Arbeitszeugnis Kein Gruß sagt mehr als tausend Worte

Oft gipfeln Arbeitszeugnisse in einer einzigen Lobhudelei. Fehlt ein Standard-Element, kann es gleich zum Streit kommen. Düsseldorfer Richter entschieden: Angestellte haben Anspruch darauf, dass Arbeitgeber ihnen per Grußformel für die Arbeit danken und gute Wünsche mitschicken.

Arbeitszeugnis unter der Lupe: Grußformel als Pflicht
DDP

Arbeitszeugnis unter der Lupe: Grußformel als Pflicht


Arbeitszeugnisse sollen stets wohlwollend sein. Wahrhaftig aber auch. Geht das im Berufsalltag zusammen? Kaum, wenn sich Arbeitnehmer und Arbeitgeber nach einem tiefen Zerwürfnis trennen. Oder wenn der Angestellte seine Leistungen in einem weit positiveren Licht sieht als die Firma.

Und dann müssen Chefs oder Personaler auch noch stets den richtigen Zeugnisjargon treffen - eine Sprache mit vielen Klippen, die einer ganzen Branche aus Arbeitsrechtlern, Personalberatern und Buchautoren viel Kundschaft beschert.

Offensichtlich schlechte Beurteilungen jedenfalls haben im Arbeitszeugnis nichts verloren. Denn nach ständiger Rechtsprechung der Arbeitsgerichte hat noch der unfähigste Mitarbeiter Anspruch auf eine wohlwollende Leistungsbeurteilung. Ob sich dieses Wohlwollen des Arbeitgebers auch in einem Gruß und guten Wünschen für den scheidenden Arbeitnehmer niederschlagen muss, ist allerdings umstritten.

Das Bundesarbeitsgericht stellte 2001 in einem Urteil fest, dass Arbeitnehmer grundsätzlich keine Grußformel unter ihrem Arbeitszeugnis verlangen können (Aktenzeichen 9 AZR 44/00). Das Landesarbeitsgericht Düsseldorf sieht das ganz anders: Die Richter sprachen einer Klägerin jüngst ein Zeugnis zu, das mit einem Dank für die geleistete Arbeit endet. Außerdem musste der Arbeitgeber "für den weiteren Berufsweg alles Gute und weiterhin viel Erfolg" wünschen.

In der ursprünglichen Fassung schloss das Zeugnis mit der nüchternen Feststellung, dass die Arbeitnehmerin nach Elternzeit "im beiderseitigen Einvernehmen aus dem Unternehmen ausscheide". Das bemängelte die Klägerin.

Lieblose Schlussformel wertet gutes Zeugnis ab

Nach Ansicht des Landesarbeitsgerichts stand dieser "ebenso schlichte wie lieblose" Schlusssatz in einem "auffälligen Widerspruch" zur ansonsten überdurchschnittlichen Leistungsbewertung im Arbeitszeugnis. Die Aussagekraft des Zeugnisses insgesamt werde dadurch abgewertet, was für die Klägerin einen erheblichen Bewerbungsnachteil bedeute (Aktenzeichen 12 Sa 974/10).

Hingegen setzt eine einfache, aber höfliche Schlussformel im Arbeitszeugnis die Leistung eines Beschäftigten nicht herab, wie kürzlich das Landesarbeitsgericht Baden-Württemberg befand (Aktenzeichen 21 Sa 74/10). Ein Arbeitnehmer hatte erfolglos darauf bestanden, sein ehemaliger Arbeitgeber solle ihm für die "langjährige Zusammenarbeit" danken und für die "berufliche und private Zukunft alles Gute" wünschen.

Nach dem Urteil der Richter durfte es der Arbeitgeber jedoch dabei bewenden lassen, "für die Zukunft alles Gute" zu wünschen. Aus der "lediglich höflichen" Formulierung könne ein künftiger Arbeitgeber nicht herauslesen, dass im Arbeitsverhältnis möglicherweise nicht "alles gut" gewesen sei, so das Gericht.

Erst verschlüsseln, dann enträtseln - die Anforderungen an Zeugnisse verlangen Arbeitgebern einiges an sprachlichen Bocksprüngen ab. In einem aufschlussreichen Experiment legte das manager magazin kürzlich dasselbe Musterzeugnis drei erfahrenen Personalern und einem Personalberater. Und siehe da: Ihr Urteil schwankte zwischen "sehr gut" und "Katastrophe". Der Test zeigte, wie gängige Zeugnisfloskeln selbst Experten verwirren (siehe Kasten unten).

