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15. Mai 2013, 08:58 Uhr

Geheimberuf Auslandsagent

"James Bond käme nicht durchs Bewerbungsgespräch"

Protokolliert von

Eine Mission fürs Vaterland? Eine Referentenstelle für Bürokraten! Wer im deutschen Auslandsgeheimdienst arbeiten will, sollte eher langweilig sein als smart. Außerdem verdirbt das ständige Lügen auf die Dauer den Charakter, berichtet Ex-Agent Paul F.

James Bond ist charmant und unbestechlich, der BND ist verschnarcht. Außerdem scheinen die Geheimdienste irgendwie mit den ganzen NSU-Morden zu tun zu haben. Größer könnte die Kluft zwischen den Spionen im Kino und den im bundesdeutschen Schlapphüten kaum sein. Zunächst einmal ist Agent ein Verwaltungsjob wie jeder andere auch, berichtet Paul F., ein ehemaliger Mitarbeiter des Auslandsgeheimdienstes. Nur dass es zum Job gehört, ganz lässig zu lügen.

"Ich habe mehrere Jahre für den Bundesnachrichtendienst gearbeitet. Ich kam als Zeitsoldat von der Bundeswehr und habe mich dorthin versetzen lassen. Dass ein erheblicher Teil der BNDler vom Bund kommt, ist wenig bekannt. Zuvor hatte ich bei der Bundeswehr im naturwissenschaftlichen Bereich gearbeitet und wollte aus privaten Gründen nach Berlin. Ich wusste, dass es beim BND Stellen in der technischen Auswertung gab.

Wer vom Bund zum BND versetzt wird, bekommt eine Legende. Seit zig Jahren gibt es die Erzählung: 'Ich wechsle zum Amt für Militärkunde.' Innerhalb der Bundeswehr wissen dann viele Bescheid. Bevor es losgeht, werden Bewerber streng sicherheitsüberprüft. Ich musste alles Mögliche über mein Privatleben angeben, wie und mit wem ich zusammenlebe, auch Familie und Referenzpersonen wurden überprüft. So soll verhindert werden, dass jemand eingestellt wird, der erpressbar ist. Die Überprüfung dauert bis zu sechs Monate.

Insgesamt ist das Bewerbungsverfahren in den vergangenen Jahren offener geworden. Der BND will ein bisschen aus seiner dunklen Ecke raus. Das spiegelt sich im Umzug nach Berlin wieder. Das alte Hauptquartier in Pullach war eine regelrechte Festung, Berlin ist viel zugänglicher. Inzwischen gibt es eine Website mit Stellenausschreibungen. Früher wurde fast ausschließlich intern angeworben. Das führte dazu, dass ganze bayerische Familienclans beim BND beschäftigt waren, also Vater, Mutter, Onkel, Tante, Kinder.

Ob der BND in Deutschland eine große Rolle spielt, hängt immer davon ab, wie sehr sich die Politik gerade für die Geheimdienste interessiert. Kohl zum Beispiel waren sie relativ egal. Der bekam die BND-Berichte mit seiner Pressemappe, hinter den Artikeln der Bildzeitung. Schröder und Fischer legten großen Wert auf die Expertise des BND. Als ich dort war, fing gerade der Irak-Krieg an. Alle suchten nach Massenvernichtungswaffen in Irak und Afghanistan.

Sprechvorlage für Joschka Fischer

Ich fand es damals aufregend, Politiker zu briefen. Politiker haben in dieser Situation etwas von einer Bienenkönigin, die von ihren Bienen mit Informationen versorgt und gepflegt wird. Ich habe Fischer einmal über ein Thema berichtet, mit dem er wenig später zitiert wurde. Das fand ich toll. Natürlich hätte ich das gerne erzählt. Aber das geht nicht. Imponiergehabe hat in diesem Beruf nichts verloren.

In der Auswertung hatte ich mit Geisteswissenschaftlern, Naturwissenschaftlern, Übersetzern, Ingenieuren, Physikern zu tun, das war sehr gut. Alles in allem ist das Arbeiten in der Auswertungsabteilung unspektakulär. Das ist im Grunde ein Referentenjob.

Berufsanfänger werden in Sachen Geheimhaltung und Umgang mit Legenden geschult und müssen unzählige Belehrungen unterschreiben. Meine Legende klang total langweilig. Da wurde nie nachgefragt. Bei anderen ist das schwieriger. Wenn ein Kernphysiker sagt, er sei beim Amt für Bundesvermögensfragen, werden Freunde neugierig. Eine Legende sollte immer unspektakulär sein. Auf die Frage, 'was arbeitest du' zu antworten 'das darf ich dir nicht sagen' ist das Dümmste, was man machen kann.

