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Arbeitszeiten Mein Auto, mein Haus, meine Überstunden

Stechuhr war gestern, der Kampf um die Arbeitszeit scheint passé. Viele Chefs schwärmen heute von "Vertrauensarbeitszeit", Jobsharing, Home-Office. Aber existiert diese schöne neue Jobwelt wirklich? Warum schieben die Deutschen dann eine Bugwelle von 1,3 Milliarden Überstunden vor sich her?
Zeit ist Geld: Einst starre Vorgaben werden durch flexible Arbeitszeit-Modelle abgelöst

Zeit ist Geld: Einst starre Vorgaben werden durch flexible Arbeitszeit-Modelle abgelöst

Foto: Corbis

Über Diogenes von Sinope, den großen Philosophen, erzählt man sich, er habe den lieben langen Tag in seiner Tonne gehockt und seinem Bart beim Wachsen zugesehen. Kultur, Kunst und Zivilisation waren ihm ein Gräuel, menschliches Schaffen und Tun im Allgemeinen, Beschäftigung im Besonderen. Über den kapitalistischen Glaubenssatz "Zeit ist Geld" hätte er wohl laut gelacht, genauso über das Wort "Freizeit". Diogenes hatte einfach immer Freizeit - oder eben nie.

Heute gibt es nichts, was das Leben so sehr bestimmt wie die Zeit, die man mit Arbeit verbringt, genauer: mit der Arbeit für einen Lohn. Sie gibt dem Leben den Rhythmus, viele Menschen sehen in ihr den Sinn des Daseins. Oft verbringen sie mehr Zeit mit den Kollegen als mit ihrer Familie oder Freunden.

Die Arbeitszeit war stets eine heiß umkämpfte Frage. Aber wie viel Zeit verbringen die Menschen tatsächlich mit bezahlter Arbeit, und wann? Wie verändert sich die Arbeitszeit?

Im Durchschnitt 1400 Stunden im Jahr

Das Statistische Bundesamt weiß: In Deutschland ist gut die Hälfte der Bevölkerung "erwerbstätig". Von diesen knapp 41 Millionen Menschen arbeiten etwas mehr als 50 Prozent in Vollzeit, ein weiteres Viertel in Teilzeit, der Rest in Nebenjobs, Minijobs oder als Selbständige. Pro Jahr arbeiten sie im Schnitt rund 1390 Stunden, 36 Stunden die Woche, haben durchschnittlich 29 Urlaubstage und sammeln 50 Überstunden im Jahr. Über die Hälfte der Beschäftigten sind Männer, Frauen stellen allerdings in Teilzeit- und Nebenjobs deutlich die Mehrheit.

Was diese Zahlen verschleiern: Der hohe Anteil von Teilzeit-Erwerbstätigen lässt die durchschnittliche Arbeitszeit sinken. Die tatsächliche Stundenzahl der Vollzeitbeschäftigten liegt deutlich höher, sie kommen auf 1676 Stunden im Jahr.

Einen Grund für die weit verbreitete Teilzeit nennt Alexander Herzog-Stein, Arbeitsmarktexperte der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung: "Viele verheiratete Frauen arbeiten, wenn überhaupt, in steuerfreien Minijobs. Sie sind in der Falle: Arbeiten diese Frauen mehr, müssen sie ihr Einkommen zusammen mit dem ihres Mannes versteuern. Damit bleibt ihnen unterm Strich oft weniger Geld. Zudem fehlt es an ausreichend Kindergärten oder Kitas. Das wirkt wie eine eingebaute Bremse."

"Der Arbeitsmarkt wird entgrenzt"

Seit dem 19. Jahrhundert ist die Durchschnittsarbeitszeit stetig gesunken, zu Zeiten der Industrialisierung schufteten manche Arbeiter bis zu 80 Stunden in der Woche. 49 Stunden waren es Mitte der fünfziger Jahre, als die Gewerkschaften mit dem Slogan "Samstags gehört Vati mir" für die Fünftagewoche trommelten. Sie trieben das Arbeitszeitthema weiter voran: Weniger Arbeitsstunden bei gleichem Lohn standen für gesellschaftlichen Fortschritt, die 35-Stunden-Woche war das Ziel. Die Folge eines Kompromisses mit den Arbeitgebern 1984 war unter anderem die Flexibilisierung der Arbeitszeiten, also das Ende des Achtstundentages.

