Attest per WhatsApp "Blaumacher sind nicht das Problem"

Ein paar Symptome angeben und neun Euro überweisen: Das reicht für eine Krankschreibung beim Start-up AU-Schein.de. Angst vor Betrug hat Gründer Can Ansay nicht.

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Ein Interview von


Wer sich krankschreiben lassen will, muss zum Arzt - diese Regel hielt Can Ansay, von Haus aus Jurist, für Unsinn. Er gründete das Unternehmen AU-Schein.de, das Arbeitnehmern den Krankenschein per WhatsApp ausstellt.

Unser Selbstversuch zeigte: Mit wenigen Klicks lässt sich die Software austricksen. Hier erklärt Ansay, warum er trotz möglicher Manipulationen auf die Selbstverantwortung seiner Kunden setzt - und warum Blaumacher seiner Einschätzung nach ohnehin nicht das Problem sind.

SPIEGEL ONLINE: Herr Ansay, Ihr Unternehmen schreibt Arbeitnehmer bei Erkältung krank, ohne dass sie je bei einem Arzt vorgesprochen haben müssen. Wie stellen Sie sicher, dass ein Patient eine Krankheit nicht nur vortäuscht?

Ansay: Wir können nicht überprüfen, ob jemand eine Krankheit nur vortäuscht. Da muss man dem Patienten vertrauen. Das macht ein Praxisarzt genauso, wenn der Patient über Schmerzen klagt. Da geht man ja auch nicht davon aus, dass der Patient die für eine Krankschreibung nötigen Symptome vorher gegoogelt hat.

SPIEGEL ONLINE: Wie erkennt man eine Erkältung per WhatsApp?

Ansay: Der Patient gibt auf unserer Webseite an, welche Erkältungssymptome bei ihm auftreten, etwa ob er Kopfschmerzen und eine verstopfte Nase hat. Außerdem fragen wir ab, wie lange er sich schon so fühlt, ob er deshalb bereits krankgeschrieben war und wie lange er arbeitsunfähig sein wird. Dann schließen wir Risikofaktoren aus: Bei Fieber über 38,5 Grad, Schwangerschaft oder schlimmeren Symptomen gibt es beispielsweise kein Attest. Ansonsten setzt unser Arzt seinen Stempel drauf, und das Attest kommt per WhatsApp.

SPIEGEL ONLINE: Das System ist leicht durchschaubar. Wir haben es ausprobiert: Ich kann die Symptomauswahl so lange wiederholen, bis ich krank genug bin und ein Attest erhalte. Überprüft das System, wie viele Anläufe ein Patient gebraucht hat?

Ansay: Nein, momentan haben wir keine technische Vorrichtungen, um das zu erfassen. Wir arbeiten aber dran. Aber auch da sage ich: Sich Symptome ausdenken kann man auch bei einem normalen Arztbesuch. Und im Zweifel wird man da sogar länger und öfter krankgeschrieben als bei uns. Nämlich maximal zweimal im Jahr für höchstens drei Tage.

SPIEGEL ONLINE: Um einen Krankenschein zu bekommen, braucht es die Unterschrift eines Arztes. Wer unterschreibt bei Ihnen?

Ansay: Wir übermitteln die Daten an einen unserer Ärzte. Der sitzt in Lübeck und schaut noch einmal auf die Angaben, dann setzt er seine Signatur auf das Attest, wenn er eine Erkältung diagnostiziert.

SPIEGEL ONLINE: Wie viele Arbeitnehmer schreibt Ihr Arzt pro Tag krank?

Ansay: Seit unserer Gründung im Dezember 2018 haben wir etwa 10.000 Atteste ausgestellt. Das schwankt immer ein bisschen, derzeit sind es etwa 80 pro Tag. Insgesamt sind die Bestellzahlen aber stabil und auch unabhängig von den Wetterschwankungen.

SPIEGEL ONLINE: Man kann wählen zwischen einem, zwei oder drei Tagen Arbeitsunfähigkeit - darunter steht der Hinweis: "Arzt folgt ihrem Wunsch." Animiert das nicht zum Blaumachen?

Ansay: Wir sind der Meinung: Jeder weiß selbst, wann er erkältet ist und wie lange es wohl dauert, bis man wieder arbeiten kann. Bei einem normalen Arztbesuch läuft es doch auch so. Die Dauer der Arbeitsunfähigkeit wird mit dem Patienten abgesprochen. Wenn man als Patient sagt: "In drei Tagen ist es wieder gut", dann sagt doch kein Arzt: "Nee, zwei reichen auch." Übrigens gibt es Studien, die zeigen, dass Blaumacher gar nicht das Problem sind.

SPIEGEL ONLINE: Wieso sollte es für Arbeitgeber in Ordnung sein, wenn ihre Angestellten länger zu Hause bleiben als nötig?

Ansay: Das Problem ist Präsentismus. Viele Arbeitnehmer denken immer noch, dass sie ihrem Unternehmen etwas Gutes tun, wenn sie krank zur Arbeit gehen. Das ist aber ein riesengroßer Irrtum. Der Schaden ist für ein Unternehmen größer, wenn ein kranker Mitarbeiter sich zur Arbeit schleppt und die anderen ansteckt, als wenn er vorsorglich ein paar Tage zu Hause bleibt. Auch der Deutsche Gewerkschaftsbund und das Robert Koch-Institut warnen davor. Obwohl es Studien gibt, in denen die Schäden durch Präsentismus zigfach höher beziffert werden als die durch Absentismus, hält sich der Glaube, der wirtschaftliche Schaden durch Blaumacher sei größer.

SPIEGEL ONLINE: Ihnen scheinen aber doch Bedenken gekommen zu sein. Früher gab es bei Ihnen die Option, sich für fünf Tage krankschreiben zu lassen. Warum bieten Sie das nicht mehr an?

Ansay: Wir haben das im Sinne der Patientensicherheit wieder geändert. Außerdem wollen wir Blaumacher abschrecken. Drei Tage Krankschreibung sind aus unserer Sicht medizinisch vertretbar bei Symptomen, die für eine Erkältung sprechen. Wenn es dann noch nicht besser ist, sollte man sich gründlicher durchchecken lassen.

SPIEGEL ONLINE: Wie gut kann ein Computer Krankheiten überhaupt einschätzen - im Gegensatz zu einem Arzt, der seinen Patienten gründlich abhorcht?

Ansay: Ich war vor einigen Jahren krank: Husten mit Auswurf. Verschiedene Ärzte diagnostizierten mir aber nichts. Später stellte sich heraus, dass ich eine Sinusitis hatte. Ich habe meine Beschwerden dann testweise in einen Symptom-Checker eingegeben. Der hat Wahrscheinlichkeiten zu verschiedenen möglichen Diagnosen bei meinen Symptomen ausgegeben - und lag richtig.

SPIEGEL ONLINE: Sie wollen den Versand von Attesten in Zukunft noch ausdehnen - auf "Magen-Darm-Grippe" und "Schmerzen im unteren Rücken". Sind Diagnosen da nicht schwieriger?

Ansay: Die Diagnostik wird bei diesen Krankheiten schon komplizierter. Unsere Experten sagen uns aber, dass die Anamnese bei diesen Erkrankungen ausreichend verlässlich ist. Wir wollen das noch im Laufe dieses Jahres einführen.



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