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Arbeitszeiten in Kliniken "Überdenken Sie Ihren Stundenzettel noch mal"

Ein Arzt in Polen schiebt 175 Stunden lang Dienst - auch in deutschen Kliniken ist der Arbeitsdruck oft enorm. Junge Mediziner in der Facharztausbildung berichten von nicht vergüteten Überstunden und gefälschten Arbeitszeiten. Die Gewerkschaft ist machtlos.
Besprechung beim Arzt: "Entlassungsbriefe nach Arbeitsende schreiben"

Besprechung beim Arzt: "Entlassungsbriefe nach Arbeitsende schreiben"

Foto: Adam Berry/ Getty Images

Der Stress würde groß werden, das wusste Ansgar Reimers* vorher. Als er 2010 seine Stelle als Assistenzarzt in der Chirurgie einer deutschen Uni-Klinik antrat, sagte ihm sein Chef: "Hier müssen Sie viel arbeiten, dann lernen Sie auch viel." Was er damit genau meinte, erfuhr der Mediziner recht schnell. An seiner Klinik wurden Arbeitszeiten - freundlich gesagt - großzügig ausgelegt.

Dienstbeginn war offiziell um 7.30 Uhr. Die Visite begann schon um 7.15 Uhr, die wollte der Mediziner in seiner Facharztausbildung mitmachen, deshalb kam er schon um kurz vor 7 Uhr. Nach der ersten Gehaltsabrechnung wurde Reimers prompt zum Gespräch beim Chef einbestellt. Er sollte aufschreiben, dass er erst um 7.30 Uhr seinen Dienst angetreten hätte. "Und was ist, wenn ich vor meinem offiziellen Dienstbeginn einen Fehler mache?" Das könne dann nachträglich noch geändert werden, so sein Chef.

In Polen ist gerade ein Neurologe mit einer 175-Stunden-Dauerschicht in die Schlagzeilen gekommen. Ein Extrem - aber auch in Deutschland leiden Ärzte unter den Arbeitsbedingungen. Laut einer Umfrage, die der Marburger Bund in Auftrag gegeben hat, klagen 71 Prozent aller Klinikärzte über Schlafstörungen und häufige Müdigkeit. Bei jedem Zweiten werden die Arbeitszeiten nicht systematisch erfasst. Und jeder Fünfte erklärt, dass seine Überstunden weder vergütet noch mit Freizeit ausgeglichen werden.

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Stress pur: 24 Stunden im Krankenhaus

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Berufsanfänger, die gerade ihre Ausbildung zum Facharzt absolvieren, trifft es oft besonders hart, weil sie überall dabei sein sollen. Reimers war wie fast alle seine Kollegen kaum in der Lage, die Pausen zu nehmen, die ihm zustehen: 45 Minuten täglich. Auf den Arbeitszeitzettel kamen sie trotzdem. Arbeitete er länger als zehn Stunden, wurde einfach eine weitere Pause aufgeschrieben.

Auch der Feierabend verzögerte sich regelmäßig. "Es gehörte zum guten Ton, Entlassungsbriefe nach dem offiziellen Arbeitsende um 16.30 Uhr zu machen. Viele Kollegen blieben häufig bis nach 18.30 Uhr, auch wenn das offiziell nicht gefordert wurde", sagt Reimers. Eine einheitliche Reglung zur Erfassung der Überstunden gab es nicht.

Aber schrieb er zu viele Überstunden auf, wurde er ins Chef-Büro zitiert und durfte sich anhören, dass er zu langsam arbeite. Dabei schafften auch die Kollegen das Pensum nicht in der offiziellen Zeit. "Überstunden wird es in der Chirurgie immer geben, das gehört zum Job", sagt Reimers. "Aber mich ärgert, dass unsere Arbeit nicht wertgeschätzt wird. Dabei geht es mir nur darum, dass ein Kollege, der 80 Stunden arbeitet, diese auch bezahlt bekommt."

Befristete Arbeitsverträge als Ursprung des Übels

Neu sind solche Zustände nicht, nur öffentlich reden will keiner darüber. Auch Reimers will seinen wahren Namen hier nicht lesen, er fürchtet Konsequenzen für seine Karriere. Selbst als Mitglied im Marburger Bund waren ihm die Hände gebunden. Sein Problem: Er war das einzige Gewerkschaftsmitglied auf seiner Station. "Wenn ich mich dort beschwert hätte - mein Chef hätte sofort gewusst, von wem das kommt."

Andreas Botzlar, zweiter Vorsitzender des Marburger Bundes, weiß von vielen Verstößen. Auch ihm riet mal ein Chef, seinen Stundenzettel zu "überdenken, wenn ich an der Klinik bleiben wollte". Heute, als Ärztevertreter, kann er aber kaum handeln, solange er nicht den konkreten Fall vortragen kann. Dienstpläne seien zwar häufig nach gesetzlichen Reglungen korrekt erstellt, hätten aber nichts mit den tatsächlich geleisteten Stunden zu tun.

Botzlar rät Betroffenen, ein Kollektiv aus Kollegen zu schaffen und gemeinsam in Ärzteverbände einzutreten. Nur dann hätten junge Mediziner eine Chance etwas zu ändern. "Es braucht aber den Mut des Einzelnen, die Faust nicht nur in der Tasche zu ballen und das Risiko von Unannehmlichkeiten in Kauf zu nehmen."

Der Unfallchirurg sieht in den befristeten Arbeitsverträgen, die an vielen Kliniken üblich sind, den Ursprung des Übels. Laut Botzlar hat eine Erhebung des Personalrats an der Münchner Klinik Großhadern ergeben, dass nur zehn Prozent aller befristeten Verträge über eine Laufzeit von zwei Jahren gehen, die Mehrheit liegt noch darunter. "Wer ständig um eine Verlängerung bangen muss, wird sich sicher nicht mit der Klinikleitung anlegen."

Verantwortlich für die Zustände fühlt sich niemand. Die Tarifgemeinschaft der Länder, die als Arbeitgebervereinigung über die Verträge an den deutschen Universitätskliniken mitentscheidet, verweist an die Klinikbetreiber. Zeiterfassung, der Umgang mit Überstunden oder die Praxis der befristeten Verträge seien deren Sache.

Auch der Verband der Universitätsklinika (VUD) hält sich nicht für den richtigen Ansprechpartner. "Zu dem Thema fehlen uns die Datengrundlagen. Ungefähr die Hälfte der Uni-Kliniken haben Haustarifverträge, das wird in jedem Haus unterschiedlich geregelt", teilt der Verband mit. Eine Erklärung für die vielen befristeten Arbeitsverträge sieht der Vertreter der 33 deutschen Universitätskliniken im Forschungsschwerpunkt der Kliniken. "Es gibt viele Ärzte, die an einer Uni-Klinik nur begrenzte Zeit forschen. Oftmals haben sie deshalb Arbeitsverträge mit Befristung."

Reimers dürfte das nicht trösten. Er hat inzwischen die Klinik gewechselt und arbeitet in einem Haus, in dem seine Überstunden auch so erfasst werden, wie er sie geleistet hat.

* Name von der Redaktion geändert

Jörg Römer (Jahrgang 1974) ist freier Journalist in Hamburg. Er schreibt über Gesundheitsthemen, Sport und ist KarriereSPIEGEL-Autor.

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