zwischen den Unzufriedenen, die mehr, und denen, die weniger arbeiten wollen: Von den Unzufriedenen wollen fast 80 Prozent weniger arbeiten.

Es muss also an der Fragestellung liegen. Im Fragebogen des Soep lautet die Frage: "Wenn Sie den Umfang Ihrer Arbeitszeit entsprechend selbst wählen könnten und dabei berücksichtigen, dass sich Ihr Verdienst entsprechend der Arbeitszeit ändern würde: Wie viele Stunden würden Sie dann am liebsten arbeiten?"

Im Mikrozensus werden gleich sechs Fragen zum Thema Arbeitszeit gestellt. In den ersten vier geht es darum, die Arbeitszeit zu erhöhen. Erst dann wird gefragt: "Würden Sie gern mit entsprechend niedrigerem Verdienst Ihre normale Wochenarbeitszeit verringern?"

Aber was ist eigentlich eine "normale Wochenarbeitszeit"? Die Stunden, die im Arbeitsvertrag stehen, oder die Stunden, die der Befragte wohl oder übel jede Woche im Büro sitzt?

All das kann zu Missverständnissen führen. Dazu kommt ein weiteres Kuriosum: Die Teilnahme am Mikrozensus ist für die ausgewählten Befragten verpflichtend, sie müssen allerdings nicht alle Fragen beantworten. Und ausgerechnet die Frage nach der Verringerung der Arbeitszeit darf übersprungen werden. Hat also das den Ausschlag gegeben?

Elke Holst und Julia Bringmann, die für das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung den Aufsatz verfasst haben, äußern noch eine weitere Vermutung: Nicht alle Befragten verstehen, dass mit weniger Arbeit auch automatisch weniger Geld verbunden ist. In einer dritten Studie, die auch auf Zahlen des Soep beruht, wurden die Befragten ebenfalls nach ihrer Wunsch-Arbeitszeit gefragt und, wenn Sie sagten, für mehr Geld mehr oder für weniger Geld weniger arbeiten zu wollen, zu einer weiteren, offenen Frage geleitet: Was hindert Sie daran, Ihre Arbeitszeit zu verringern/erhöhen?

"Ich brauche das Geld", war die häufigste Antwort - die eigentlich nicht hätte kommen dürfen, denn die Frage war ja nur für Menschen gedacht, die für weniger Geld weniger arbeiten wollen würden. Für das gleiche Geld weniger arbeiten will ja wohl jeder.

Sowohl im Mikrozensus als auch im Soep bestehe noch "Bedarf nach Präzisierung", ist das Fazit von Holst und Bringmann. Die Zahl der Menschen, die weniger arbeiten wollen, werde im Mikrozensus "eher unterschätzt", die Ergebnisse auf Basis des Soep "dürften eher eine Obergrenze darstellen". Mit anderen Worten: Die Wahrheit liegt wohl irgendwo zwischen beiden Ergebnissen.

Update (27.7.2016): Der im Text genannte Aufsatz ist jetzt auch online verfügbar und zwar hier.

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