Als Deutsche in Israel "Ich führe ein normales jüdisches Leben"

Nicole Rabany, 47, lebt seit 20 Jahren in Israel und ist zum Judentum konvertiert. Sie fühle sich als Israelin, sagt sie - erfülle aber immer noch ein deutsches Klischee.

Camping in der Wüste
Privat

Camping in der Wüste

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"Ich lebe seit 20 Jahren in Kfar Saba, einer Stadt mit rund 100.000 Einwohnern mitten in Israel, direkt an der Grenze zum Westjordanland. Tel Aviv ist nur 15 Kilometer entfernt. Aber auch alles andere ist nah. Das Land ist klein. Ans Mittelmeer brauchen wir mit dem Auto 20 Minuten, nach Haifa zum Wandern in die Berge eine Stunde, zum Camping an den See Genezareth zwei Stunden.

Wir wohnen in einem Haus mit Garten. Jeder meiner drei Söhne, 6, 11, und 14 Jahre alt, hat einen Computer im Zimmer. Nach der Schule gehen sie zum Reiten oder spielen Basketball. Statt Ostern und Weihnachten feiern wir die jüdischen Feste, den Fastentag Jom Kippur, das Lichterfest Chanukka und Purim, jüdischen Karneval. An Sukkoth, dem Laubhüttenfest, bauen wir eine Hütte aus Ästen im Garten und essen dort eine Woche lang.

Ich führe mit meinem Mann und unseren Kindern ein normales jüdisches Leben. An Sabbat soll man zum Beispiel kein Feuer anzünden, deshalb koche ich fürs Wochenende vor. Wir wärmen das fertige Essen dann nur auf. Am Freitagabend beginnt der Sabbat mit dem Kiddusch, das ist ein besonderes Gebet mit zwei Segenssprüchen. Dafür kommen wir als Familie bei Brot und Wein zusammen. Wir sind sonst aber nicht besonders streng gläubig. In die Synagoge gehen wir an Sabbat nicht.

Unter der Woche arbeite ich als Lehrerin an einer Schule. In meiner Klasse sind acht Kinder, alle sind geistig behindert und können nicht sprechen. Sechs von ihnen sitzen im Rollstuhl. Ich versuche, ihnen Dinge beizubringen, die sie im Alltag brauchen: zum Beispiel, wie man einen Löffel hält oder Farben unterscheidet.

Mehr Kontakt zwischen den Religionen, als viele Deutsche glauben

Unsere Schule besuchen jüdische und arabische Kinder. Auch das Kollegium ist bunt gemischt. Die Krankenschwester, die die Kinder in meiner Klasse betreut, ist Muslimin. Wir verstehen uns super. Überhaupt gibt es zwischen den Religionen mehr Kontakt, als viele Deutsche glauben. Wir fahren gerne nach Tira, das ist eine arabische Stadt hier in der Nähe, und gehen dort auf den Markt. Von dort kommen die Leute hierher, um im Supermarkt einzukaufen. Ich sehe da kein Problem.

Trotzdem prägt der Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern unseren Alltag. Jedes Haus hat einen Luftschutzbunker im Keller. Wir leben zum Glück im Zentrum von Israel. Die Raketen aus dem Gazastreifen kommen nur selten zu uns. Es gibt vielleicht ein- oder zweimal im Jahr einen Alarm. Daran habe ich mich inzwischen gewöhnt, auch daran, dass es vor jeder Schule und jedem Laden eine Waffenkontrolle gibt.

Ich sehe auch leider keine große Chance, dass sich in naher Zukunft etwas ändern wird. Mein ältester Sohn ist in drei Jahren mit der Schule fertig, dann muss er zur Armee. So ist das hier eben.

Dass ich als Deutsche in Israel lebe, spielt für mich keine besondere Rolle. Ich persönlich hatte in Israel auch noch nie Probleme, weil ich Deutsche bin. Ich kenne aber ältere Deutsche, die nicht an Deutschland erinnert werden wollen, die nicht Deutsch sprechen wollen und keine deutschen Produkte kaufen.

