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Job & Karriere

Von Köln in die Karibik »Mein Herz hat über meinen Verstand gesiegt«

Fünf Hurrikans hat Petra Charles-Kühnast auf Dominica schon erlebt. Und nun bleiben wegen Corona die Touristen aus. Hier erzählt die Kölnerin, warum sie trotzdem nicht weg will.
Aufgezeichnet von Verena Töpper
Petra Charles-Kühnast lebt auf Dominica – und versucht dort, Schulkinder für Umweltschutz zu begeistern

Petra Charles-Kühnast lebt auf Dominica – und versucht dort, Schulkinder für Umweltschutz zu begeistern

Foto: Ansel Prince

»Als ich noch in Köln lebte, hatte ich 62 Paar Schuhe und hätte mir niemals vorstellen können, sie gegen eine Handvoll Flipflops einzutauschen. Ich liebte meinen Job in der Filmbranche und das Kölner Nachtleben, war oft im Kino und in Cocktailbars, habe gutes Geld verdient und hatte ein tolles Leben. Auswandern wollte ich nie. Aber dann ist mir diese Insel, dieses Juwel, in den Schoß gefallen.

Nach Dominica kam ich wegen der Pottwale. Ich hatte gehört, man solle sie dort gut beobachten können, und mein erster Gedanke war: Das kann gar nicht sein, in der Dominikanischen Republik war ich doch schon. Aber Dominica ist ein eigenständiger Staat in der Karibik, rund tausend Kilometer Luftlinie von der Dominikanischen Republik entfernt.

Es war das Jahr 1999, im Internet fand ich kaum Informationen über die Insel – und so bin ich einfach mal hingeflogen. Wale und Delfine sind meine große Leidenschaft, so wie andere in jedem Urlaub reiten wollen, reise ich an Orte, an denen ich diese Tiere beobachten kann.

Schon die Fahrt zu meinem Hotel begeisterte mich. Der Taxifahrer war witzig und eloquent, und es stellte sich heraus, dass er der ehemalige Chief der Kalinago war, des letzten noch existierenden Naturvolks der Karibik. Die Straße führte quer über die Insel durch den Regenwald, ich kam mir vor wie im Garten Eden.

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Verwundbares Paradies

Foto: Peter Schickert / imago images

Aber kaum angekommen, gab es für alle Gäste einen Aufruf zur Evakuierung: Ein Hurrikan war angekündigt. Ich dachte, es würde schon nicht so schlimm werden und blieb. Dann fielen die Leguane von den Bäumen.

Verglichen mit den fünf Hurrikans, die ich inzwischen hier erlebt habe, war dieser noch moderat, trotzdem zerstörte er Dutzende Häuser, und aus dem angrenzenden Dorf retteten sich die Menschen auf die Hotelterrasse. Und so war ich plötzlich mittendrin in einer Rettungsaktion.

Schuhe, Kühlschränke, Kisten, ganze Hausstände trieben in den Meereswellen, und alle versuchten, so viel wie möglich herauszufischen. Jemand legte mir ein Seil um den Bauch, sagte mir, ich solle festhalten und schwamm los. Alle arbeiteten zusammen, niemand jammerte. Mich hat das sehr beeindruckt.

Wale sah ich nicht. Die Wellen waren auch nach dem Sturm noch viel zu hoch, um rauszufahren. Aber diese Reise hat etwas mit mir gemacht. Zurück in Köln hatte ich plötzlich ein eigenartiges Gefühl der Entfremdung. All die Luxusprobleme am Filmset kamen mir auf einmal völlig belanglos vor.

Ich muss die Insel noch mal im Normalzustand erleben, dachte ich – und flog erneut hin. Mit einigen Einheimischen hatte ich den Kontakt gehalten, andere erkannten mich wieder; es war, als würde ich nach Hause kommen. Diesmal klappte es auch mit der Waltour. Ich genoss die Zeit auf der Insel und verlängerte immer wieder meinen Aufenthalt, sodass ich am Ende sechs Wochen blieb.

