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Auswanderin in der Karibik: Wie habe ich eigentlich früher gearbeitet?

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Neustart auf Tobago "Mein Leben spielt sich jetzt draußen ab"

Wenn Veronika Danzer, 39, an ihren alten Job als Reiterin in einer Pferdeshow zurückdenkt, gruselt sie sich. Von Dressur, Zwang und schlechtem Wetter hat sie sich verabschiedet. Heute heißt sie Veronika La Fortune und zähmt auf Tobago alte Rennpferde.

"Kurz vor der Abreise hätte ich beinahe gekniffen. Will ich wirklich 7000 Kilometer von Deutschland entfernt zu einem Mann ziehen, den ich kaum kenne? Der auf einer kleinen Insel in der Karibik lebt?

Ich war 30 Jahre alt, hatte in Regensburg gelebt, in Bremen, Speyer, Köln und in den USA, war fünf Jahre lang mit dem Pferdemusical 'Zauberwald' durch die Welt getourt, hatte als Maskenbildnerin und in einem Verlag für Pferdefotografie gearbeitet: Ich war überall zu Hause und nirgendwo. Ich hatte Lust auf einen Neustart. Aber ich hatte keine Ahnung, wie mein Leben auf Tobago aussehen würde. Meine Mutter und meine Schwester machten mir Mut. Sie wussten, ich würde es schaffen.

Ich hatte Lennon La Fortune im Urlaub kennengelernt, in einer winzigen Bar am Strand. Er arbeitete als Handwerker auf Tobago, mit Pferden hatte er damals nichts zu tun. Wenn man ihn heute sieht, kann man das kaum glauben: Wir haben einen Hof mit sechs Pferden, morgens bieten wir Touren für Touristen an, nachmittags für einheimische Kinder. Mit dem Reitunterricht, wie ich ihn in Deutschland gegeben habe, hat das aber nichts zu tun. Es geht darum, Zeit mit den Tieren zu verbringen, ihnen zuzuhören. Als ich in der Pferderevue gearbeitet habe, waren Pferde für mich mein Arbeitsmaterial. Ich war die Bestimmerin, sie hatten zu funktionieren. So könnte ich heute nicht mehr arbeiten.

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Als ich damals mit meinen Sachen ankam, wohnte Lennon auf Trinidad, der Nachbarinsel von Tobago. Port-of-Spain ist eine Großstadt, in der man als Weiße nicht unbedingt allein unterwegs sein möchte. Die ersten vier Wochen verbrachte ich deshalb vor allem in der Wohnung. Ich habe viel gelesen und das auch genossen, aber es war klar, dass ich wieder nach Tobago will.

Uns wurde ein nettes Haus in einem kleinen Fischerdorf hundert Meter vom Meer entfernt angeboten, und Lennon fand einen neuen Job. Meine Schwester half beim Umzug. Sie ist Maskenbildnerin, es war gerade Karneval, und weil wir nicht viel Geld hatten, setzten wir uns an den Straßenrand und boten an, die Leute zu schminken. Wir haben uns eine goldene Nase verdient.

Karneval wird hier gefeiert wie in Brasilien, es ist das Ereignis des Jahres. Weil es so heiß ist, kommen viele im Bikini und lassen sich das Kostüm aufmalen. Bodypainting hatte ich schon in Deutschland auf Messen gemacht, und es war ein tolles Gefühl, damit auf Tobago Erfolg zu haben.

Zwei Jahre lang spazieren gehen statt reiten

Zum Tag der Deutschen Einheit lädt der deutsche Botschafter auf Trinidad alle Deutschen in seine Villa ein. So lernte ich einen Mann kennen, der ein ausgedientes Rennpferd zu verschenken hatte. Es lebte wild auf einem fünf Quadratkilometer großen Grundstück, das verkauft werden sollte. Zaumzeug um den Hals und ab in die Transportbox, das funktionierte hier nicht. Ich brauchte Monate, um das Vertrauen des Pferdes zu gewinnen - und 25 Stunden, um mit ihm quer über die Insel zu unserem Haus zu laufen.

Lennon baute einen Stall aus Bambus. Damals konnten wir uns kein anderes Material leisten, heute sind wir froh darüber. Es ist der schönste Stall, den ich kenne. Es weht immer eine leichte Brise hindurch. Zwei Jahre lang bin ich mit dem Pferd jeden Tag spazieren gegangen. Nach und nach kamen die anderen hinzu, es sind alles Pferde, die wir gerettet haben und deren Vertrauen wir uns erarbeiten mussten. Heute reite ich sie ohne Sattel und Zaumzeug. Sie gehören zur Familie, und jeden Tag bin ich aufs Neue dankbar, mit ihnen arbeiten zu dürfen.

In den ersten Jahren reiste ich zum Geld verdienen nach Deutschland und arbeitete bei Events als Maskenbildnerin. Das muss ich nun nicht mehr. Die meisten Gäste kommen aus England oder Skandinavien. Wenn ich müde und ausgebrannt bin, lese ich mir ihre Bewertungen bei "Tripadvisor" durch, dann geht es mir wieder gut. Dass wir uns das alles hier aus dem Nichts aufgebaut haben, macht mich stolz. Nebenbei haben wir auch noch den Verein Healing with Horses  gegründet, um Behinderten zu helfen.

Sonnencreme brauche ich nicht mehr

Mein Leben spielt sich vor allem draußen ab. Sonnencreme brauche ich nicht mehr, allerdings bleibe ich auch zwischen 11 und 13 Uhr im Schatten. Die Einheimischen gehen alles sehr entspannt an, Stress und Hektik kennen sie nicht. Das kann manchmal auch nerven. Wir veranstalten jedes Jahr ein Sommercamp für behinderte Kinder, ohne die Unterstützung anderer Auswanderer würde das nicht gelingen. Schwierig finde ich auch, wie hier mit Kindern und Tieren umgegangen wird. Manche Kinder werden in der Schule geschlagen. Wir versuchen, liebevoll vorzuleben, wie es anders geht.

Lennons Familie hat mich sehr herzlich aufgenommen. Obwohl sie sich zu neunt ein kleines Haus teilen, wurde für mich ein ganzes Zimmer freigeräumt. 2008 haben wir geheiratet. Trotzdem muss ich jedes Jahr zur Einwanderungsbehörde und mir einen Stempel holen. Meinem Mann hat auch Deutschland gut gefallen, aber Kälte und Schnee mag er gar nicht. Wenn ich zurückblicke, bin ich dankbar, wie mein Leben sich gewandelt hat. Ich freue mich jeden Tag aufs Neue."

Aufgezeichnet von Verena Töpper