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Lehrlingsmangel Warum so viele Ausbildungsplätze unbesetzt bleiben

Tische abräumen, Schweinehälften verwursten - dazu haben immer weniger Jugendliche Lust. Die Zahl der unbesetzten Ausbildungsplätze ist so hoch wie seit 20 Jahren nicht mehr. Schuld haben auch die Betriebe selbst.
Ausbildung zum Restaurantfachmann (Symbolbild)

Ausbildung zum Restaurantfachmann (Symbolbild)

Foto: WorldSkills Germany

Schulabschlüsse und Schulnoten interessieren Rebecca Fox wenig. Bei der Auswahl der sieben Lehrlinge, die derzeit im Hotel und Gasthaus Zum Rittmeister in Kemnitz in Brandenburg zu Köchen und Hotelfachkräften ausgebildet werden, war für sie vor allem der Eindruck in den Vorstellungsgesprächen entscheidend. Ihre Hauptkriterien: ein aufgeschlossenes und freundliches Wesen - und die Bereitschaft, an Wochenenden und Feiertagen zu arbeiten.

Dass sich auf Stellenanzeigen keine Bewerber melden, wundert Fox schon lange nicht mehr. Sie besucht deshalb Schulen in der Umgebung, stellt sich bei Eltern-Schüler-Abenden vor und spricht gezielt Schüler an, die in den Ferien im Gasthaus aushelfen. Nur für das Restaurantfach findet sie auch auf diesem Weg niemanden.

Restaurantfachmann/-frau ist der Beruf mit den meisten offenen Lehrstellen in Deutschland. Fleischer und Fachverkäufer für Lebensmittelhandwerk ist ähnlich unbeliebt, jeder dritte Ausbildungsplatz kann nicht besetzt werden. Die drei Berufe gelten als Paradebeispiele des Azubi-Mangels.

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Ausbildung: Die beliebtesten und unbeliebtesten Berufe

Foto: Adam Berry/ Getty Images

Dabei gibt es in Deutschland noch immer mehr Bewerber als Ausbildungsplätze. 603.500 Jugendliche haben sich zwischen Oktober 2016 und September 2017 bei der Bundesagentur für Arbeit gemeldet, um eine Lehrstelle zu finden. 572.000 Ausbildungsplätze hatte diese im Angebot. Tatsächlich eine Ausbildung begonnen haben 523.300 junge Menschen. 48.900 Lehrstellen blieben unbesetzt, die Zahl ist so hoch wie seit 20 Jahren nicht mehr.

Arbeitsmarktanalysten haben für das Dilemma ein bürokratisches Wort gefunden: Passungsprobleme. Es umfasst alles, was nicht passen kann zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern: Mal ist es der Ort, mal sind es die Noten - und manchmal auch einfach die Interessen.

Jessica Alburg

Jessica Alburg

Foto: Christian Fox

Jessica Alburg, 21, liebt die Arbeit im Restaurant. Restaurantfachkraft wollte sie trotzdem nicht werden. Sie hat sich lieber für die Ausbildung zur Hotelfachfrau entschieden, so habe sie "mehr Abwechslung und mehr Optionen", sagt sie. Sie könne weiterhin im Service arbeiten, habe aber die Möglichkeit, später auch mal an die Rezeption zu wechseln.

Für ihre Chefin Rebecca Fox eine nachvollziehbare Überlegung: "Im Hotelfach werden neben dem Service mehrere Abteilungen durchlaufen, wie Housekeeping, Rezeption und Küche. Daran kann man viele Weiterbildungen anknüpfen", sagt Fox. "Für eine Ausbildung zur Restaurantfachkraft muss man sehr serviceaffin sein und oft auch Spätdienste in Kauf nehmen. Davor schrecken viele zurück."

Eltern und Lehrer raten eher zum Abitur

Da hilft es auch wenig, wenn die Arbeitgeber ihren Azubis eine Unterkunft zur Verfügung stellen, wie im Gasthaus Rittmeister. Tische abzuräumen und Schweinehälften zu verwursten, dazu haben einfach immer weniger Jugendliche Lust. Kann man ihnen deshalb einen Vorwurf machen? Nein, meint Elisabeth Krekel vom Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB). Das sei wie auf dem Heiratsmarkt: "Es kann jemand reich und schön sein und über ein freistehendes Einfamilienhaus verfügen - wenn die Chemie nicht stimmt, wird man sich trotzdem nicht verlieben."

Sie habe aber auch schon häufiger erlebt, dass es gar nicht die Jugendlichen sind, die manche Berufe von vornherein ablehnen - sondern die Eltern. Und die reden ihren Kindern die Berufswünsche aus. Auch die Deutsche Kinder- und Jugendstiftung kommt in einer Studie zu dem Ergebnis, dass viele Eltern und Lehrer Jugendlichen eher dazu raten, einen möglichst hohen Schulabschluss zu erzielen als eine Ausbildung zu beginnen. "Könnte man Friseur studieren, wäre für viele die Welt bereits in Ordnung", wird in der Studie  eine Bildungsberaterin zitiert.

