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Arbeitszeugnis »Schreiben Sie doch mal einen Entwurf«

Wer von Vorgesetzten ein Arbeitszeugnis verlangt, wird oft dazu aufgefordert, es selbst zu verfassen. Ein Experte sagt, wie man den Formulierungscode meistert – und warum man kein Recht auf ein positives Zeugnis hat.
Foto: Damir Cudic / E+ / Getty Images

Jahrelang hat man sich für einen Arbeitgeber angestrengt, war erfolgreich, nun ist es Zeit für eine Veränderung. Jetzt muss nur noch ein Arbeitszeugnis den künftigen Chefs vermitteln, was man in den vergangenen Jahren beruflich erreicht hat. So weit, so gut, doch dann kommt die gefürchtete Antwort des Vorgesetzten: »Kein Problem, schreiben Sie doch mal einen Entwurf für das Zeugnis.«

Die eigenen Stärken herauszustellen, fällt ohnehin vielen Menschen nicht leicht – und nun soll das Selbstlob auch noch in professionelle Form gegossen werden und möglichst keine rhetorischen Patzer enthalten. Dass die Formulierung »hat sich bemüht« der Schulnote sechs entspricht, weiß vermutlich jeder, aber welche Fallstricke lauern noch in einem Arbeitszeugnis? Welche Form muss das Ganze haben? Und merken Personaler eigentlich, wenn eine Bewerberin oder ein Bewerber den Schrieb selbst verfasst hat?

Arbeitsrechtler Alexander Birkhahn erklärt, worauf es ankommt und warum Chefinnen und Chefs nicht mehr dazu verpflichtet sind, nur Positives ins Arbeitszeugnis zu schreiben.

Foto: Dornbach

Alexander Birkhahn ist Fachanwalt für Arbeitsrecht und geschäftsführender Gesellschafter einer Anwaltskanzlei in Koblenz.

Ist es überhaupt rechtmäßig, das eigene Arbeitszeugnis zu schreiben?

»Nein«, sagt Birkhahn. »Rein juristisch ist der Arbeitgeber dazu verpflichtet, das Zeugnis auszustellen und auch selbst zu verfassen.« Angestellte könnten also die Aufforderung ablehnen, einen eigenen Entwurf anzufertigen. Ob dies jedoch besonders klug ist, sei eine andere Frage.

»An sich ist es ein gutes Zeichen, wenn der Arbeitgeber den Mitarbeitern die Möglichkeit eines eigenen Entwurfs einräumt«, sagt der Experte. So habe man die Chance, das Augenmerk auf die Fähigkeiten zu legen, die einem selbst besonders wichtig erscheinen – und etwaige Negativformulierungen zu vermeiden, um die man sich sonst im schlimmsten Fall vor dem Arbeitsgericht streiten müsste.

Worauf muss man beim Schreiben achten?

Mit der Antwort auf diese Frage beschäftigen sich ganze Bücher, so Birkhahn. Ein paar grundsätzliche Tipps könne er trotzdem geben. »Zunächst gibt es einen bestimmten Aufbau, an dem man sich halten sollte«, sagt er. Dazu gehören

  • eine kurze Beschreibung des Unternehmens,

  • der volle Name des Mitarbeiters oder der Mitarbeiterin,

  • seit wann die Person im Unternehmen tätig ist,

  • in welcher Position und

  • was genau dort ihre Aufgaben waren.

Darauf folgt in einem qualifizierten Arbeitszeugnis eine Bewertung dessen, wie zufriedenstellend die Person die Aufgaben erledigt hat.

Im letzten Absatz wird der Grund für das Ausscheiden aus der Firma genannt, sowie dem- oder derjenigen Erfolg für den weiteren Weg gewünscht.

Besonders auf zwei dieser Bereiche sollte man laut Birkhahn achten. »Die meisten Personaler lesen nur zwei Rubriken: Was hat die Person gemacht und warum ist sie ausgeschieden?« Hat sie selbst gekündigt? Dann ist es glaubhaft, wenn das restliche Zeugnis sehr gut ausfällt. Wurde sie gekündigt und trotzdem hochgelobt? »Dann kann die Vermutung entstehen, dass die Person in Wirklichkeit nicht so bombastisch war, aber man sich auf diese Formulierungen vor dem Arbeitsgericht geeinigt hat«, sagt Birkhahn. »Richtig gute Mitarbeiter kündigt man normalerweise nicht, es sei denn es gibt gravierende betriebliche Gründe.«

Zudem sollte sich die Schlussformel mit der Bewertung decken. Im besten Fall findet sich im letzten Absatz eine sogenannte Bedauerns-Dankens-Gute-Wünsche-Formel, die in etwa so lautet: »Wir bedauern das Ausscheiden aus dem Unternehmen, danken für die Mitarbeit und wünschen für die Zukunft weiterhin viel Erfolg und persönlich alles Gute.«

Fehlt dieser Abschluss oder Teile dessen, kann dies ein Hinweis darauf sein, dass der oder die Vorgesetzte doch nicht so begeistert von der Person ist, wie es die Bewertung vermuten lässt.

Merken Personalerinnen und Personaler, wenn jemand sich selbst ein Zeugnis geschrieben hat?

Ein besonders eindeutiger Hinweis darauf sei oft ein zu langes Zeugnis. »Fünf Seiten würde kein Vorgesetzter schreiben, das ist sehr unüblich«, sagt Birkhahn. Das verrate den Schreiber in eigener Sache also sofort. »Außerdem zeigt es dem oder der künftigen Vorgesetzten nur, dass man Wichtiges nicht von Unwichtigem unterscheiden kann.« Keine gute Eigenschaft in einem potenziellen Arbeitnehmer.