dapd/jol



insgesamt 39 Beiträge
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Seite 1
kundennummer 30.05.2011
1. Halb so schlimm
Zitat von sysopOft gipfeln Arbeitszeugnisse in einer einzigen Lobhudelei. Fehlt ein Standard-Element, kann es gleich zum Streit kommen. Düsseldorfer Richter entschieden: Angestellte haben Anspruch darauf, dass Arbeitgeber ihnen per Grußformel für die Arbeit danken und gute Wünsche mitschicken. http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/0,1518,765158,00.html
Wie wir alle wissen befindet sich das Land in einem Aufschwung wie man ihn seit der Erfindung des Buchdrucks nicht mehr erlebt hat. Daher sind selbst offensichtlich schlechte Zeugnisse kein Problem denn im FACHKRÄFTEMANGEL und angesichts der DEMOGRAPHISCHEN KATASTROPHE sollte es kein Problem sein schnell wieder an einen der endlos vorhandenen Arbeitsplätze zu kommen, explodierendes Salär inklusive! Jeden Tag sehe ich die Headhunter in Trupps die Wohnviertel bestreichen auf der Suche nach Unbeschäftigten...
flusser, 30.05.2011
2. Einheitszeugnis
Da fragt man sich, warum es nicht schon längst vorgedruckte Standard Lobhudel Arbeitszeugnisse gibt, die man als Arbeitgeber nur noch unterschreiben muss und fertig ist die Laube! Wie der Mitarbeiter wirklich war spielt ja keine Rolle.
Gottes-Gehörgang 30.05.2011
3. Schlimm
Typisch deutscher Blödsinn. Die Rechte der Arbeitnehmer haben sich hier zu einem Geschwür sondergleichen entwickelt. Ein Zeugnis sollte die echte Beurteilung des Arbeitgebers sein, egal wie gut oder schlecht sie ausfällt. Wenn es auch schlechte Beurteilungen gäbe und nicht nur wohlwollende, würde man eben bei sehr schlechten Beurteilungen z.B. nachfragen, ob man hier nicht den typischen kreativen QuerdenkerIn vor sich hat. Alle Zeugnisse wären mehr in Richtung Klarheit und Wahrheit verschoben. Dabei hätte man vielleicht eine Notenskala von 1 2 3 4 5 6. So aber bricht sich das Marktgesetz selber die Bahn und verschiebt die notwendige Differenzierung eben nach oben. Leider gleich um ein paar Noten. Die notwendige Differenzierung muss man dann aus den vergleichsweise erteilten Bestnoten ermitteln. Diese Notenskala wäre zu vergleichen mit den Noten 1++, 1+, 1, 1-, 1-- , 2. Das gibt dann solche irrsinnigen Formulierungsunterschiede wie "wir waren allerhöchst zufrieden" statt "Alles in Ordnung" für eine 1 im normalen dh. eine 1++ im unnormalen Systen. Dann ist eben "wir waren gut zufrieden" mit einer unnormalen 2 eigentlich ein "wir waren überhaupt nicht zufrieden", also einer 5 im normalen System. Das Schlimme ist nur, dass dieses auf "Wohlwollend" erzwungene Beurteilungssystem letztlich doch wertlos ist, weil die Personaler das immer weniger verstehen und es zu unterschiedlich ist, als dass man es verstehen könnte. Zur Beurteilung gilt deshalb immer noch: Probezeit, Probezeit und nochmals Probezeit.
OlGa 30.05.2011
4. Keine Aussagekraft
Wenn etwas vorgeschrieben ist, dann verliert es seine Aussagekraft, ist also wertlos. Die ganzen Spitzfindigkeiten bezüglich der deutschen Arbeitszeugnisse werden in einem mehr und mehr internationalen Arbeitsmarkt bedeutungslos, denn im Ausland kennt man die Vorschriften nicht, weiß nichts von den versteckten Gemeinheiten, die in vermeitlich positiven Floskeln liegen. Dort hält sich keiner an diese Regeln, und weiß die Anwendung dieser auch nicht zu würdigen. Ebenso wird kein ausländischer Bewerber mit Papieren auftauchen, die derart regelkonform sind. Wichtig bei der Einstellung ist das Gesamtbild, das der Bewerber abgibt. Arbeitszeugnisse sind hilfreich aber nicht zwingend notwendig. Ein Standardzeugnis gepresst in das Korsett deutscher Gesetze ist nutzlos.
janolaw 30.05.2011
5. Höflichkeit ist Rheinkultur!
In der Begründung des Urteils führt das LAG Düsseldorf aus "Höflichkeit ist Rheinkultur. Ebenso wird sie stets und zu Recht als ein Grundwert der deutschen Leitkultur u.a. neben Disziplin, Pünktlichkeit und Rücksichtnahme genannt. Am Schluss eines Endzeugnisses findet Höflichkeit ihren üblichen Ausdruck in der Danksagung für die geleistete Arbeit und Wünschen für die Zukunft." Das LArbG Mainz ist der Entscheidung des BAG dagegen übrigens gefolgt (LArbG Mainz v. 02.08.2007 - 4 Sa 301/07) - obwohl Mainz auch am Rhein liegt. Das LArbG Köln - bekanntlich ebenfalls am Rhein - hat darauf hingewiesen, dass eine Schlussformel jedenfalls nicht im Widerspruch zum sonstigen Zeugnisinhalt stehen darf. Dies sei der Fall, wenn der Arbeitgeber bei im Übrigen überdurchschnittlichem Zeugnisinhalt (nur) für die Zukunft alles Gute wünscht, ohne Dank für die Vergangenheit (LArbG Köln v. 29.02.2008 - 4 Sa 1315/07). Es bleibt also spannend und es wäre wünschenswert, wenn der Fall nach Erfurt käme, damit das BAG - im Sinne der Höflichkeit - Gelegenheit hat, seine Position zu überdenken. Ob dabei die "rheinischen Gepflogenheiten ausschlaggebend sind? Spannend wäre es natürlich zu erfahren, welche Regionen in Deutschland eine weniger ausgeprägte Höflichkeitskultur haben.
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