Aber auch viele Unternehmer sind wählerisch. Das BIBB listet in seinem Berufsbildungsbericht  drei Merkmale auf, die "erfahrungsgemäß eine Vermittlung in Ausbildung eher erschweren": Ein Alter von mehr als 20 Jahren. Eine ausländische Staatsangehörigkeit. Und ein Hauptschulabschluss.

Zeugnisse einzuscannen ist nicht mehr zeitgemäß

Georg Konjovic war bis Ende des Jahres 2017 Geschäftsführer von meinestadt.de, einem Portal, das eine Stellenbörsen-App anbietet, in der mehr als 45.000 offene Lehrstellen verzeichnet sind. "Immer wieder beklagen sich Firmenchefs bei uns, dass sie keine Azubis finden. Aber das Problem ist zum großen Teil hausgemacht", sagt Konjovic.

Er hat beobachtet, dass viele Unternehmen immer noch auf klassische Anzeigen setzen, die nicht für Smartphones optimiert sind. "Von Jugendlichen zu erwarten, dass sie sich an einen Rechner setzen, ein Webformular ausfüllen und ihre Zeugnisse einscannen und hochladen, ist einfach nicht mehr zeitgemäß." Zum anderen würden Bewerber mit einem vermeintlich schlechten Notendurchschnitt gleich aussortiert.

"Diese pauschale Erstauswahl stammt noch aus Zeiten, in denen es mehr Bewerber als Lehrstellen gab", sagt Konjovic. "Aber statt ihren Habitus zu überdenken, werfen viele Unternehmer gleich die Flinte ins Korn. Da heißt es dann: Bei uns bewirbt sich niemand, aber da können wir nichts tun, das liegt am demografischen Wandel."

Mehr Auszubildende mit Abitur als mit Hauptschulabschluss

Der Deutsche Gewerkschaftsbund wirft den Firmen vor, eine Bestenauslese zu betreiben. Abitur und mittlerer Schulabschluss seien zur Leitwährung auf dem Ausbildungsmarkt geworden. Hauptschüler hätten kaum noch eine Chance.

Betriebe rechtfertigen dies gern damit, dass nur noch Abiturienten über eine angemessene Bildung verfügten. Aber die Anforderungen an das, was als angemessen gilt, haben sich auch deutlich erhöht. "Wer früher Kfz-Mechaniker gelernt hätte, würde mit selber Eignung heute kaum den Ausbildungsvertrag zum Kfz-Mechatroniker schaffen", wird in der Studie der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung ein Berufsschullehrer zitiert.

2016 haben sich in Deutschland erstmals mehr junge Menschen mit Abitur als mit Hauptschulabschluss auf einen Ausbildungsplatz beworben. Schnappen also Abiturienten allen anderen die Plätze weg? "Die Verdrängungsmechanismen darf man nicht überbewerten", sagt Elisabeth Krekel vom BIBB. "Abiturienten machen sich vor allem gegenseitig Konkurrenz." Und in vielen Firmen wäre ohnehin Platz für alle.

Restaurantfachmann/-frau ist nicht nur der Beruf, in dem die meisten Ausbildungsplätze unbesetzt bleiben, sondern auch der, in dem die meisten Ausbildungsverträge wieder aufgelöst werden: Jeder Zweite (49,6 Prozent) beendet das Arbeitsverhältnis noch in der Probezeit. Ähnlich sieht es bei angehenden Friseuren und Fachkräften für Schutz und Sicherheit aus.

Aram Sahakyan

Aram Sahakyan

Foto: SPIEGEL ONLINE

In der Berufsschulklasse von Aram Sahakyan, 26, waren zu Beginn 25 Schüler. Jetzt, im zweiten Lehrjahr, sind es nur noch 16. Der Armenier macht eine Ausbildung zum Fachverkäufer Lebensmittelhandwerk in einer Bäckerei in einem Hamburger Supermarkt. Er backt Rohlinge auf, schenkt Kaffee aus. Die Filiale ist winzig, er ist der einzige Angestellte. Meist ist er deshalb allein bei der Arbeit. Aber das mache ihm nichts aus, sagt Sahakyan: "Es sind ja immer viele Kunden da, und es gibt immer was zu tun."

Er träumt davon, später selbst einmal einen Backshop zu betreiben. Der Job mache so viel Spaß, sagt er, er könne gar nicht verstehen, warum die Ausbildung so unbeliebt sei. Dann hält er inne. "Wahrscheinlich liegt es am Geld."

Sahakyan hat eine 38-Stunden-Woche und verdient 530 Euro im Monat. Ohne die Hilfe vom Sozialamt käme er gar nicht über die Runden. Allein für seine Wohnung muss er jeden Monat 500 Euro zahlen, dazu kommt noch die Monatsfahrkarte.

Im Berufsausbildungsbericht findet sich eine sehr einleuchtende Idee, wie man dem Azubimangel entgegenwirken könnte: "durch Attraktivitätssteigerungen der entsprechenden Ausbildungen/Berufe". Und was attraktiver werden könnte, wird auch gleich aufgezählt: die Ausbildungsvergütung, die Arbeitszeiten. Und die Weiterbildungsperspektiven.

SPIEGEL TV: Eine Klasse auf dem Weg in den Arbeitsmarkt (2012)

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