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Buddy Punching Wer für Kollegen stempelt, riskiert seinen Job

Für die Kollegin ausstempeln, weil die früher losmuss? Das kommt häufig vor. Den Helfern ist meist nicht klar, dass sie damit eine fristlose Kündigung riskieren - und welche Tricks Firmen haben, um Betrüger zu finden.
Foto: Jacobs Stock Photography / Getty Images

Die Mitarbeiterkarte verschwindet in der Stempeluhr und kurz darauf ertönt der Kontrollton - Feierabend für Maja S. Jedoch hat nicht sie, sondern ein Kollege ihre Karte bei Schichtende gestempelt. Sie ist schon seit einiger Zeit zu Hause und hat vorher den Kollegen um diesen kleinen Gefallen gebeten. Buddy Punching nennt es sich, wenn Menschen gemeinschaftlich Arbeitszeitbetrug begehen. Was die meisten dabei nicht wissen: Das Kollegen-Stempeln ist bei Weitem nicht nur ein kleiner Gefallen - vielmehr kann es den Job kosten.

Falsch stempeln ist ein Kündigungsgrund

Diese "gemeinschaftlich begangene Manipulation von Arbeitszeiterfassungssystemen", sagt der Fachanwalt für Arbeitsrecht Dr. Martin Hensche, der eine Kanzlei in Berlin betreibt, und die damit verbundene "kriminelle Energie" machen diese Form des Arbeitszeitbetrugs so schwerwiegend.

Revanchiert sich Maja S. einige Zeit später für die Hilfe ihres Kollegen und stempelt nun im Gegenzug dessen Karte, sei der Arbeitszeitbetrug sogar noch gravierender. Daher sei hier häufiger als bei anderen Formen des Arbeitszeitbetrugs eine außerordentliche, fristlose Kündigung gerechtfertigt, so der Jurist. Und das sogar ohne vorherige Abmahnung. So urteilte im vergangenen Jahr das Landesarbeitsgericht (LAG) Mecklenburg-Vorpommern (Urteil vom 30.07.2019, 5 Sa 246/18 ).

Ob es sofort zu einer außerordentlichen, fristlosen Kündigung kommt, hängt vom Einzelfall ab. Beim klassischen Buddy Punching stempelt ein Kollege anstatt nur seiner auch die Stempelkarte eines anderen. Dazu reicht eine kurze Mitteilung an den Kollegen, der greift sich beim Verlassen der Firma nicht nur seine, sondern auch die Stempelkarte des anderen, einmal ping, fertig, lange Vorbereitungszeit braucht es nicht. Etwas mehr kriminelle Energie fließt hingegen, wenn ein Kollege dem anderen seinen Chip zur elektronischen Zeiterfassung mit der Bitte übergibt, am nächsten Morgen für ihn zu stempeln. Das erfordert schon etwas mehr Berechnung und ist daher anders zu bewerten.

Arbeitszeitbetrug wird nicht als solcher erkannt

Doch wie kommt es überhaupt dazu, dass Arbeitnehmer ihren Arbeitsplatz für die Freizeit eines Kollegen riskieren? Die Antwort sei relativ simpel, meint Karen Teske, Geschäftsführerin der HIT Personaldienstleistungen GmbH aus Hamburg. Die Mehrzahl der Mitarbeiter wisse gar nicht, dass das Stempeln für den Kollegen ein handfester Arbeitszeitbetrug sei. Diese Vermutung bestätige sich regelmäßig, wenn Mitarbeiter ertappt und zur Rede gestellt werden: "Viele verstehen nicht, dass die halbe Stunde später ausstempeln bei mehreren Hundert Mitarbeitern in der Summe sehr wohl ein großes Problem ist und zu echtem finanziellem Schaden im Unternehmen führen kann", so Teske.

Doch es geht auch schlimmer: Nach Einschätzung von Hendrik Pabst, Detektiv und Prokurist der Detektei Tudor aus Frankfurt am Main, sind nicht alle Mitarbeiter, die Arbeitszeitbetrug begehen, tatsächlich derart naiv. Er wird unter anderem dann beauftragt, wenn es einen konkreten Verdacht auf systematischen Arbeitszeitbetrug im Unternehmen gibt, der nicht nachgewiesen werden kann.

Bei seinen Ermittlungen falle ihm regelmäßig auf, dass es durchaus ein Unrechtsbewusstsein gebe: Die fremdstempelnden Mitarbeiter drehten sich häufig beim Verlassen des Firmengebäudes um und seien auch auf der Heimfahrt vorsichtiger als Personen, die kein schlechtes Gewissen haben, weiß Pabst aus Erfahrung.

Außerdem gehe es in der Mehrzahl der Fälle, in denen er ermittelt, nicht um Arztbesuche oder dringende Einkäufe, die erledigt werden, ohne auszustempeln. Statt für ihren Arbeitgeber zu arbeiten, sind die Buddy Puncher für ihr eigenes Business oder gar ein Konkurrenzunternehmen im Einsatz.

Übrige Belegschaft wird demotiviert

Nicht nur Arbeitgebern, auch den übrigen Mitarbeitern ist Buddy Punching ein Dorn im Auge. Laut Pabst geht ein Großteil seiner Aufträge auf anonyme Hinweise aus der Belegschaft zurück. Offensichtlich ärgern sich die ehrlichen Kollegen darüber, dass hier zwei (oder mehr) Beschäftigte gemeinsam blaumachen.

Und so leidet auch das Arbeitsklima unter dem Buddy Punching, wenn sich über kurz oder lang diejenigen Mitarbeiter ungerecht behandelt fühlen, die sich am Arbeitsplatz korrekt verhalten. Häufig sinkt in der Folge die Motivation und Produktivität in der Belegschaft.

Arbeitgeber rüsten daher ihre Systeme zur Zeiterfassung auf. Die klassische Stempelkarte, mit der der Betrug relativ einfach ist, gibt es kaum noch. Immer mehr Unternehmen statten ihre Mitarbeiter mit Firmenhandys mit GPS-Ortung, Fingerabdrucksensor und einem speziellen Zeiterfassungstool aus, das sich erst bei einer bestimmten Geoposition bedienen lässt. Arbeitszeitbetrug und erst recht das Buddy Punching sollen so nahezu unmöglich gemacht werden.

Doch auch hier sind Grenzen gesetzt: Die Methode muss konform mit der Datenschutzgrundverordnung sein. Arbeitnehmer können beispielsweise nicht gezwungen werden, ihre biometrischen Daten für ein Zeiterfassungssystem zu nutzen. Dies bestätigte zuletzt das Landesarbeitsgericht Berlin-Brandenburg (Aktenzeichen 10 Sa 2130/19). Dort hatte ein Assistent einer Radiologischen Praxis geklagt, da er nicht per Fingerabdruckscanner erfasst werden wollte.