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Von der Redakteurin zur Rangerin: "Ich habe mich noch nie so wohlgefühlt"

Foto: Gesa Neitzel

Eine Aussteigerin erzählt "Ich muss raus aus Berlin"

Sie ekelt sich vor Krabbeltieren, geht nie campen, weiß fast nichts über Afrika - und schmeißt ihren Job, um sich im Krüger Nationalpark zur Rangerin ausbilden zu lassen. Gesa Neitzel über Fernweh und Zweifel.
Foto: Gesa Neitzel

Gesa Neitzel, 29, arbeitete in Berlin als Fernsehredakteurin - bis sie sich auf einem Trip durch Südafrika in die afrikanische Wildnis verliebte und beschloss, sich zur Rangerin ausbilden zu lassen. Über ihre Erlebnisse hat sie das Buch "Frühstück mit Elefanten" geschrieben.

"Der Tag, an dem mir der Kragen platzt, ist ein Montag. Natürlich ist es ein Montag. Montage bieten die besten Voraussetzungen für geplatzte Kragen.

Mein Wecker klingelt um sieben Uhr. Ich versuche gerade, ein wenig früher aufzustehen, damit ich vor der Arbeit noch Zeit für mich habe. Aber es gelingt mir nicht. Nie. Ich drücke alle zehn Minuten die Schlummertaste und stehe nach einer weiteren Stunde im Halbschlaf mit schlechter Laune auf.

Die Wohnung ist kalt. Ich stolpere ins Bad, stehe länger als nötig unter der heißen Dusche und suche im Dampf nach einem Gedanken, der mir Zuversicht für den Tag gibt. Mir fällt keiner ein, außer dieser hier: Feierabend. Ich überlege, was ich denn anders machen würde, wenn ich könnte.

So viel weiß ich: Ich will raus aus der Stadt. Ich bin zu digital, zu pixelig geworden. Ich will wieder auf dem Boden ankommen.

Mein Leben verläuft losgelöst von der Erde, auf der ich stehe. Ich könnte hier in Berlin wochenlang in meiner Wohnung überleben, ohne jemals vor die Tür gehen zu müssen! Ich halte mich die meiste Zeit in geschlossenen Räumen auf und weiß nicht, wo die Lebensmittel herkommen, die ich täglich zu mir nehme. Wenn ich Bäume sehe, dann nur solche, die von Menschenhand gepflanzt wurden. Bewegung ist Fitness oder Sport, nicht ein notwendiger Bestandteil meiner Tätigkeiten.

Mit meinen Nachbarn trete ich nur dann in Kontakt, wenn sie zu laut sind, und außer Tauben am Bahnhof und Hunden an Leinen sehe ich so gut wie nie ein lebendes Tier, geschweige denn ein wildes. Ich benutze meine Hände nicht. Meine Beine sind faul geworden, meine Sinne abgestumpft. Ich fühle mich wie ein taubes Gliedmaß, das zwar noch an einem lebendigen Körper hängt, dort aber keinerlei Zweck mehr erfüllt. Ich kriege von nichts genug, aber ich habe von allem zu viel.

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Ich muss raus. Darum will ich etwas Neues wagen. Eigentlich weiß ich auch schon was. Ich habe mich bis jetzt nur noch nicht getraut, den Gedanken zuzulassen. Er hat mich im Urlaub gepackt und lässt mich seitdem einfach nicht mehr los: Ich will nach Afrika gehen und Rangerin werden. Ich will lernen, mit wilden Tieren zu leben, und mich wieder an meine Instinkte erinnern. Ich will herausfinden, woraus ich gemacht bin. Aber ich traue mich nicht. So was macht man doch nicht einfach so.

Noch in Afrika erschien mir der Gedanke weniger abwegig. Da war ich von Leuten umgeben, die genau das vorleben und als Ranger Safari-Gästen die großen Wildtiere Afrikas zeigen. Zurück in den eigenen vier Wänden klingt diese Idee jetzt aber verrückt. Ich Rangerin - völlig absurd. Ich gehe nie campen. Ich habe keine Haustiere. Ich ekele mich vor Krabbeltieren. Ich habe kein tiefschürfendes Interesse an Biologie, und was ich über Afrika weiß, ließe sich wohl in einem Aufsatz auf drei DIN-A4-Seiten zusammenfassen. Darf jemand wie ich überhaupt nach Afrika?

Ich scrolle mich bei Marmeladentoast und Kaffee durch die Facebook-Timeline bis in die Unendlichkeit. Schaue mit der Bahn-App, wann die nächste S-Bahn fährt. Checke Instagram. Dann wieder Facebook, Twitter, Instagram, in der Hoffnung, irgendwelche sinnlosen neuen Benachrichtigungen in den letzten sechzig Sekunden erhalten zu haben. Und da ist er schließlich - der Moment, in dem ich es nicht mehr länger ertrage. Ich schleudere mein Handy aufs Sofa, als wäre es virenverseucht, und schüttele angewidert den Kopf. Ich muss jetzt los. Die Bahn erwischen. Aber mit der Tür ins Schloss fällt an diesem Morgen auch eine Entscheidung: Ich gehe nach Afrika. Und Berlin bleibt hier.

"Afrika? Sag mal, hackt's?!"
"Da wimmelt es doch nur so vor wilden Tieren!"
"Aber du hasst Camping…!"
"Da gibt's doch überall Ebola und Malaria ... …Aids!"

Das sind die Reaktionen, die ich bekomme, als ich in den kommenden Wochen Freunden von meinem Plan erzähle. Das, gepaart mit der unterschwelligen Kritik, ich würde vor dem Leben davonlaufen und niemals erwachsen werden. Aber es kommen auch andere Kommentare, die Mut machen. Eine Kollegin beichtet mir, wie gern sie auch einfach was ganz anderes machen würde, wie sie meinen Mut bewundert, aus dem Hamsterrad auszubrechen.

Während ich den Trip plane, ziehen im gewohnten Alltagstrott drei ganze Jahreszeiten an mir vorbei. Ich gehe ganz normal meinem Job nach, drücke weiterhin jeden Morgen die Schlummertaste und verpasse hin und wieder meine Station. Alles wie immer. Nur dass alles anders ist. Denn mein Berliner Leben hat auf einmal ein Verfallsdatum bekommen. Und das macht es plötzlich erträglich. Nein, ich fange sogar an, es ganz nett zu finden.

Auf Spaziergängen erforsche ich Orte, die ich noch nicht kenne, sitze in Cafés und beobachte die Leute. Ich investiere mehr Zeit in meine Freundschaften, als ich es je zuvor getan habe. Ich feiere dieses Jahr in Berlin, als wäre es mein letztes, dabei kehre ich der Stadt doch nur für knapp sieben Monate den Rücken. Aber wenn es gut läuft, dann hat diese Zeit das Potenzial, mein Leben für immer auf den Kopf zu stellen."

Und die Reise hat ihr Leben auf den Kopf gestellt: Gesa Neitzel ist insgesamt elf Monate im südlichen Afrika geblieben - und will jetzt dort dauerhaft als Rangerin arbeiten. Dieser Artikel ist ein gekürzter Auszug aus ihrem Buch "Frühstück mit Elefanten".

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