Arbeitszeugnis im Test Nichts als Lyrik und Chichi

Symbolbild: Arbeitszeugnis unter der Lupe
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Symbolbild: Arbeitszeugnis unter der Lupe

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Hinter der Fassade deutliche Abschwächungen - Bewertung durch eine Elektronikfirma


Bewertung durch Phoenix Contact (Elektronikhersteller) aus Westfalen mit 11.000 Mitarbeitern, 2011 Arbeitgeber des Jahres

Die notwendigen Daten zur Person, Tätigkeitsbezeichnungen, Aufgabenumfang, Leistungsbeurteilung und Sozialverhalten sind - soweit überprüfbar - vollständig enthalten. Auch die Firmenbeschreibung ist angemessen und richtig platziert vor die Aufgabenbeschreibungen des Mitarbeiters gesetzt. Die Form der Aufgabenbeschreibung in Aufzählungszeichen und der folgende Fließtext sind mögliche Darstellungsweisen.

Auffällig ist, dass von der zweijährigen Beschäftigung des Mitarbeiters nur die letzten fünf Monate als Seniorberater in der Aufgabenbeschreibung erwähnt werden und somit der größere Zeitraum zumindest nicht explizit erwähnt wird. An dieser Stelle wäre der Übergang vom Systemberater zum Seniorberater durch eine Aufgaben- oder Verantwortungserweiterung bzw. -veränderung zu beschreiben gewesen. Der Austritt fünf Monate nach der offensichtlichen Weiterentwicklung in eine gehobenere Position lässt hier schon einmal etwas aufhorchen (Gab es einen Vorfall? Passte die Position nicht?).

Die Bezeichnung der Leistungen des Herrn Roben zeigt durch die Worte "stets", "immer", "jederzeit", "häufig" eine Benotung im Bereich "sehr gut". Die Beurteilungen wirken dabei bis hierher nicht übertrieben, da konkrete und nachvollziehbare Tätigkeiten und Verhaltensweisen beschrieben werden. Umfang und Aufbau (einschließlich der Reihenfolge) sind korrekt und geben somit keinen Hinweis auf eventuelle Minderleistungen.

Eine deutliche Einschränkung der getroffenen Aussagen wird dadurch bewirkt, dass vor den "guten Wünschen für die Zukunft" keine Dankens- und Bedauernsbekundungen geäußert werden. Lediglich der Wunsch des Erfolgs und dabei durch Aussetzen des Wortes "weiterhin" viel Erfolg lässt hier auf unzureichende Leistungsergebnisse in der Vergangenheit schließen.

Des Weiteren sollte neben der Unterschrift der Personalleiterin, die zwar die Zeugnisformalitäten besser kennt, die des Fachvorgesetzten oder Weisungsbefugten stehen, da dieser den Mitarbeiter ja bewertet haben sollte. Das Fehlen der Unterschrift führt ebenfalls zu einer Abschwächung des Zeugnisses.

Ein weiterer Mangel ist die Datierung des Zeugnisses auf den 28. Januar - fast ein Monat nach dem Ausscheiden des Mitarbeiters. In diesem Fall kann ein Anruf beim vorangegangenen Arbeitgeber Klarheit über dessen Aussagewillen verschaffen. Dies geschieht hingegen selten, wie aus den weiter unten ausgeführten Gründen hervorgeht.

Geht man davon aus, dass sich der Zeugnisersteller der Aussagekraft seiner Ausführungen, Auslassungen und unterschwelligen Resonanzen bewusst ist, muss man die schwankende Beurteilung zwischen der durchgängig als "sehr gut" benoteten Leistung und einer eher mit "ausreichend" benoteter Schlussformulierung als gewollt annehmen, so dass die Bewertung des Mitarbeiters als deutlich abgeschwächt einzustufen ist. Es ist unwahrscheinlich, dass der ausgeschiedene Mitarbeiter in sämtlichen Leistungs- und Erfolgsbewertungen derart gut abschneidet, um am Ende keine entsprechende Würdigung durch den ehemaligen Arbeitgeber zu erhalten.

Gesamtnote: 3-

  • Anja Tiedge (Jahrgang 1980) arbeitet als freie Journalistin in Hamburg.



