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Generation Y: Keine Lust aufs Ausland

Foto: Corbis

Auswandern für den Job Karriere im Ausland? Ohne mich!

Wer macht für uns den Job in Shanghai? Firmen finden immer weniger Mitarbeiter, die ein paar Jahre ins Ausland gehen. Auch ehrgeizige Kollegen bleiben lieber daheim. Selbst wenn der Chef für eine Stelle in Rumänien extra zahlt.
Von Peter Ilg

Alles war vorbereitet: Michael Wittmann, 35, sollte für zwei, drei Jahre beruflich nach Turin. Seine Freundin war einverstanden, er selbst begeistert von dem verlockenden Angebot. Auslandseinsätze können Karrieren beschleunigen, das weiß er.

Dann sagte seine Freundin, dass sie schwanger ist. Eine Überraschung, das Paar hatte sich eigentlich darauf eingestellt, keine Kinder zu bekommen. Nach Turin wollte seine Freundin unter diesen Umständen nicht mehr.

Den Weihnachtsurlaub 2013 verbrachte der werdende Vater in einem Wechselbad der Gefühle. Er freute sich unbändig über den kommenden Nachwuchs, wusste aber, dass er ein schwieriges Gespräch mit seinem Chef vor sich hatte. "Er ging davon aus, dass ich nach Turin gehe." Und ihm war klar, dass jede Entscheidung Konsequenzen hat. "Eine Absage würde meine Karriere wahrscheinlich nicht beschleunigen."

Er wagte es dennoch und sagte ab. "Schließlich habe ich mich für meine Familie und nicht gegen Dräxlmaier entschieden."

Test für Diplomaten

Dräxlmaier ist ein Automobilzulieferer mit der Unternehmenszentrale in Vilsbiburg, Landkreis Landshut. 50.000 Mitarbeiter weltweit, davon 5000 in Deutschland, 50 Werke in 20 Ländern. Wittmann, Betriebswirt und Ingenieur, ist für die Qualität des Interieurs zuständig: Cockpit, Mittelkonsolen, Türverkleidungen. Die Qualitätsstandards sollen weltweit dasselbe Niveau haben. "Wir brauchen Mitarbeiter, die bereit sind, ihr Wissen und ihre Erfahrung in neuen Werken einzubringen. Und sei es im Ausland", sagt Axel von Varnbüler, der internationale Personalleiter bei Dräxlmaier.

Lieber Kalifornien als Tunesien

Doch die Mitarbeiter in Deutschland sind heimatverbunden und Familienmenschen. "Wir haben mehr offene Stellen als Interessenten." Für die USA oder Mexiko findet Varnbüler vergleichsweise leicht Kollegen: Internationale Schulen für die Kinder, gute medizinische Versorgung und ein attraktives Freizeitangebot - das zieht. Tunesien und Rumänien dagegen sind unbeliebt. Da muss er bessere Konditionen bieten, zusätzlich häufige Freiflüge nach Hause.

"Wer um die 30 ist und einen Auslandseinsatz absagt, der braucht schon einen guten Grund", sagt Jutta Boenig von der Deutschen Gesellschaft für Karriereberatung. "Es genügt nicht zu sagen: 'Mein soziales Leben hier ist mir wichtiger.'" Wer einen Karriereknick vermeiden will, macht am besten einen Vorschlag, wie er vom Stammsitz aus das Unternehmen voranbringen kann.

"Die Möglichkeit, einige Jahre im Ausland zu arbeiten, war bis vor etwa fünf Jahren etwas, womit Arbeitgeber bei Absolventen punkten konnten. Jetzt findet ein Wandel statt", sagt Boenig. Die Generation Y, die jetzt auf den Arbeitsmarkt kommt, will nicht mehr Karriere um jeden Preis machen. Boenig geht davon aus, dass es die Unternehmen künftig noch schwerer haben, Expats zu finden, also Mitarbeiter, die ins Ausland gehen. Eine aktuelle Trendence-Studie bestätigt das: Am liebsten wollen Absolventen heute in der Nähe ihres Studienorts arbeiten.

Dann muss erst die Familie überzeugt werden

Wenn der Münchner Triebwerkshersteller MTU Aero Engines eine Position im Ausland zu besetzen hat, werden etwa 15 mögliche Kandidaten identifiziert und im ersten Schritt fünf davon angesprochen. Von denen zeigt meist nur einer Interesse. "Dann muss aber erst noch die Familie überzeugt werden", sagt Personalleiter Hans-Peter Kleitsch. Was oft nicht klappt.

70 Stellen im Ausland hat Kleitsch mit Deutschen besetzt, zehn solcher Positionen sind zurzeit vakant. "Das hört sich nach wenig an, doch da es Schlüsselpositionen sind, ist es für uns sehr wichtig, sie zu besetzen."

Mitarbeiter um die 20 schickt MTU nicht raus, weil es ihnen an Berufserfahrung fehlt. 50-Jährige werden wieder interessant, wenn deren Kinder aus dem Haus sind und sie eine neue Herausforderung suchen. Am begehrtesten ist die Gruppe zwischen 30 und Ende 40. Sie stehen mitten im Berufsleben - aber auch mitten im Familienleben. "Daran scheitert es häufig", sagt Kleitsch.

Da spricht man kein Englisch, dort ist es zu schwül

Um die 40, drei Kinder, das heißt auch dreimal Schulgeld - wer will, dass das Gehalt seiner Mitarbeiter im Ausland reicht, zahlt das gleich auch. In Amerika wird das für ein Unternehmen richtig teuer. "Wenn wir aber überzeugt sind, dass es die richtige Person ist, tragen wir diese Kosten trotzdem." Hinzu kommt, je nach Land, ein Faktor von 1,2 bis 1,7 beim Nettogehalt, kostenfreie Logis, häufig ein Dienstwagen und Weiterbildung für den Ehepartner.

Doch Geld allein zieht nicht. Wer geht, braucht Mut und Abenteuerlust. Peter Harster, 54 und Maschinenbauingenieur, war mit seiner Frau und den beiden Kindern zweieinhalb Jahre für MTU in Connecticut, USA. Als Sachbearbeiter ging er fort und kam als Gruppenleiter zurück. In München war er zuletzt Direktor eines Triebwerksprogramms. "Ohne Auslandserfahrung wäre ich das nicht geworden."

Zum Ende seiner Karriere wollte er ein weiteres Mal ins Ausland, um "Länder kennenzulernen und zu reisen." Schon nach einem Jahr bekam er das Angebot, für MTU Maintanance sechs Jahre lang nach Malaysia zu gehen. "Für eine so lange Zeit wollten meine Frau und ich nicht aus unserem sozialen Umfeld raus. Außerdem war uns das Klima dort zu schwül." Drei Monate später stand Zhuhai, China, zur Debatte. Doch das Paar wollte am liebsten in ein englischsprachiges Land, seine Frau war von Zhuhai nicht zu überzeugen. "Letztendlich habe ich abgesagt. Das war sehr schmerzhaft für mich." MTU hielt dennoch an ihm fest und holte ihn 2013 als Geschäftsführer eines Tochterunternehmens nach Bayern.

Dieses Hü und Hott war extrem belastend für seine Beziehung, stellte Harster fest - seiner Karriere hat die Absage nicht geschadet. Michael Wittmann von Dräxlmaier kennt die langfristigen Folgen seiner Turin-Absage noch nicht. Aber privat ist er glücklich. Er hat am Valentinstag geheiratet.

Peter Ilg (Jahrgang 1960) arbeitet als freier Journalist in Aalen und schreibt vor allem über Berufe und Karrieren.

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