Zurück in Köln überkam mich ein solches Heimweh nach Dominica, wie ich das noch nie nach Deutschland hatte. Dieses Gefühl hat mich selbst überrascht. ›Okay, ich fliege jetzt noch ein drittes Mal hin, dann kann ich das abhaken‹, war mein Plan. Ich wollte mir die Insel abgewöhnen – und fand stattdessen meine Heimat.

Meine Freunde erklärten mich für bescheuert, als ich in Köln Job, Wohnung und Versicherungen kündigte. Auf Dominica gibt es keine Filmindustrie, und eine Arbeitserlaubnis bekommen Ausländer ohnehin erst nach fünf Jahren auf der Insel, es sei denn, sie sind Unternehmer und investieren – was auf mich nicht zutraf. Aber mein Herz siegte über den Verstand, und rückblickend bin ich sehr froh darüber.

Das Leben in einem Entwicklungsland ist teuer

Damals dachte ich, meine Ersparnisse würden zur Überbrückung der ersten fünf Jahre reichen. Was ich nicht bedacht hatte: Das Leben in einem Entwicklungsland ist teuer – zumindest, wenn man solchen Luxus wie eine Waschmaschine oder einen Flachbildfernseher haben will. Wegen der hohen Einfuhrzölle und Transportkosten zahlen wir auf Dominica für Autos und technische Geräte das Doppelte bis Dreifache des Preises aus dem Herkunftsland. Nach drei Jahren waren meine Ersparnisse aufgebraucht, aber da hatte ich schon längst die Gelassenheit der Einheimischen übernommen und wusste: Irgendwas ergibt sich immer.

So war es schon bei meiner Ankunft mit den fünf Boxen gewesen, in denen ich mein ganzes Hab und Gut verstaut hatte. Ich hatte keine Ahnung, wo ich wohnen würde, und bekam auf einmal Angst vor meiner eigenen Courage. Also bin ich erst mal in meine Lieblingsbar am Hafen, um einen Rum-Punsch zu trinken. Wie erwartet, traf ich dort auf viele Bekannte, unter anderem den netten Taxifahrer, mit dem ich mich schon auf meiner allerersten Reise angefreundet hatte. Alle freuten sich, mich zu sehen und wollten helfen. Und drei Stunden später wurde mir ein Mann vorgestellt, von dem es hieß, er habe eine Wohnung für mich.

Als blonde Frau allein zu einem Fremden ins Auto zu steigen, um mit ihm in den Regenwald zu fahren, klingt nicht nach einer besonders guten Idee. Aber ich zögerte keine Sekunde. Und tatsächlich brachte er mich zu einer netten Familie mit kleinen Kindern, die gerade ein kleines Apartment fertiggestellt hatte. Dort wohnte ich zehn Jahre lang.

Ihre Walbeobachtungen stellt Petra Charles-Kühnast auch zwei Universitäten zur Verfügung

Ihre Walbeobachtungen stellt Petra Charles-Kühnast auch zwei Universitäten zur Verfügung

Foto: Petra Charles-Kühnast

Es war, als hätte man auf mich gewartet. Walbeobachtungen wurden zu meinem Hobby, ich fuhr so oft raus, wie es ging, und fing an, über meine Beobachtungen Tagebuch zu führen. Dominica ist eine Vulkaninsel mit steil abfallender Küste, deshalb kommen zum Beispiel Riesenkalmare relativ nah an der Küste vor – und die sind die Lieblingsspeise von Pottwalen. Im Großraum der Insel wurden schon rund 20 Gruppen von Pottwalen identifiziert, und eine dieser Gruppen ist fast ganzjährig hier zu beobachten.