Man solle sich also inhaltlich auf die Fähigkeiten und eventuell auch Zusatzqualifikationen beschränken, die einen von anderen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern abheben.

Auch Arbeitsrechtler Alexander Birkhahn ist mit einem selbst geschriebenen Zeugnis mal aufgeflogen: Bei einer früheren Station in seinem Berufsleben wurde er aufgefordert, einen eigenen Entwurf zu verfassen und formulierte kurzerhand sein Traumzeugnis, welches auch abgesegnet wurde. »Ich bewarb mich damit, doch der künftige Vorgesetzte kannte meine vorige Chefin und war sich sicher: Solche Formulierungen hätte sie niemals verwendet«, erzählt Birkhahn. Sie waren schlicht zu enthusiastisch. »Man sollte also nicht restlos übertreiben, sondern eine gewisse Zurückhaltung bewahren.«

Bewertungen wie »sehr gut« könne man natürlich verwenden, sie sollten sich jedoch nicht häufen.

Mythos Zeugniscode: Lesen künftige Arbeitgeber aus Arbeitszeugnissen wirklich geheime Botschaften heraus?

Immer wieder liest man von Formulierungen, die auf den ersten Blick positiv wirken, einem künftigen Arbeitgeber jedoch Hinweise darauf geben sollen, dass der oder die Ex-Angestellte ein wenig faul, unfähig oder nicht besonders leistungsstark war. Welche Aussagen sollte man also möglichst vermeiden, damit sie nicht den falschen Eindruck erwecken?

Dazu gehört das klassische Beispiel »Er hat sich stets bemüht«, was bedeutet, dass demjenigen die betrauten Aufgaben leider selten gelungen sind. Ebenfalls ein negativ besetztes Wort ist demnach »gesellig«. »Mit dieser Formulierung wollen Arbeitgeber darauf hinweisen, dass eine Mitarbeiterin oder ein Mitarbeiter trinkt«, sagt Birkhahn.

Liest man sich durch diverse Bewerbungsratgeber, ist die Liste der doppeldeutigen Formulierungen schier endlos. Wer als »umgänglich« beschrieben wird, gilt angeblich als schwieriger Mensch. Wer mit »Vorgesetzten gut zurechtkommt«, ist ein Mitläufer. Hat sich jemand »aktiv mit Kollegen auseinandergesetzt«, sei es zu Handgreiflichkeiten gekommen, so die Übersetzung.

»Diese Art Code hat nicht mehr die Relevanz wie früher, aber kommt noch häufiger vor, als man denkt«, sagt Birkhahn.

Hat man ein Recht auf ein positives Zeugnis?

Was also, wenn der Chef oder die Chefin ein Arbeitszeugnis geschrieben hat, in dem wenig vorteilhafte Formulierungen verwendet werden? »Angestellte klagen vor dem Arbeitsgericht oft auf konkrete positive Formulierungen, weil sie denken, darauf einen Anspruch zu haben«, so Birkhahn. Dem sei allerdings nicht so.

Juristisch gibt es die Vorgabe, dass Arbeitszeugnisse »wohlwollend« formuliert sein sollen. »Früher ging man davon aus, dass wohlwollend gut bedeutet. Davon ist man inzwischen weg«, sagt der Experte. »Das Bundesarbeitsgericht hat zum Erstaunen vieler Arbeitnehmer entschieden: Ein durchschnittlicher Arbeitnehmer hat auch nur Anspruch auf ein durchschnittliches Arbeitszeugnis.«

Generell verweist er auf den juristischen Grundsatz der Zeugniswahrheit. »Arbeitgeber dürfen nur wahre Dinge ins Zeugnis schreiben«, so Birkhahn. »Allerdings ist dabei die Frage, ob sie nicht auch wahre negative Aussagen treffen dürfen.« Das würde allerdings dem Anspruch einer wohlwollenden Formulierung widersprechen, daher hielten sich viele Arbeitgeber damit zurück.

»Wenn eine negative Eigenschaft jedoch prägend für das Arbeitsverhältnis war, ist es theoretisch erlaubt, einen schlechten Arbeitnehmer auch negativ zu bewerten.«

Wer hat überhaupt Anspruch auf ein Arbeitszeugnis?

»Laut Paragraph 109 der Gewerbeordnung hat jeder Arbeitnehmer und jede Arbeitnehmerin Anspruch auf ein Arbeitszeugnis«, so Birkhahn. Dabei werde unterschieden zwischen einem einfachen und einem qualifizierten Zeugnis. Ersteres beschreibe lediglich die Tätigkeitsdauer und deren Inhalt, Letzteres beinhalte zudem eine Bewertung der Tätigkeit. »In der Praxis wird meist nur noch ein qualifiziertes Arbeitszeugnis ausgestellt«, sagt Birkhahn.

Für den Anspruch auf ein Zeugnis sei es übrigens egal, wie lange jemand bereits für einen Betrieb arbeitet, ob die Probezeit schon vorüber ist oder nicht.

Wer nach wenigen Wochen bereits eines verlangt, muss sich allerdings nicht wundern, wenn die Vorgesetzten über ihn oder sie noch keine genauen Aussagen treffen können. Dies darf auch genau so im Zeugnis erwähnt werden. Zudem sei die Frage, ob es bei einem zukünftigen Arbeitgeber nicht eher einen merkwürdigen Eindruck macht, wenn jemand nach relativ kurzer Beschäftigungsdauer ein Arbeitszeugnis einfordert, so Arbeitsrechtler Birkhahn. »Wenn jemand in regelmäßigen Abständen den Job wechselt, könnte man daraus schließen, dass der Mensch etwas schwierig ist«, sagt er. Da helfe auch ein exzellentes Zeugnis nicht, solange die Wechsel nicht gut begründet würden.

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