Bank-Aussteiger Geld zählen ist nicht alles

Geh zur Bank, da hast du's im Winter schön warm! Diesen Rat verflucht mancher Banker inzwischen und will nur noch eins: raus. Berufsberaterin Uta Glaubitz hat drei von ihnen bei ihrem Ausstieg begleitet - hinein in die Küche, hinters Pult oder aufs Wasser.


Die Zahl allein ist grausam: Seit Beginn der Finanzkrise haben weltweit über 300.000 Banker ihren Job verloren. Und es sollen noch mehr werden. Zwar schwanken die Zahlen, fest aber steht: So sicher, wie man dachte, sind Bankerjobs eben doch nicht. Tempi passati.

Natürlich müssen die Ex-Banker nicht unter der Brücke schlafen. Manche flüchten beispielsweise in die Finanzabteilung eines Konzerns. Andere fragen sich: Was, wenn ich die Krise als Anlass nähme, noch einmal neu zu denken? Bin ich überhaupt zufrieden mit dem, was ich tue? Oder betrachte ich mein Gehalt eher als Schmerzensgeld? Könnte ich in einem anderen Beruf vielleicht glücklicher sein?

Ein Berufswechsel ist eine anstrengende, langwierige Sache. Auch ein Berufsberater sieht erst nach Jahren, ob ein Plan aufgegangen ist oder nicht. Zeit also, drei Ex-Banker zu fragen, die mitten im Leben ihren Beruf gewechselt haben: Sebastian Draack aus Hamburg, Andreas Dürr aus Berlin und Susan Landthaler aus Jena - alle mit Kindern und alle heute mit neuem Job.

  • Die Lehrerin

Susan Landthaler war nach der Wende in eine Bankkarriere geschlittert. Sie war Kundenberaterin, spezialisiert auf Immobilienfinanzierung. "Das hat meine Allgemeinbildung ganz schön geschult. Ich musste ständig mit meinen Kunden über alles Mögliche reden, nicht nur übers Geld", sagt sie.

Und das kam ihr zugute. Landthaler buddelte ihren alten Traum wieder aus und schrieb sich mit 39 Jahren für Deutsch und Geschichte auf Lehramt an der Universität Jena ein. In der Bank hatte sie Lehrlinge ausgebildet, das erkannte man ihr als Unterrichtspraktikum an.

Die ersten vier Semester brauchte Landthaler fürs große Latinum. Dazu kamen Literaturwissenschaft, Phonetik, Grammatik, Antike, Mittelalter, neue Geschichte, Fachdidaktik und pädagogische Psychologie. Ihre Noten liegen fast alle im Einserbereich.

In der ersten Hälfte dieses Jahres ging es ins Praxissemester an eine Gesamtschule. Gerade der Umgang mit "schwierigen Schülern" fällt ihr manchmal leichter als den jüngeren Kollegen: "Ich bin einfach gelassener, kann aber auch klare Ansagen machen." Ihr zwölfjähriger Sohn hat von sich aus eine vorübergehende Taschengeldreduzierung angeboten. Sein eigener Berufswunsch für die Zukunft ist "vielleicht Koch".

Erste Hilfe Karriere
Diese Experten schreiben wöchentlich wechselnd im KarriereSPIEGEL über Bewerbungen, Karriere und die Wechselfälle des Berufslebens: Gerhard Winkler, Svenja Hofert, Martin Wehrle, Uta Glaubitz (von links oben nach rechts unten)

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  • Der Koch

Auch Sebastian Draack, Angestellter der Hamburger Sparkasse, träumte von einem Job als Koch. Aber nicht irgendwo, eigentlich kam nur das Louis C. Jacob in Frage, eine der feinsten Hamburger Adressen mit 17 Punkten im Gault Millau und zwei Michelinsternen.

Draack gab seine Bewerbung nach dem Essen beim Kellner ab. Umgehend wurde der damals knapp 30-Jährige zum Probearbeiten eingeladen. Und er bekam den Job. Das bedeutet: 60 Stunden-Woche, manchmal zehn Tage am Stück durcharbeiten. Und den ganzen Tag in der Küche hin- und herlaufen. Seine ehemaligen Kollegen hielten ihn für verrückt. "Aber mir macht es Spaß", sagt Draack. "Nach dem Kochen weiß ich, was ich gemacht habe: Wie viele Portionen habe ich gekocht, und wie hat's den Gästen geschmeckt. Das ist ein ganz anderes Lebensgefühl als in der Bank."