Irgendwann fragte mich der Besitzer der Whale-Watching-Firma, ob ich nicht selbst mal eine Tour moderieren wolle? Kleinere Nebenjobs sind auf der Insel auch vor Ablauf der Fünfjahresfrist erlaubt – und so kam ich zu meinem ersten Job, aus dem sich rasch der zweite ergab: Reiseführerin für deutsche Kreuzfahrttouristen, die an einem Tag möglichst viel von der Insel sehen wollen.

Vor meiner ersten Tour war mir gar nicht bewusst gewesen, wie viel ich über Dominica weiß. In Deutschland konnte ich kaum einen Baum benennen und hatte mich nie sonderlich für Natur interessiert, hier kannte ich die exotischsten Pflanzen. Trotzdem wäre ich gar nicht auf die Idee gekommen, eine Inseltour anzubieten, wenn mich nicht eine deutsche Reisegruppe darum gebeten hätte. Die elf Freunde hatten mich im Vorjahr als Walführerin kennengelernt und suchten nun jemanden, der ihnen das Landesinnere zeigt.

Von der Einzelkämpferin zur Firmenchefin

Die Tour wurde ein so großer Erfolg, dass ich beschloss, einen offiziellen Schein als Tourguide zu machen. Über ein Forum für deutsche Kreuzfahrttouristen kamen so per Mundpropaganda immer mehr Gäste. Aus meinem Ein-Frau-Unternehmen wurde ein richtiges Business  mit sechs Mitarbeitenden. Das Geschäft lief hervorragend – bis Hurrikan »Maria« 2017 die Insel zerstörte.

Drei Wochen lang wusste meine Mutter nicht, ob ich noch lebe. Telefon, Internet, Strom – nichts funktionierte mehr. Die Insel sah aus, als wäre sie von einer Atombombe getroffen worden. Manche meinten sogar, sie sei nun unbewohnbar. Dass wir noch immer hier leben, haben wir nur dem unglaublichen Zusammenhalt der Bevölkerung zu verdanken. Jeder hilft jedem, und alle zusammen haben wir dafür gekämpft, diese Insel wiederaufzubauen.

Mein Häuschen war wie durch ein Wunder stehen geblieben, aber drumherum war alles verwüstet. Zehn Monate dauerte es, bis ich wieder Strom hatte. Einen weiteren, bis auch das Internet wieder ging – und nach 14 Monaten trugen die ersten Bananenbäume wieder Früchte.

Alle Reserven aufgebraucht

Die Natur hat sich seither in einem rasanten Tempo erholt. Diese Saison wäre die erste ›normale‹ gewesen – aber dann kam die Coronakrise. Dass nun weiter die Touristen ausbleiben, ist richtig schlimm, denn durch Hurrikan »Maria« sind alle Reserven aufgebraucht. Auch meine.

Als brave Deutsche habe ich hier 15 Jahre lang in alle Versicherungen eingezahlt, aber auch ich schaffe das nun nicht mehr. Ich versuche jetzt erst mal, eine Festanstellung zu finden. Einmal pro Woche fahre ich raus, um nach den Walen zu sehen, und gebe meine Beobachtungen ehrenamtlich an zwei Universitäten in Dänemark und Kanada weiter. Die Miete für das Boot zahlt der deutsche Verein Pottwal e.V., für den ich mich seit Jahren engagiere und mit dem ich auch ein Wal- und Umweltschutzprogramm für Schulkinder entwickelt habe.

Viele Kinder hier wissen nämlich gar nicht, welches Naturwunder da vor ihrer Haustür lebt. Mit meinem Unterricht war ich schon an jeder Dorfschule, die Leute hier nennen mich mittlerweile »the whale lady«, die Walfrau. Aber wegen Corona fallen nun auch diese Programme aus, was mir besonders wehtut.

Ich hoffe einfach, dass es irgendwie weitergeht. Zurück nach Deutschland zieht es mich nicht, trotz allem. Denn wenn ich morgens in meinem Häuschen mitten im Regenwald aufwache, geht mein Herz auf.«

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