Die wunderbare Welt der flexiblen Arbeit

Seit 1989 die Berliner Mauer fiel und die deutsche Wirtschaft ins Trudeln geriet, erst recht heute in Zeiten der Finanzkrise, sprechen wieder die Arbeitgeber viel von der Arbeitszeit: Davon, dass die Deutschen angeblich zu kurz und zu wenig arbeiten, dass sie zu viel Urlaub machen und dauernd ihre Überstunden zählen.

"Der Arbeitsmarkt wird immer weiter entgrenzt", sagt Alexander Herzog-Stein. Gearbeitet werde an Wochenenden und Feiertagen, am Abend und in der in der Nacht - "24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche". Die Zahlen des Statistischen Bundesamts zeigen: Fast jeder vierte Beschäftigte schafft mittlerweile auch nach 18 Uhr - zwischen 1992 und 2009 stieg der Anteil von 16 auf 26 Prozent, selbst nachts zwischen 23 bis 6 Uhr sind es noch acht Prozent. Samstags arbeitet ebenfalls ein knappes Viertel, 13 Prozent auch am Sonntag.

Mehr als die Hälfte arbeitet nicht flexibel

Flexible Arbeitszeiten sind nur für eine Minderheit der deutschen Erwerbstätigen die Realität: Etwa vier von zehn haben Einfluss auf die Anfangs- und Endzeiten, so die Statistiker im November 2011. Unter den "flexiblen Arbeitszeitmodellen" sind die Arbeitszeitkonten (24 Prozent) am häufigsten, gefolgt von Gleitzeitregelungen (10 Prozent) und sehr freien Modellen wie der "Vertrauensarbeit", nach der sich zwei Prozent den Alltag organisieren können.

Am häufigsten sind flexible Modelle bei Finanz- und Versicherungsdienstleistern, Medienschaffenden, in der Öffentlichen Verwaltung, bei freiberuflichen Wissenschaftlern und technischen Dienstleistern. Zu eher starren Zeiten wird weiterhin im Gesundheits- und Sozialwesen gearbeitet, in Verkehr und Lagerei sowie im Gastgewerbe.

Absurd wird es bei einer anderen Form von "Entgrenzung" oder "Flexibilisierung" der Arbeitszeit: Überstunden. Eine Bugwelle von 1.300.000.000 Stunden über dem Soll schieben die Erwerbstätigen in Deutschland vor sich her. Und diese 1,3 Milliarden sind nur die dokumentierten Überstunden. Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) schätzt, dass die tatsächliche Mehrarbeit etwa doppelt so hoch ist, also über 2,5 Milliarden Stunden. Demnach hätte jeder deutsche Erwerbstätige etwa 62 Stunden zu viel auf dem Konto und müsste sofort zwei Wochen in Urlaub fahren, damit die Bilanz wieder ausgeglichen wäre.

Einer EU-Studie zufolge öffnet sich zudem die Schere zwischen tarifvertraglich festgelegten und tatsächlichen Arbeitszeiten nirgendwo stärker als in Deutschland. Danach arbeiten die Deutschen im Durchschnitt mehr als 41 Stunden die Woche und sind damit in der EU auf Platz sechs, gleichauf mit Österreich, aber vor Slowenien (40,8 Stunden). Ganz vorn in diesem Vergleich liegt Bulgarien (41,7), ganz hinten Frankreich (37,7).

Überstunden als Fetisch - lange bedeutet noch lange nicht gut


Die Überstunden sind ein spezielles Thema in Deutschland: Sie sind nicht immer nur ein notwendiges Übel, das Beschäftigte in Kauf nehmen, wenn Auftragslage, Abgabetermine oder eine dünne Personaldecke es erfordern. "Einige Mitarbeiter wollen ihren Vorgesetzten und auch sich selbst demonstrieren, dass sie besonders leistungsfähig sind", sagt Karl Brenke vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW). Aber: "Viel quantitativer Input muss noch lange nicht viel qualitativ hochwertigen Output bedeuten."

Die Autorin Julia Friedrichs geht noch weiter: Bei den Recherchen zu ihrem Buch "Gestatten: Elite" bekam sie den Eindruck, dass ausgedehnte Überstunden zu einer Art Fetisch mancher junger Führungskräfte geworden sind - sie prahlten damit wie mit einer schicken Wohnung oder einem neuen Auto.