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Dunedin, 04.04.2011
1. Arbeitszeugnisse sind ein Relikt aus grauer Vorzeit
Es wird Zeit das dieser Schwachsinn mit den Zeugnissen endlich abgeschafft wird. Wie im Artikel richtig zu lesen war, können falschgeschriebene, bzw. anschließend falsch interpretierte Zeugnisse ganze Karrieren zerstören, bzw. gute Mitarbeiter diskreditieren. Wer sich als Mitarbeiter damit vertraut macht, wird immer darauf achten, das sein zeugnis ziwischen mittelprächtig und gut, aber niemals sehr pendelt. Alles andere ist zu auffällig und entweder schreibt man sich die Zeugnisse selber, oder aber man klagt sich das richtige Zeugnuis zurecht. In keinem Falle steht die tatsächlich erbrachte Leistung im Vordergrund, statt dessen werden evtl. Rachebewertungen, oder auch die Unfähigkeit von Vorgsetzten die Zeugnisse schreiben müssen, am Ende kompensiert.
flower power 04.04.2011
2. Nicht nur das Arbeitszeugnis...
Der ganze HR - Bereich hat sich in die Luft gewagt und kommt nicht mehr herunter. Unfähige Sachbearbeiter - sog. Personalreferenten - und mit Weisheit und Pseudo-Menschenkenntnis ausgestattete sog. HR - Psychologen wollen besser sein als die vergleichbare med. Grundkenntnis. Ich staune. Was da ein Quatsch verzapft wird, unglaublich. Wie kann eine 26 jährige oder ein 27 jähriger HR´ler die gewonnene Erfahrung einsetzen? Wenn er keine besitzt, geht das halt nicht. Der HR - Bereich ist zum Spielplatz für Möchte-Gern-Napoleon´s geworden. Tools helfen ihnen dabei. Gesucht wird immer der, oder die Anpassungsfähigen mit 20 Jahre Erfahrung, davon 10 Jahre bei einem ausländischem Weltkonzern ( warum sollte man denn vom dem wegwollen ? ) und 4 Fremdsprachen vertragssicher, dazu ein naturwissenschaftl. und ein wirtschaftswissenschaftl ( bekommt ja geschenkt! ) Studium, natürlich nur an den besten Unis, 100 % Flexibilität, top-Model-Aussehen ( egal ob weibl. oder auch männl. ) und die Bereitschaft auch Sa und So zu arbeiten. Dazu sollten die Bewerber stromlinienfähig in das Life-style passen, und funktionierende Netzwerke vorweisen können. Nochmal : Ein schwarzes Pferd ist kein Schimmel.
flower power 04.04.2011
3. Nicht nur das Arbeitszeugnis...
Der ganze HR - Bereich hat sich in die Luft gewagt und kommt nicht mehr herunter. Unfähige Sachbearbeiter - sog. Personalreferenten - und mit Weisheit und Pseudo-Menschenkenntnis ausgestattete sog. HR - Psychologen wollen besser sein als die vergleichbare med. Grundkenntnis. Ich staune. Was da ein Quatsch verzapft wird, unglaublich. Wie kann eine 26 jährige oder ein 27 jähriger HR´ler die gewonnene Erfahrung einsetzen? Wenn er keine besitzt, geht das halt nicht. Der HR - Bereich ist zum Spielplatz für Möchte-Gern-Napoleon´s geworden. Tools helfen ihnen dabei. Gesucht wird immer der, oder die Anpassungsfähigen mit 20 Jahre Erfahrung, davon 10 Jahre bei einem ausländischem Weltkonzern ( warum sollte man denn vom dem wegwollen ? ) und 4 Fremdsprachen vertragssicher, dazu ein naturwissenschaftl. und ein wirtschaftswissenschaftl ( bekommt ja geschenkt! ) Studium, natürlich nur an den besten Unis, 100 % Flexibilität, top-Model-Aussehen ( egal ob weibl. oder auch männl. ) und die Bereitschaft auch Sa und So zu arbeiten. Dazu sollten die Bewerber stromlinienfähig in das Life-style passen, und funktionierende Netzwerke vorweisen können. Nochmal : Ein schwarzes Pferd ist kein Schimmel.
Lt.Gen.Patton 04.04.2011
4. Und mit dem "Anti-Diskriminierungsgesetzt"...
hat dieser Irrsinn seinen vorläufigen Höhepunkt im Berwebungszirkus erreicht! Dem Instrument der Probezeit, welches für beide Parteien absolut Sinnvoll und deshalb auch mit Sonderkündigungsrechten behaftet ist, sollte wieder die notwendige Aufmerksamkeit geschuldet werden.Maximal sechs Monate, um einen "Probanten" auf "Herz und Nieren" on the Job zu testen sind allemal besser, als diese verlogene und falsche Geheimsprache der Arbeitszeugnisse die, wie ja in dem Test deutlich wurde, auch noch unterschiedlich bewertet wurde!
watermark71 04.04.2011
5. Das leidige Übel - der Coach
Viel spannender ist doch die aus dem Rahmen fallende Einschätzung des Karriere Coach. Das ist eine völlig überflüssige Klientel, die schon mal per se gegen alles sein muss. Nur so rekrutiert man Kunden. Mag sein, dass Arbeitszeugnisse inzwischen überflüssig sind. Aber Coaches im allgemeinen und besonderen sind es garantiert. Wenn man meint einen zu benötigen hat man schon verloren.
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