Ich kann sie verstehen. Die Nummer auf ihrem Arm erinnert sie täglich daran, woher sie stammen und was ihnen widerfahren ist. Ich selbst habe mich aber nie für die Geschichte des deutschen Volkes oder die Vergangenheit meiner Großeltern verantwortlich gefühlt. In der Schule meiner Söhne tritt hin und wieder die Frage auf 'Wer waren deine Großeltern? Wo waren sie während des Krieges....?'

So wie auch viele andere Deutsche habe ich in meiner Jugend nicht viel mit meinen Großeltern über die Nazizeit gesprochen. Sie waren Durchschnittsdeutsche - keine großen Verbrecher, aber auch keine Helden. Ich versuche meinen Kindern zu erklären, wie schwer es ist, ein "Schindler " zu sein. Und wie wichtig es trotzdem ist, durch kleine Taten im Alltag zu überzeugen.

Mir war frühzeitig klar, dass ich einmal auswandern will

Das erste Mal länger in Israel war ich für ein sechsmonatiges Praktikum in einem Kindergarten für geistig behinderte Jungen und Mädchen. Während dieser Zeit lernte ich meinen heutigen Mann kennen. Ich hatte damals gerade meinen Abschluss in Sonderpädagogik gemacht. Noch im Praktikum bekam ich die Zusage für ein Referendariat in Deutschland.

Ich bin für diese zwei Jahre zurückgegangen, obwohl mir schon klar war, dass ich einmal auswandern und zum Judentum konvertieren will - auch wenn das keine Religion ist, die einen mit offenen Armen empfängt. Anders als in anderen Religionen kann man nicht einfach sagen, dass man dazugehören will - sondern muss sich nachweislich mit dem Judentum auseinandersetzen.

Ich hatte Kurse zur Tora und in Gebetskunde. Außerdem lernte ich alles über jüdische Feste und Bräuche und wie man einen koscheren Haushalt führt. Zurück in Israel legte ich meine Prüfung ab, den Giur. Eine halbe Stunde stellten mir drei Rabbiner Fragen. Danach fühlte ich mich richtig angekommen. Für mich war das wichtig, aber es ist kein Muss. Ich habe auch eine Freundin aus den Niederlanden hier, die bis heute Christin ist.

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Ausgewandert nach Israel: Luftschutzbunker im Keller

Auch Hebräisch habe ich gelernt. Anfangs war ich noch etwas unsicher. Deshalb habe ich erst einmal fünf Jahre in einem Kindergarten gearbeitet. Was mir in all der Zeit aufgefallen ist: Ich finde, dass die Mentalität hier im Vergleich zu Deutschland anders ist. Für mich ist das der größte Unterschied. Alle geben sich offen. Wenn man im Bus oder im Zug sitzt, reden die Leute nach zwei Minuten miteinander und tauschen Essen aus. Ich mag diese Mischung aus modern, religiös und orientalisch.

Ich fühle mich inzwischen wie eine Israelin

Nach Deutschland fahre ich mit meiner Familie noch alle ein bis zwei Jahre. Dort besuchen wir meine Mutter. Eigentlich kommen wir vor allem ihretwegen. Ich freue mich, wenn sie Sauerbraten mit Klößen kocht oder Gulasch. Ansonsten vermisse ich eigentlich nichts. Ich fühle mich inzwischen als Israelin.

Nur an einer Sache merke ich, dass ich ein deutsches Klischee erfülle: Ich bin sehr pünktlich. Wenn wir in der Schule um acht Uhr abends eine Besprechung haben, bin ich fünf Minuten vorher da und natürlich die Erste. Nicht einmal die Schulleitung ist dann schon da. Meine Kollegen kommen eher um halb neun oder noch später. Aber ich kann irgendwie nicht anders."

Kulturschock
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