In Kooperation mit

Job & Karriere

Fotostrecke

Drei surfende Aussteiger: Bretter, die die Welt bedeuten

Foto: Hendrik Werner

Surfen, Ausstieg, Neuanfang Ein Brett im Kornfeld

Surfen und Aussteigen, das gehört zusammen. Drei Männer haben ihre Berufe zurückgelassen, ihr altes Leben auch. Chris reist Afrikas Küste entlang, Matt surft in Portugal, bis ihm das Geld ausgeht. Und der Bayer Stefan will die Welt verändern - er produziert in Spanien Öko-Surfbretter.
Von Hendrik Werner

Chris ist eigentlich Elektriker aus dem englischen Coventry. Mit seiner Lola, einem Ford Transit, reist er nun alleine von England nach Ghana, um sich dort ein neues Leben aufzubauen.

Taghazout, Marokko. Das marokkanische Epizentrum des Wellenreitens. Im Wasser geht es international zu. Chris ist das zu viel. Er packt seine Sachen zusammen, das Surfboard wird besonders behutsam verstaut. An der glatten Oberfläche glänzen noch Tropfen von atlantischem Meerwasser. Er klappt seinen Campingstuhl zusammen und wirft schmutzige Wäsche in seine "Waschmaschine", eine schwarze Tonne auf dem Gepäckträger seines Vans.

Als er einige Stunden später im weniger touristischen Süden ankommt, ist seine Wäsche von der Sonne aufgeheizt und dank der Schotterpisten geschleudert worden. "Living the simple life", kommentiert der Engländer.

Chris kommt aus der Mitte Englands, aus Coventry, einer 300.000-Einwohner-Stadt. Nun ist er unterwegs, immer an Afrikas Küste entlang nach Ghana. Vordergründig geht es ihm ums Surfen, aber sein eigentlicher Plan lautet, das Leben in England hinter sich zu lassen. Dabei war das kein so schlechtes Leben, wie Chris grinsend erklärt: Ausbildung zum Elektriker, anschließend angestellt.

Der Kauf seiner "Lola" war der Wendepunkt in seinem Leben. Stolz fuhr er mit dem zwanzig Jahre alten Ford Transit an der Uni seiner Freundin vor, um sie abzuholen. Chris verdreht die Augen: "Es war ihr peinlich, in meinem Transit zu sitzen!"

No girls, no toys

Er versteht nicht, dass sie nicht auswandern wollte. "Sie hat Studienschulden und ist arbeitslos. Da hätte sie auch mit mir kommen können. Afrika ist billig!" Chris' Augen wechseln kurz in den Unendlich-Modus, dann lacht er laut: "No girls, no toys!" Das ist sein Reisemotto. Unter Spielzeug versteht er all den überflüssigen Ballast, den die westliche Welt propagiert. Flachbildfernseher, iPhone, das ganze Gerümpel.

Fernsehen schaut der Engländer schon lange nicht mehr. Wenn, dann al-Dschasira. Das beunruhigte besonders seine Mutter: Ihre größte Sorge ist, dass ihr Sohn als Terrorist nach England zurückkehren könnte. Ihr gefällt die jüngste Errungenschaft ihres Sohnes nicht: eine traditionelle, afghanische Mütze. "Das ist genau so eine, wie die Taliban sie tragen, wenn sie auf BBC gezeigt werden. Meistens stehen sie damit in der Wüste und tragen eine Panzerfaust auf der Schulter."

Chris schneidet seinen frisch gebackenen Kuchen an und erklärt, warum sein Van "Lola" heisst. Eigentlich erklärt er es nicht. Er wirft lediglich seine knisternde Bordanlage an:

"Well I'm not the world's most physical guy,
but when she squeezed me tight
she nearly broke my spine,
oh my Lola!
Lo-lo-lo-lo-lola..."

Im Song der Kinks aus dem Jahre 1970 ist Lola ein Transvestit. Chris' Wagen ist eine Ford Transe. Darum Lola.

In Portugal: Matt surft, bis das Geld ausgeht - und will Feuerwehrmann werden

Sommermensch Matt aus Melbourne lebt für ein Jahr in London. Weil der Tischler das Surfen vermisste, radelt er mit seinen letzten Euros die Küste Portugals und Spaniens entlang. Mehr Zeit als im Wasser verbringt er allerdings in Aufenthaltsräumen.

Ericeira, Portugal. Es regnet seit Tagen. Im Aufenthaltsraum des lokalen Campingplatzes haben sich einige Portugiesen versammelt, um Fußball zu schauen. In der letzten Reihe bedient jemand seinen Campingkocher. Der rothaarige Australier passt optisch nicht ins Bild. Matt beeindruckt das Spektakel auf dem riesigen Plasmabildschirm nicht. Er freut sich, dass sein Wasser kocht.

Matt ist mit dem Fahrrad unterwegs und besitzt nur ein winziges Zelt. "An solch miserablen Tagen gibt's nur eins: Tee trinken!", erklärt der Australier mit dem feuerroten Vollbart. In seinen schwarzen Ceylon-Tee gehört auch Milch. Milchtüten wären aber zu groß und schwer, um sie auf dem Rad zu transportieren, also gibt es Milchpulver. "Gott sei Dank kann ich kein Portugiesisch. So kann ich nicht lesen, was da alles Schlechtes drin ist!", sagt er lachend.

Sonst arbeitet Matt in Australien als selbständiger Tischler. Er kann sich seine Zeit frei einteilen und hat sich das so zurechtgelegt: Er verdient genau so viel Geld, wie er braucht. Dann lebt er anschließend eine Weile am Meer und surft, bis das Geld ausgeht.

