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Ausländische Bewerber "Lieber den Josef aus Bayern als Mehmet aus der Türkei"

Pegida-Demos, die IS-Barbarei - hat das Folgen für ausländische Bewerber in Deutschland? Nein, behaupten Unternehmen: Wir brauchen gute Fachkräfte, egal woher. Doch, sagen Psychologen und warnen vor unbewussten Vorurteilen.
Von Bärbel Schwertfeger
Afghanische Azubis in München: Mit ausländischen Wurzeln ist die Jobsuche schwierig

Afghanische Azubis in München: Mit ausländischen Wurzeln ist die Jobsuche schwierig

Foto: Simon Ribnitzky/ picture alliance / dpa

Für Bewerber mit arabischen Wurzeln ist es schwerer geworden - Martina Beermann hat daran keine Zweifel. Die Psychologin ist Karriereberaterin an der HHL-Managementhochschule in Leipzig. Schon zuvor fiel ihr an einer anderen Hochschule auf, dass Ingenieure aus Jordanien trotz guter Deutschkenntnisse größere Schwierigkeiten bei der Jobsuche hatten.

Dabei klagen die Unternehmen ständig über Fachkräftemangel. Und in der Flüchtlingsdebatte gibt es auch zahlreiche Stimmen aus der Wirtschaft, die Zuwanderer als Gewinn für den Standort Deutschland loben. "Für Bombardier ist nicht die Nationalität, sondern allein die Qualifikation des Bewerbers entscheidend", sagt Daniel Zinner, bei dem Flugzeug- und Zughersteller zuständig für internationale Mitarbeiterentsendung. Der Konzern agiere global, da müsse die Belegschaft ebenfalls international sein.

So sieht es auch Gerrit Doyé vom Autozulieferer Continental. Dort habe man mit internationalen Fachkräften bereits viele gute Erfahrungen gemacht. "Angst und Vorurteile entstehen meist, wenn man etwas noch nicht kennt und die Erfahrung damit fehlt", so der Personalentwickler.

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Foto: IZA

Das Unbehagen in der Wirtschaft bestätigt eine Umfrage der Bertelsmann Stiftung, nach der 60 Prozent der Unternehmen in Deutschland noch nie einen Azubi mit Migrationshintergrund eingestellt haben - obwohl diese Gruppe ein Viertel aller Jugendlichen ausmacht. Die Bosch Stiftung bescheinigte Deutschland in einer Studie 2014 sogar ein ernstes Diskriminierungsproblem: Wer ausländische Wurzeln hat, muss deutlich mehr Bewerbungen schreiben, um zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen zu werden.

Continental-Manager Doyé glaubt, die Diskussionen über mögliche Benachteiligungen führten eher dazu, dass man sich darüber Gedanken macht. Allerdings seien große Konzerne vermutlich stärker sensibilisiert als kleine Unternehmen und "faktenbasierte Personalentscheidungen" weniger anfällig als Bauchentscheidungen.

"Möglichen Vorurteilen echtes Gesicht gegenüberstellen"

Man müsse sich eigene Vorurteile bewusst machen, sagt Doyé: "Manche glauben, keine zu haben, handeln dann aber doch so." Bei Continental gebe es daher Workshops, bei denen auch die "impliziten Bilder im Kopf" ergründet werden.

Das hält Andreas Zick, Psychologe an der Uni Bielefeld, für unbedingt notwendig. Oft fließe bei der Bewerberauswahl das eigene kulturelle Leitbild unbewusst ein: "Dann nimmt man eben doch lieber Josef aus Bayern als Mehmet aus der Türkei." Vor allem, wenn ein Bewerber zwar alle Kriterien erfülle, aber im Auswahlteam Uneinigkeit herrsche.

"Da muss man aufpassen, ob die Herkunft nicht doch zum Kriterium wird, ohne dass man es selbst merkt", so Zick. "Wir lehnen dann jemanden zwar nicht ab, weil er einen ausländischen Namen hat, aber weil wir ihm bestimmte positive Merkmale nicht zuschreiben."

Wie sich unbewusste Vorurteile durch die Hintertür einschleichen, hat Zick bei einem Experiment erlebt. Studenten sollten das Foto derselben Person beurteilen - einmal als Julia ohne, einmal als Hülya mit Kopftuch. Es ging um einen der begehrten Studienplätze in Psychologie. Ergebnis: Die Studenten fanden zwar beide bestens geeignet, brachten aber bei Hülya Argumente vor wie "Vielleicht passt die bei uns doch nicht rein" oder "Die hat doch woanders auch gute Chancen".

Hochschul-Karriereberaterin Martina Beermann überlegt, ob sie spezielle Bewerbungstrainings für Ausländer anbieten soll. "Am wirksamsten ist es, möglichen Vorurteilen immer ein echtes Gesicht gegenüberzustellen", sagt sie und rät Bewerbern zum persönlichen Kontakt auf Karrieremessen oder bei Vorträgen.

Gerade bei Bewerbern aus dem arabischen Raum hält sie Zusatzinformationen für hilfreich: Die Mitgliedschaft im Handballklub etwa deute auf eine gute Integration. Zudem rät Beermann, über den Lebenslauf noch ein kurzes Statement zu setzen, warum man sich für gerade diese Stelle bewirbt: "So erzielt man Aufmerksamkeit." Zeugnisse würden schließlich nur dann gelesen, wenn der Lebenslauf interessant klingt.

Foto: Foto: Helga Kaindl

KarriereSPIEGEL-Autorin Bärbel Schwertfeger ist freie Journalistin in München.

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