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Logistikchef in Vietnam: Keine Angst vorm Hundebraten

Foto: A2800 epa Mast Irham/ dpa/dpaweb

Kulturschock in Vietnam Chef, Sie brauchen Wasser

Als Büroleiter eines Logistikkonzerns arbeitet Jürgen Braunbach schon seit 18 Jahren in Vietnam. Das Land hat sich verändert, er auch. Nun findet der studierte Sinologe Feng Shui spannend, mag Bürofische und überhört lärmende Nachbarn. Nur unterm Schreibtisch schlafen mag er nicht.

"Mir fehlt Wasser bei der Arbeit. Nicht zum Trinken, sondern zum Anschauen. Das behauptet zumindest der Feng-Shui-Spezialist, der unser neues Büro in Ho-Tschi-minh-Stadt analysiert hat. Anhand der Geburtsdaten hat er für jeden Mitarbeiter den idelen Arbeitsplatz errechnet, bei mir kam er so auf die Wasserunterversorgung. Anderen fehlt zum Beispiel Holz oder die Farbe Rot.

Als Soforthilfe hat mir meine Sekretärin eine Schale mit Wasser auf den Schreibtisch gestellt. Seit ein paar Wochen haben wir nun ein großes Seewasseraquarium im Büro. Das haben hier viele Firmen. Es gibt externe Aquariumpfleger, die von Büro zu Büro fahren, die Fische füttern, das Wasser wechseln und auch neue Fische besorgen, wenn mal einer stirbt.

Ich lebe jetzt seit 18 Jahren in Vietnam, davor war ich fünf Jahre in Peking. Am Anfang habe ich Feng Shui nicht ganz ernst genommen, aber mittlerweile finde ich das wirklich interessant. Wir hatten jetzt schon öfter Feng-Shui-Experten im Büro, und die Geschäftszahlen haben sich jedes Mal deutlich verbessert. Vielleicht sollte ich auch mal jemanden mein Zuhause analysieren lassen.

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Kulturschock: Arbeiten in fremden Welten

Foto: Daniel Garofoli

Ich habe Sinologie studiert, das war in den achtziger Jahren noch ein sehr exotisches Fach - und nach dem Tiananmen-Massaker 1989 auf einmal total out. Damals wollte niemand mehr etwas mit China zu tun haben. Mich reizten aber die Berufsaussichten. Tatsächlich fand ich direkt nach meinem Abschluss 1989 eine Stelle beim deutschen Logistikkonzern Schenker in Peking, um die Transporte für das damals neue Lufthansa Center zu betreuen. So bin ich zur Logistik gekommen - und dabei geblieben. Nur die Sinologie ist mir über die Jahre irgendwie abhanden gekommen.

Als ich 1994 das Büro von Schenker in Ho-Tschi-minh-Stadt übernommen habe, waren wir drei Mitarbeiter, jetzt sind es mehr als 500. Das Land hat sich in dieser Zeit sehr verändert: vom billigen Produktionsstandort, wo vor allem Schuhe und Textilien hergestellt werden, zum Standort für Qualitätsarbeit. Samsung und Intel haben hier zum Beispiel Fabriken.

Mythos Hundebraten

Schenker gehört seit 2002 zur Deutschen Bahn. Wir bieten die ganze Bandbreite der Logistik an, von der See- und Luftfracht bis zur Umzugsbetreuung. Mittlerweile gibt es hier mindestens 20 deutsche Speditionen. Geostrategisch ist Vietnam sehr gut gelegen, man ist schnell in Bangkok oder Singapur, hat es aber auch gleich weit nach Europa oder Australien. Und seit Vietnam 2007 der Welthandelsorganisation beigetreten ist, kann es mit vielen Ländern wirtschaftlich konkurrieren.

Damit sind aber auch die Preise deutlich gestiegen. Vietnamesisches Essen bekommt man in Garküchen immer noch sehr günstig, ein Einkauf im Supermarkt kann richtig teuer werden, teurer als in Deutschland. Exotische Sachen wie Hundebraten gibt es hier zwar auch, aber das ist eine Subkultur. Neun von zehn Vietnamesen essen das auch nicht.

Ho-Tschi-minh-Stadt ist sehr international, Ausländerghettos gibt es nicht. Das finde ich ausgesprchen angenehm. Die Vietnamesen sind sehr freundlich zu Fremden, nur leider relativ geräuschunempfindlich. Gesetzlich vorgeschriebene Ruhezeiten gibt es nicht, da wird schon mal mitten in der Nacht ein Loch in die Wand gebohrt. Für einen doch eher auf Ruhe fokussierten Deutschen ist das nicht immer leicht zu ertragen.

Die Mieten sind in letzter Zeit wieder etwas gefallen. Für eine Drei-Zimmer-Wohnung in Saigon, dem alten Stadtkern von Ho-Tschi-minh-Stadt, muss man etwa mit 1000 Dollar Miete rechnen, nach oben gibt es keine Grenzen. Fast jeder hier hat ein Zimmermädchen zu Hause, das kocht und sich um die Kinder kümmert, das ist in Vietnam ganz normal und keineswegs ein Privileg der Ausländer. Ausbildung und Betreuung der Kinder hat hier eine hohe Priorität.

Mittagsschlaf unterm Schreibtisch

Unterschätzt habe ich die Sprache. Als Sinologe lerne ich Vietnamesisch doch leicht, habe ich gedacht. Weit gefehlt. Im Chinesischen gibt es vier Töne, im Vietnamesischen sechs. Das macht es sehr schwer - und ich muss ja nebenbei auch noch arbeiten. Nach drei Anläufen habe ich aufgegeben.

Der Leidensdruck ist auch nicht groß genug, mit Englisch kommt man überall weiter. Das ist auch bei uns zu Hause die Familiensprache. Meine Frau kommt aus Russland, unsere Söhne wachsen deshalb dreisprachig auf, mit Englisch, Deutsch und Russisch. Vietnamesisch verstehen sie zwar, aber sprechen es zu selten. Sie gehen hier auf die internationale Schule.

Wir machen regelmäßig Urlaub in Deutschland und fahren zum Beispiel im Winter nach Mittenwald zum Skifahren. Nach fast 25 Jahren in Asien freue ich mich immer darauf, wenn ich mal ohne Klimaanlage schlafen kann. Ich komme ursprünglich aus Köln, meine Söhne sind schon richtige FC-Köln-Fans geworden.

Nach Deutschland zurückzukehren, kann ich mir im Moment aber kaum vorstellen. Ich mag Vietnam. Das Land ist vielleicht nicht so exotisch und touristisch interessant wie Thailand oder Kambodscha, aber dafür sind die Leute hier mehr auf Zack, sehr fleißig und agil.

Nur an den täglichen Mittagsschlaf kann ich mich nicht gewöhnen: Zwischen 12.30 und 13.30 Uhr rollen meine Mitarbeiter ihre Isomatten auf dem Boden aus, schalten das Licht aus und schlafen unter ihren Schreibtischen. Dann stehen sie auf und machen weiter. Das könnte ich nicht."

Aufgezeichnet von Verena Töpper