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Job & Karriere

Deutsche Auswanderer in der Südsee »Wir sitzen im Paradies fest«

Freunde rieten ab, aber Tina Kästner und Olaf Weinhold haben eine Tauchschule auf Samoa gekauft. Alles lief gut, bis Corona kam. Hier erzählen sie, warum sie trotzdem glücklich sind.
Aufgezeichnet von Verena Töpper
Tina Kästner arbeitete als Sozialpädagogin, Olaf Weinhold als Meteorologe – und gaben ihre Jobs auf, um in der Südsee eine Tauchschule zu betreiben

Tina Kästner arbeitete als Sozialpädagogin, Olaf Weinhold als Meteorologe – und gaben ihre Jobs auf, um in der Südsee eine Tauchschule zu betreiben

Foto: The Samoan Photographer

»Die Anzeige für den Tauchladen hatten wir 2011 im Internet entdeckt. Wir waren beide noch nie auf Samoa gewesen, aber die Vorstellung, mitten in der Südsee zu leben, gefiel uns. Nach vielen Jahren Fernbeziehung wollten wir endlich zusammenziehen. Warum nicht dort?

Ich arbeitete damals als Sozialpädagogin in einem Wohnheim in der Schweiz. Olaf hatte seinen Job als Meteorologe schon aufgegeben und arbeitete monatsweise als Tauchlehrer, damals gerade auf den Malediven.

Wir tauchen beide leidenschaftlich gern, so haben wir uns auch kennengelernt – beim Tauchen in Ägypten. Dort stellten wir dann fest, dass wir nur 30 Kilometer voneinander entfernt aufgewachsen sind, an der Grenze von Thüringen und Sachsen. Die Heimat hatten wir beide aber schon früh verlassen. Ich war vor mehr als 20 Jahren in die Schweiz gezogen. Dort wohnte ich sehr idyllisch, hatte viele Freunde und einen tollen Job, aber ich hatte Lust darauf, gemeinsam mit Olaf etwas Neues zu wagen. Und so setzten wir uns in den Flieger, um die zum Verkauf stehende Tauchschule auf Samoa anzuschauen.

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Leben unter Palmen

Foto: David Kirkland / Design Pics / imago images

Der Inselstaat liegt auf halber Strecke zwischen Neuseeland und Hawaii. Von Deutschland aus ist man selbst im besten Fall mehr als zwei Tage unterwegs, die Anreise geht nur über Australien oder Neuseeland. Der Tauchladen ist auf der größten Insel, Savai´i. Sie ist etwa 40 Kilometer breit und 70 Kilometer lang. Die meisten Einwohner leben allerdings auf der kleineren Nachbarinsel Upolo. Dort befindet sich auch Samoas Hauptstadt Apia. Um auf unsere Insel zu kommen, muss man erst nach Upolo fliegen und ist dann von dort aus mit Auto und Fähre noch mal rund drei Stunden unterwegs.

Wenn nicht jetzt, wann dann?

Liebe auf den ersten Blick war es nicht zwischen Samoa und uns. Unser Besuch fiel auf den Beginn der Regenzeit, es war stürmisch, und obwohl ich eigentlich nicht schnell seekrank werde, wurde mir schlecht, als wir zu unserem ersten Tauchgang rausfuhren. Das kann ja heiter werden, dachte ich. Aber die Unterwasserwelt war wunderschön. Rund um Samoa leben viele Schildkröten, der Anblick entschädigte für all die Strapazen.

Und dann ging alles ganz schnell. Noch vor Ort entschieden wir uns zum Kauf der Tauchschule. Das war ein sehr emotionaler Moment, schließlich investierten wir unsere gesamten Ersparnisse.

Einige Freunde erklärten uns für verrückt. Mit Anfang 40 seien wir doch viel zu alt zum Auswandern, meinten sie. Wir sahen das anders: Wenn nicht jetzt, wann dann? Und was hatten wir schon zu verlieren, außer Geld?

Mittlerweile leben wir seit neun Jahren auf Samoa und haben die Entscheidung nicht bereut.

Kulturschock
Foto: epa efe Lacerda/ dpa

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Bis zum Ausbruch der Coronakrise lief die Tauschschule gut. Samoa ist das Ägypten der Australier und Neuseeländer. Die Saison dauert üblicherweise von Ostern bis Ende Oktober, dann beginnt die Regenzeit. Und die nutzen wir für Besuche in Deutschland und der Schweiz.

Eigentlich hatten wir im Herbst 2020 wieder nach Europa fliegen wollen, aber es gibt kaum Flüge, und wegen der vielen Quarantäneverordnungen ist Reisen mit so viel Umsteigen ohnehin kaum möglich. Wir sitzen im Paradies fest.

Beschweren wollen wir uns darüber aber nicht, uns geht es gut hier. Aus der Tauchschule haben wir seit mehr als einem Jahr keine Einnahmen mehr, aber wir kommen über die Runden. Olaf hat einen Job in einem staatlichen Corona-Hilfsprogramm bekommen und verpackt jetzt Setzlinge für Kakaobäume. Ich nutze die freie Zeit vor allem für handwerkliche Arbeiten – und kümmere mich um unsere Hühner. Vor einem Dreivierteljahr sind wir mit drei Hennen gestartet, nun haben wir schon 14 Hennen und einen Hahn. Die Bande hält uns ganz schön auf Trab.

Zum Glück müssen wir für unser Haus keine Miete zahlen, wir haben es selbst gebaut, auf dem Grundstück von Freunden. Ihnen gehört das Hotel gegenüber von unserem Tauchladen, und gleich nach unserer Ankunft hier haben sie uns quasi adoptiert. Für uns sind sie längst wie Familienmitglieder.