Auch Alexander Herzog-Stein von der Böckler-Stiftung kennt diese Haltung. "Das läuft nach dem Motto: Wer nach Hause geht, verliert - allerdings gibt es diese Art von Wettbewerb nur unter Männern. Wenn ich als Chef so etwas sehe, muss ich mich fragen, ob ich möchte, dass solche Dinge zur Kultur meines Unternehmens werden. Will ich, dass die Leute vor dem Rechner einschlafen, weil sie der Letzte sein wollen, der nach Hause geht?"

Manchmal sind Überstunden unvermeidbar, "je anspruchsvoller die Tätigkeiten, desto länger die Arbeitszeiten", so Karl Benke. Für Führungskräfte sind sie meist die Regel, mit Arbeitszeiten über 60, bis zu 70 Wochenstunden - und bei Jobs mit hohem Gehalt sind sie zudem oft inklusive, weil branchenüblich.

Mehrarbeit macht krank, einsam, gebrechlich

Aber wieso stellen Unternehmen keine neuen Leute ein, wenn es so viel mehr zu tun gibt als geplant? Verhindern Überstunden neue Arbeitsplätze? "Nicht automatisch", so Herzog-Stein. "Eine gewisse Flexibilität lässt die Betriebe atmen. Wenn aber Überstunden angesammelt werden, die über das Maß einer boomenden und abflauenden Konjunktur hinausgehen, dann schon. Und sie vernichten sogar Arbeitskraft, wenn die Mehrarbeit auf Kosten der Gesundheit der Arbeitnehmer geht."

Nie wurde in Deutschland intensiver über Burnout debattiert als 2011. "Gesundheitliche und soziale Auswirkungen langer Arbeitszeiten" untersuchte das Bundesinstitut für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin. Ergebnis: Überstunden erhöhen das Risiko für Magenkrankheiten, Herzerkrankungen sowie Probleme am Skelett. Sie begünstigen auch den Konsum gesundheitsschädlicher Genussmittel wie Alkohol und Zigaretten und führen oft zu Gewichtszunahme durch mangelnde Bewegung und falsche Ernährung. Zudem verhindern sie soziale Teilhabe; das Unfallrisiko im Straßenverkehr steigt. Und: Bei Mehrarbeitern lässt die Leistung nach.

Trotzdem sinken die Überstunden in Deutschland seit zehn Jahren kaum - lediglich die schwache Konjunktur 2008 und 2009 sorgte für einen Abbau, 2010 stieg die Quote prompt wieder. Die echte Arbeitszeit entfernt sich seit Jahren weiter von den vertraglichen 35 bis 42 Stunden.

"In der Arbeit außer sich"

Auch die Regelarbeitszeit bei Voll- und Teilzeitstellen steigt seit einigen Jahren wieder; nicht zuletzt soll das Renteneintrittsalter auf 67 Jahre klettern. Der einzelne Beschäftigte muss also mehr und länger ran. Und soll er nicht dennoch eine Familie gründen und Kinder erziehen, damit die Gesellschaft nicht überaltert?

"Das passt nicht zusammen", sagt Alexander Herzog-Stein. "Der Weg in die Zukunft müsste durch kürzere Vollzeitbeschäftigungen gekennzeichnet sein, etwa 35 Stunden in der Woche." Leerlaufzeiten, die etwa durch Konjunkturschwankungen entstehen, könnte man sinnvoll nutzen, mit Regenerationsmonaten, Sabbat-Jahren, Weiterbildung, Gesundheitsschutz oder Pflege von Familienangehörigen. "Eines darf dabei aber nicht herauskommen: dass in weniger Zeit die gleiche Arbeit geleistet werden soll."

Das Bild ist unscharf, die Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit verschwimmen zusehends. Alle scheinen heute jederzeit zu schuften - und keiner sitzt mehr wie Diogenes in der Tonne, döst und philosophiert. Karl Marx schrieb einst: "Der Arbeiter fühlt sich erst außer der Arbeit bei sich und in der Arbeit außer sich." Der Mensch im Jahre 2012 wäre dann jederzeit außer sich, immer bei der Arbeit. Oder war das Leben des Diogenes am Ende nur eine sehr lange Überstunde?

Foto: Gero Hecker

KarriereSPIEGEL-Autor Markus Flohr (Jahrgang 1980) ist freier Journalist und Buchautor. Er hat in Israel gelebt und darüber das Buch "Wo samstags immer Sonntag ist" geschrieben.