"Kennen wir uns?"

Eine Finesse der Geheimhaltung besteht darin, dass alle BND-Mitarbeiter Dienstnamen bekommen. Daran musste ich mich erst gewöhnen. Sagen wir, ich bin Otto Schmitz. Wenn das Telefon klingelt, muss ich sofort schalten. Am Anfang habe ich ein Schild ans Telefon gemacht, damit mir morgens im Halbschlaf nichts rausrutscht. Da setzt aber bald der Konditionierungseffekt ein.

Komisch war das im Umgang mit Kollegen. Wenn ich jeden Tag mit dem Kollegen Wolfmann in die Kantine gehe, kann ich ihn trotzdem nicht grüßen, wenn ich ihm am Samstag beim Einkaufen mit seiner Frau begegne. Ganz davon abgesehen, dass er im richtigen Leben gar nicht Herr Wolfmann ist, sondern vielleicht Herr Müller-Lüdenscheid. Es gibt auch Kollegen im operativen Bereich, die haben nicht nur einen Dienstnamen, sondern zusätzlich Tarnnamen für bestimmte Einsätze. Die leben wirklich mit verschiedenen Identitäten. Ich hatte immer den Eindruck, dass Menschen, die über Jahre mit mehreren Namen rumlaufen, leicht schrullig und ein wenig paranoid werden.

Das alles führt zu einem merkwürdigen Verhältnis unter den Mitarbeitern. Einmal traf ich jemanden im Theater, der raunte mir zu: 'Sie wissen: keine Unterhaltung.' Das fand ich übertrieben. Wir teilen jahrelang das Büro, und draußen ist das ein wildfremder Mensch. Es wird nicht gerne gesehen, wenn Mitarbeiter sich außerdienstlich treffen, ein explizites Verbot gibt es aber nicht. Wenn ich privat gefeiert habe, waren immer befreundete Kollegen eingeladen. Wir haben dann vorher festgelegt, dass wir uns vom Sport kennen. Dafür gibt es Legenden.

Ex-Agenten kriegen leicht ein Vermittlungsproblem

Als ich ausgeschieden bin, habe ich mir schriftlich bescheinigen lassen, was ich bei Bewerbungen sagen darf. Da kann die berufliche Vergangenheit durchaus ein Nachteil sein. Ich habe mich einmal bei einem Schweizer Pharmaunternehmen beworben, wo mir klargemacht wurde, dass meine Biografie problematisch sei. Es gibt immer Leute, die davon ausgehen, dass ich die Rechner der Kollegen hacken könne: einmal Spitzel, immer Spitzel. Außerdem hängt uns der Ruf an, charakterlich nicht aufrichtig zu sein. Ganz unbegründet ist das nicht, wir leben permanent in einem Lügenkonstrukt, das der Dienst erfordert.

Es gibt Aufgabenbereiche innerhalb des BND, in denen ich nicht arbeiten würde. Im operativen Geschäft geht es darum, Leute anzuwerben. Da hätte ich moralische Bedenken. Ich muss den Leuten ja einen Anreiz geben, ihr Land zu verraten. Das wäre mir zu schmuddelig.

"Die Quelle wurde abgeschaltet"

In meinem Arbeitsalltag gab es einige schwierige Situationen. Während des Irak-Kriegs hatten wir einen Informanten nahe der irakischen Führung. Eines Tages hieß es in der Lagebesprechung, 'die Quelle ist abgeschaltet worden'. In solchen Momenten wird man nachdenklich hinter seinem Schreibtisch. Da wird einem bewusst, dass es um menschliche Schicksale geht. Nicht zuletzt was die Sprache betrifft. 'Die Quelle wurde abgeschaltet', hört sich harmlos und technisch an. Konkret heißt es: Er ist aufgeflogen und wurde Stunden später hingerichtet.

Jeder, der sich auf eine Stelle bei einem Geheimdienst bewirbt, muss sich fragen, ob er so einen Job machen kann: Er darf mit Hierarchien, Institutionen, Militär oder der Polizei keine Probleme haben. Ein Vegetarier arbeitet ja auch nicht auf dem Schlachthof.

Leute, die sich gerne in den Mittelpunkt stellen, sind ebenso ungeeignet. Wer im Bewerbungsgespräch fragt, wann er seine Pistole bekommt, wird bestimmt nicht eingestellt. Den Typ, der mit dem Koffer voller Geld durch die Gegend reist und mit dem Kugelschreiber schießt, gibt es nicht. Stattdessen gibt es Formulare für jeden Kleinkram. Gebraucht werden Leute für die Behördenarbeit. James Bond käme gar nicht durch das Bewerbungsverfahren."

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