Die ersten fünf Jahre wohnten wir in einem gemieteten Haus am Meer. Dann bekamen wir die Möglichkeit, einen ausrangierten Schiffscontainer zu kaufen, und daraus entstand dann die Idee, den Container zu einem kleinen Wohnhaus umzubauen. Dazu kam es dann allerdings nie, wir nutzen ihn jetzt einfach als Lagerraum und Werkstatt. Und bauten uns stattdessen ein richtiges Haus.

Besonders froh sind wir über unsere eigene Wasserversorgung. Das Wasser, das durch die offizielle Leitung kommt, ist oft dreckig. Manchmal sieht es aus wie Milchkaffee oder Kakao. Und wenn es ganz schlimm ist, wie Kaffee. Wir nutzen deshalb lieber Regenwasser, das wir mehrfach filtern. Üblicherweise wird die Regentonne jede Nacht voll und das Wasser reicht zum Trinken, Duschen, Putzen, Wäschewaschen. Nur selten gibt es mal drei, vier Wochen, in denen es gar nicht regnet. Dann müssen wir eben wieder das Milchkaffee-Wasser aus der Leitung nehmen.

Samoa ist coronafrei

Das Coronavirus wird in Samoa sehr ernst genommen. 2019 kursierten hier die Masern, und viele Samoaner sind daran gestorben, deshalb will die Regierung kein Risiko eingehen.

Bei unserer letzten Rückkehr aus Europa im Februar 2020 wurden wir am Flughafen von Samoa festgehalten und mit demselben Flugzeug, mit dem wir gerade gelandet waren, nach Neuseeland geschickt – weil wir einen Zwischenstopp in Singapur gemacht hatten und Singapur auf einer »schwarzen Liste« stand. Selbst ein negativer Coronatest half nichts. Erst nach 14 Tagen in Neuseeland durften wir einreisen.

Und dann kam hier der Lockdown. Zwei Wochen lang war alles verboten: Busfahren, Einkaufen, sogar im Meer zu schwimmen. Dafür ist Samoa bislang sehr gut durch die Krise gekommen. Es gibt keine Coronafälle im Land – zum Glück, denn auf Samoa krank zu werden, ist nicht erstrebenswert.

Im staatlichen Krankenhaus gibt es für die Patienten weder Essen noch Trinken noch frische Bettwäsche. Dafür müssen die Angehörigen sorgen. Üblicherweise ziehen sie mit eigener Matratze mit ins Krankenzimmer ein und kümmern sich dann um die Pflege. Eine Freundin von uns war froh, dass sie wenigstens eine schöne Aussicht aus ihrem Krankenzimmer hatte. Dann wurde ein Sturm angekündigt, und man hat das Fenster mit Brettern zugenagelt.

Bis 2014 zählten die Vereinten Nationen Samoa zu den ärmsten Ländern der Welt. Es gibt hier kaum Industrie und zum Beispiel auch keine Molkereien. Milch und Käse müssen deshalb aus Neuseeland importiert werden und sind entsprechend teuer. Das gilt auch für viele Gemüsesorten. Ein Kilo Paprika kostet rund zehn Euro. Alles, was hier wächst, ist dagegen sehr günstig.

Seit Januar 2020 haben wir eine permanente Aufenthalts- und Arbeitsbewilligung, zuvor mussten wir sie alle zwei Jahre erneuern. Beim ersten Antrag mussten wir uns sogar beim Arzt röntgen lassen und auf der örtlichen Polizeistation ein Führungszeugnis beantragen. Das ist besonders nervig, weil man für bürokratische Angelegenheiten mindestens drei Anläufe braucht.

»Wir sind hier die Fremden, wir müssen uns anpassen.«

Tina Kästner

Denn einen Termin vereinbart zu haben, heißt noch lange nicht, dass die zuständige Person auch wirklich da ist. Da heißt es dann: Kommen Sie doch morgen wieder. Und das bedeutet für uns: Um 4 Uhr morgens aufstehen, um pünktlich die erste Fähre zu erreichen. Dann zwei Stunden Fahrt mit Fähre und Auto in die Hauptstadt. Und spätestens um 14 Uhr wieder aufbrechen, um noch die letzte Fähre zu kriegen. Gegen 18.30 Uhr sind wir dann endlich wieder zu Hause, haben 70 Euro für die Fähre vergeudet – und sind völlig platt.

Aber wir haben gelernt, so etwas mit Humor zu nehmen. Wir sind hier die Fremden, wir müssen uns anpassen. Und ich bin sicher, dass die Samoaner genauso oft den Kopf über uns schütteln, wie wir über sie.

Deshalb macht es mir auch nichts aus, wenn unsere Angestellten die Aufträge, die ich ihnen erteile, erst dann ernst nehmen, wenn Olaf sie darum bittet. Es ist hier eben nicht üblich, dass Männer von Frauen etwas gesagt kriegen.

Bei samoanischen Feiern zwingen wir uns jetzt dazu, frühestens 30 Minuten nach der vereinbarten Zeit zu erscheinen. Meistens sind wir dann immer noch die ersten Gäste. Bei den ersten Einladungen kamen wir pünktlich und mit leerem Magen. Großer Fehler! Denn es geht sehr viel später los als angekündigt – und Essen gibt es erst ganz am Schluss und dann oft auch nur auf Plastiktellern zum Mitnehmen nach Hause. Das gilt sogar für Hochzeiten.«

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