"Blue Lip" versteht keinen Spaß

Nur anderthalb Stunden von Melbourne entfernt hat Matt seinen Zweitwohnsitz. Dort wohnt er jeden freien Tag in einem Wohnmobil. Wobei: Mobil ist es schon lange nicht mehr. Es steht fest, nur ein paar Schritte vom Strand entfernt.

"Das Leben in Melbourne ist zwar genauso teuer wie in London, dafür hat man aber eine unbezahlbare Lebensqualität am Meer. Und Sonnenschein das ganze Jahr." Matt hat vor allem ein Problem mit dem kühlen Nordeuropa: Er hasst Fußbekleidung. Flip-Flops sind gerade noch genehm, alles andere engt den Sommermenschen aus Down Under ein - "barfuß ist Lifestyle!".

Drei Tische im Sala de Convívio, dem Gemeinschaftsraum, sind durch Matts Sachen belegt. Er macht Yoga auf der leeren Tasche seines Surfbretts. Zur Tür kommt der notorisch unfreundliche Campingplatzwärter herein. Er hat blaue Lippen und versteht keinen Spaß. "Blue Lip", wie der Australier den Wärter nennt, will Matt rausschmeißen. Er beanspruche den Raum für sich allein. Matt diskutiert freundlich und darf schließlich, wetterbedingt, zwei Tische nutzen.

Matt vermutet, dass "Blue Lip" mit seinem langweiligen Job auf dem Campingplatz unzufrieden ist. Da müsse man nachsichtig sein. Er lacht. Matt ist auch nicht hundertprozentig zufrieden. Wenn er zurück in Melbourne ist, wird er sich erneut um seinen Traumberuf bewerben. Er erzählt, dass er eigentlich Feuerwehrmann sein möchte. Er grinst: "Vier Tage arbeiten, vier Tage frei. Ein Traum!"

In Spanien: Stefan will mit BWL die Welt retten. Und mit Surfbrettern

Der bayerische Surflehrer Stefan steckte lange in einer Berufsfindungskrise. Er quälte sich durchs Studium, bis er bemerkte, dass er mit BWL Menschen und Umwelt helfen kann. Nun vertreibt er ökologisches Surfmaterial und Holz-Surfbretter aus eigener Produktion.

Loredo, Nordspanien. Fährt man die kleine Landstraße an der Küste entlang, von Loredo ins dörfliche Langre, passiert man einen Bauernhof nach dem anderen. Nicht jeder bemerkt das Holzschild an der Einfahrt eines dieser Höfe, das einen "Ecological Surfshop" ausweist. Wer dem Schild folgt, trifft auf einen Deutschen. Stefan.

Stefan, 31, hat vom Meerwasser verfilzte Dreadlocks und ist sehr entspannt. Er steigt vom klapprigen Hollandrad ab und dreht das Schild an der Straße von "Gone Surfing" auf "Open". Sein Laden ist öko. Nicht, weil er sich in der Scheune eines Bauernhofs eingerichtet hat, sondern weil er ökologisch hergestelltes Surfequipment verkauft.

Stefans Surfboard-Sortiment ist besonders. Während heute jeder Wellenreiter auf einem in Polyesterharz getränkten Stück Styropor surft, will Stefan einen umweltbewussten Weg gehen. Die Bretter seiner Marke Kun_tiqi  haben tatsächlich die Bezeichnung "Bretter" verdient - sie bestehen aus Holz, aus dem besonders leichten Balsaholz nämlich.

Beim Reisen entstand die Idee

Nach der Schule wanderte Stefan nach Fuerteventura aus, das Mekka des europäischen Windsurfens. Dort als Surflehrer Geld zu verdienen, mutete paradiesisch an. Nach einigen Monaten merkte der Bayer allerdings, dass er selbst kaum noch zum Surfen kam. Er suchte sich einen Studienplatz. BWL.

Stefan war von der Uni schnell gelangweilt und reiste drei Semester später nach Ecuador, half ecuadorianischen Bauern bei der Optimierung ihrer Geschäfte. Transportwege wurden neu organisiert, unter Verzicht auf Zwischenhändler. Einige der Bauern kamen so erstmals zu einem fairen Einkommen.

"In Ecuador kam eines zum anderen. Ich bemerkte, dass ich mit meinen BWL-Kenntnissen Menschen helfen und die Welt verändern konnte", sagt Stefan. Dann lernte er vor Ort einen traditionellen Surfboard-Shaper kennen. Der baute seit den siebziger Jahren Bretter aus Balsaholz, damals allerdings aus Mangel an Hightech-Kunststoffen.

Stefan schloss das Studium in Deutschland ab und wanderte mit seiner Freundin nach Nordspanien aus. Surfbretter liefert der Freund aus Ecuador. Mit einem speziellen Harz, das zu 98 Prozent aus Leinsamenöl besteht, werden sie dann in Stefans Scheune laminiert. Das verarbeitete Ökoharz ist sogar flexibler und bruchfester als das herkömmliche Polyesterharz. Die ersten Bretter unter dem Namen Kun_tiqi verkaufte Stefan bei Ebay. Inzwischen sind die Ökobretter in Spanien, Frankreich und in Deutschland erhältlich.

Foto: Hendrik Werner

KarriereSPIEGEL-Autor Hendrik Werner (Jahrgang 1986) kommt aus Berlin und hat Journalistik und Medienmanagement an der Hochschule Magdeburg-Stendal studiert.

Mehr lesen über
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.