Draack konnte seine Ausbildung verkürzen, in diesem Sommer hat er abgeschlossen, schriftlich mit einer Eins, praktisch mit einer Zwei. Obwohl er zwischendurch auch noch Vater geworden ist. Jetzt ist er gerade in Elternzeit und kocht jeden Tag zu Hause.

  • Der Sportveranstalter

Andreas Dürr fand das ständige Sitzen am Schreibtisch anstrengender als Sport zu machen. Er war früher Leistungssportler im Ruderkader der DDR gewesen. Nach der Wende wurde er Banker bei der Hypovereinsbank. Seine Karriere lief gut, bis er sich mit 35 Jahren entschloss, eine eigene Sportagentur zu gründen.

Seinem Hobby folgend begann er mit Drachenbootrennen für Unternehmen, unterstütze damit Events zu Teambuilding, Kommunikation oder Führungskräfteentwicklung. Später kamen Bogenschießen, Floßbau und Stadtralleys dazu. Zu seinen Kunden gehören heute die Bayer AG, Sony, T-Mobile und Rolls-Royce.

In diesem Jahr betreut Dürr mit seiner Agentur starke-teams.com etwa 80 Veranstaltungen. Während der ersten Jahre arbeitete er Vollzeit in der Bank weiter. Später reduzierte er Schritt für Schritt seine Arbeitszeit, bis der dreifache Vater mit Anfang 40 zum Vollzeitsportveranstalter wurde. "Am Ende ist man am besten in dem, was man am liebsten macht." Das hätte eine Berufsberaterin nicht schöner sagen können.

insgesamt 17 Beiträge
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huettenfreak 07.10.2013
1. Kann ich nachvollziehen
Ich bin vor knapp zehn Jahren aus meinem Bankjob ausgestiegen, heute habe ich eine eigene Firma mit fast 40 Angestellten in einer ganz anderen Branche. Das war mit die beste Entscheidung meines Lebens.
middleline 07.10.2013
2. Die Armen
---Zitat--- Die Zahl allein ist grausam: Seit Beginn der Finanzkrise haben weltweit über 300.000 Banker ihren Job verloren. ---Zitatende--- Wie traurig. Die Drogendealer des Kapitalismus werden arbeitslos. Und nur weil das kriminelle Geschäftsmodell im Moment nicht ganz so toll läuft sollen wir jetzt Mitleid haben ?
espejo_de_la_red 07.10.2013
3. @middleline
---Zitat---Wie traurig. Die Drogendealer des Kapitalismus werden arbeitslos. Und nur weil das kriminelle Geschäftsmodell im Moment nicht ganz so toll läuft sollen wir jetzt Mitleid haben ? ---Zitatende--- Ihre linksextremistische Ironie können Sie sich an dieser Stelle sparen. Besagte 300.000 Leute haben ihre Jobs verloren. Da stehen Familien und Schicksale dahinter! Ich empfehle Ihnen für künftige Kommentare zumindest das Kleinhirn einzuschalten.
Rickie 07.10.2013
4. @middleline
Auch hinter den verlorenen Vermögen stehen Familien und Schicksale. Da hat jeder so seine eigenen Erlebnisse und Krisen zu meistern. Insofern: Verständnis für den bösen Kommentar. Aber ich glaube, in dem hier Artikel geht es bei dem Satz nicht ums eventuelle Mitleid. Der Satz ist schlicht eine x-beliebige Einleitung hin zum Thema Karriereaussteiger am Beispiels Banker.
acitapple 07.10.2013
5.
Zitat von middlelineWie traurig. Die Drogendealer des Kapitalismus werden arbeitslos. Und nur weil das kriminelle Geschäftsmodell im Moment nicht ganz so toll läuft sollen wir jetzt Mitleid haben ?
schämen sie sich eigentlich nicht, die eigene dummheit so öffentlich zu präsentieren ? sorry, admin, aber das ist so. es ist keine unwissenheit, denn diese geht i.d.r. nicht mit solch einer verachtung einher. daher fange ich erst gar nicht an zu argumentieren mit so einem "foristen"...
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