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Deutschbäcker in Kanada: Knusprige Brötchen für "Heidschnucken Dancers"

Deutsche Bäckerei in Kanada "Unser Laden ist wie ein kleines Konsulat"

Knusperbrötchen und Körner statt Knautschschnitten - damit punktet ein deutsches Paar in Winnipeg. Die Auswanderer setzten ihren Traum von der eigenen Bäckerei um. Erst überzeugten sie Rentner, dann Deutsche und nun auch Kanadier, die Donuts und Weichbrot gewohnt sind.

Freundlich wie eine Kleinstadt, spaßig wie eine Großstadt, das ist der Werbeslogan von Winnipeg in Kanada. 700.000 Einwohner, 2372 Sonnenstunden im Jahr, 100 Kilometer bis zur amerikanischen Grenze. Hier haben Andreas Ingenfeld und Friederike Brandt vor drei Jahren ihre Bäckerei "The Crusty Bun" eröffnet ("Das knusprige Brötchen"). Eine einleuchtende Namenswahl in einer Stadt, in der eine Theatergruppe "Heidschnucken Dancers" heißt und ein Karnevalsverein "Der treue Husar".

Gut ein Fünftel der Einwohner der kanadischen Provinz Manitoba, zu der auch die Stadt Winnipeg gehört, sind deutscher Abstammung. Und unter den 14 Mitarbeitern des "Knusprigen Brötchens" sind acht deutsch. Den Anteil deutscher Kunden schätzt Ingenfeld auf 30 bis 40 Prozent: "Für sie sind wir wie ein kleines Konsulat."

Das Leben in Deutschland fanden beide zu stressig, zu sehr von außen gesteuert. Ingenfeld arbeitete als Produktionsleiter bei einer Großbäckerei im nordrhein-westfälischen Dinslaken, seine Frau war Vorstandssekretärin. Sie verdienten gut, aber "es war nicht das, was wir wollten", sagt Friederike Brandt. "In Deutschland hatte mein Mann nicht mehr die Hand am Teig. Dabei ist das seine große Leidenschaft. Er ist Bäcker mit Leib und Seele." Und selbst wenn es mit der eigenen Bäckerei in Deutschland geklappt hätte - der Kampf gegen die Billigkonkurrenz wäre mühsam gewesen: "Die Preise für Backwaren sind viel zu niedrig, es gibt zu viele Mitbewerber."

Seniorenwohnheim statt eigener Backstube

Kanada-Fans sind Brandt und Ingenfeld schon lange. Als sie erfuhren, dass in Winnipeg eine Bäckerei zum Verkauf stand, nahmen sie Urlaub und setzten sich in den Flieger. Doch der Traum platzte schnell: Die Bäckerei entpuppte sich als Flop. "Sie lag zu weit außerhalb der Stadt", sagt Ingenfeld. Um nach Alternativen zu suchen, blieb damals keine Zeit, die Urlaubstage waren begrenzt.

Das Blatt wendete sich, als sie einer Pensionsbesitzerin von ihren Plänen erzählten. Sie stellte den Kontakt zum Leiter eines Seniorenwohnheims her, zu dem ein Bäckerladen gehört. Dort suchte man einen deutschen Bäcker. Ingenfeld bewarb sich - und bekam den Job. Das Altenheim stellte gleich auch noch seine Frau Friederike für die Backstube ein, so wanderten die beiden 2005 nach Kanada aus.

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Der Wohnheimbesitzer ließ dem Bäcker freie Hand, Ingenfeld machte alles selbst, von der Kalkulation bis zur Rezeptur. Roggenbrot, Nussecken und Frankfurter Kranz - "unser Sortiment schlug ein wie eine Bombe", freut sich Ingenfeld noch heute.

Zufriedene Käufer sind die beste Werbung, das merkten die Deutschen schnell. Die Senioren erzählten ihren Verwandten und Bekannten vom knusprigen "German Bread" - und plötzlich war der Laden voll mit Kunden aus der ganzen Stadt. "Wir haben gesehen, dass die Leute hier Qualität noch zu schätzen wissen und sie bereit sind, dafür mehr zu zahlen", so Ingenfeld. "Da wussten wir: Mit einem eigenen Laden kann es klappen."

Bäckerei im China-Restaurant

Nach zwei Jahren bekam das Paar eine permanente Aufenthaltsgenehmigung, der Startschuss für die eigene Bäckerei. Am Stadtrand von Winnipeg wurden sie fündig: Ein ehemaliges chinesisches Restaurant, zwischen zwei Hauptverkehrsadern und einem großen Einkaufszentrum gelegen, stand leer. Nicht gerade das, was sich ein Deutscher als Ort für eine gemütliche Bäckerei wünscht. Aber Ingenfeld wusste inzwischen: "Die Kanadier machen alles mit dem Auto, deshalb ist eine gute Straßenanbindung wichtig."

Der Kauf von Öfen, Maschinen und Verpackungsmaterial gestaltet sich schwieriger als zu Hause: "In Deutschland ruft man einfach einen Lieferanten an, der hat alles von der Brötchentüte bis zum Backofen." In Kanada mussten sie sich ihre Arbeitsmaterialien zusammensammeln, Spezialgeräte wie Teigabstecher importierten sie aus Deutschland.

2009 war es dann soweit, "The Crusty Bun" feierte Eröffnung - und die ersten Besucher verließen den Laden, ohne etwas zu kaufen. "Als die festgestellt haben, dass wir keine Donuts oder Hamburger-Brötchen haben, sind sie wieder gegangen", sagt Ingenfeld. Er wurde nervös, setzte sich selbst unter Druck, schuftete zusammen mit seiner Frau sieben Tage die Woche: "Das erste Jahr Selbständigkeit war richtig hart. Das war brutal."

Trotzdem blieb er seiner Nische treu und setzte nicht auf kanadisches Knautschbrot. Darüber ist er heute froh. Kürbiskernbrötchen und Bienenstich gehören zu den Verkaufsschlagern seines Ladens. Gebacken wird vor den Augen der Kunden, "Front Baking" heißt das Konzept, natürlich mit deutschen Rezepten. Auch ein Café mit 30 Sitzplätzen gehört zum Geschäft. "Als wir anfingen, gab es keine deutsche Bäckerei in Winnipeg", sagt Ingenfeld. "Mittlerweile gibt es kanadische Bäcker, die versuchen, uns zu kopieren."