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Mindestlohn und Abschlüsse Ministerin Karliczek will Ausbildung in Deutschland komplett umbauen

"Berufsbachelor", "Berufsmaster" und ein bundesweiter Mindestlohn für Azubis: Bildungsministerin Anja Karliczek will die Ausbildung in Deutschland von Grund auf erneuern - die Änderungen sollen 2020 in Kraft treten.
Anja Karliczek (CDU), Bundesministerin für Bildung und Forschung

Anja Karliczek (CDU), Bundesministerin für Bildung und Forschung

Foto: Soeren Stache/ dpa

Auszubildende in Deutschland sollen künftig mindestens 504 Euro im Monat verdienen - egal, welchen Beruf sie lernen und in welchem Bundesland sie ihre Ausbildung absolvieren.

Das hat Bundesbildungsministerin Anja Karliczek am Donnerstag in einer Grundsatzrede auf dem Berufsbildungskongress des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) angekündigt. Das Manuskript der Rede lag dem SPIEGEL vorab vor.

"Auszubildende packen schon im ersten Jahr in den Betrieben mit an", sagte Karliczek. "Deshalb ist eine Mindestvergütung auch eine Frage der Anerkennung dieser Leistung."

Das Besondere: Der Azubi-Mindestlohn soll nach Vorstellung der CDU-Ministerin bundes- und branchenweit gelten. Bisher weichen die Gehälter von Lehrlingen in Ost und West, aber auch in verschiedenen Berufsgruppen weit voneinander ab.

Die Höhe dieser Mindestvergütung soll sich im ersten Lehrjahr am Schüler-Bafög orientieren und danach jährlich steigen. Der Höchstsatz liegt aktuell bei 504 Euro im Monat - in den meisten Ausbildungsberufen liegt die Vergütung allerdings heute schon darüber. Im zweiten Jahr solle die Mindestvergütung laut Karliczek um fünf Prozent steigen, im dritten um zehn Prozent und im vierten um 15 Prozent.

Vor allem Azubis im Osten werden profitieren

Von dem neuen Mindestlohn werden wohl vor allem Azubis in Ostdeutschland profitieren, etwa Fleischer (derzeit in Ostdeutschland im ersten Lehrjahr 310 Euro), Schuhmacher (375 Euro), Augenoptiker (431 Euro), Fachverkäufer im Lebensmittelhandwerk (473 Euro) und Friseure - diese sind bundesweit mit 406 Euro monatlich im ersten Lehrjahr die am schlechtesten bezahlten Auszubildenden.

Bundeseinheitliche Tarifreglungen zu Ausbildungsvergütungen gibt es nur in wenigen Branchen, etwa bei Banken und Versicherungen, dem öffentlichen Dienst oder der Druckindustrie. In den anderen Branchen gibt es große regionale Unterschiede - je nach Tarifgebiet. Und Firmen, die nicht tarifgebunden sind, zahlen ihren Azubis teilweise noch niedrigere Löhne.

Der Vorstoß ist Teil einer Neuauflage des Berufsbildungsgesetzes (BBiG), auf die sich CDU und SPD im Koalitionsvertrag geeinigt hatten. Die Novelle soll bis zum 1. August 2019 beschlossen werden und im Januar 2020 in Kraft treten.

"Berufsbachelor" statt Facharbeiter

Zudem will die Ministerin die rund 300 Ausbildungsberufe formal an die universitäre Bildung heranrücken. Bezeichnungen in der Berufsausbildung wie Facharbeiter, Fachkraft oder Fachberater soll es in Zukunft nicht mehr geben. Stattdessen sollen drei Fortbildungsstufen eingeführt werden: Berufsspezialist, Berufsbachelor und Berufsmaster. "Damit unterstreichen wir, dass wir es mit der Gleichwertigkeit von beruflicher und akademischer Bildung ernst meinen", sagte die CDU-Ministerin. Wer genau welche Bezeichnung tragen soll, ließ Karliczek zunächst offen.

Das Berufsbildungsgesetz wird in wenigen Monaten 50 Jahre alt, es gilt als Grundgesetz der Ausbildung. Pünktlich zum Jubiläum hat Karliczek nun eine umfangreiche Novelle angekündigt. "Durch finanzielle und ideelle Verbesserungen werden wir mehr Anerkennung für die berufliche Bildung schaffen", sagte die Ministerin.

Das ist dringend nötig: Rund 320 anerkannte Ausbildungsberufe gibt es derzeit in Deutschland - seit Jahren klagen Unternehmen über fehlenden Nachwuchs. Die Zahl der unbesetzten Ausbildungsstellen liegt 2018 so hoch wie seit 20 Jahren nicht mehr, mehr als 57.000 blieben laut Bundesarbeitsagentur vakant. Auf manche Stellenanzeigen meldete sich kein einziger Bewerber. Statt in Betrieb und Berufsschule zieht es immer mehr Schulabgänger an die Universitäten.

Anja Karliczek, seit März dieses Jahres Bundesministerin für Bildung und Forschung, ist gelernte Hotelfachfrau und studierte später berufsbegleitend Betriebswirtschaftslehre an der Fernuniversität Hagen. Die berufliche Bildung in Deutschland aufzuwerten, nannte sie von Anfang an als eines ihrer Hauptziele.

In der Fotostrecke können Sie sehen, wo die Unterschiede in der Azubi-Vergütung derzeit besonders deutlich sind:

Fotostrecke

Azubi-Löhne: 300 Euro mehr oder weniger

Foto: Wolfgang Thieme/ picture-alliance/ dpa

Doch was ist mit den Azubis selbst? Wieso brechen so viele ab? Und wieso fehlt so viel Nachwuchs - obwohl eine Ausbildung inzwischen fast so gut vor Arbeitslosigkeit schützt wie ein Studium?

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