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Auswanderin in Schweden »Ich weiß nicht, ob ich im Sommer noch Geld für Hundefutter habe«

Zwölf Jahre lang lief ihr Reiseunternehmen in Lappland gut, dann kam Corona. Jetzt musste Katharina Koch-Hartke Insolvenz anmelden. Zurück nach Deutschland will sie trotzdem nicht.
Aufgezeichnet von Verena Töpper
Katharina Koch-Hartke lebt in Lappland und trainiert dort Schlittenhunde

Katharina Koch-Hartke lebt in Lappland und trainiert dort Schlittenhunde

Foto: 8SeasonsHuskies

»Auf dem Weg zum Briefkasten habe ich mich gefühlt wie auf dem Weg zu einer Beerdigung. Hinter uns lagen sieben lange Wochen, in denen meine Partnerin Johanna und ich mit Beratern alle möglichen Szenarien durchgegangen waren, wie unsere kleine Tourismusfirma zu retten wäre. Vergeblich. Mit diesem Brief beendeten wir zwölf Jahre harter Arbeit in Schweden. Wir meldeten Insolvenz an.

All unsere Ersparnisse hatten wir im Vorjahr in unser Unternehmen investiert und noch einen Kredit aufgenommen. Jahrelang waren wir langsam gewachsen, hatten immer mehr Gruppenreisen in Lappland angeboten. Im Jahr 2020 hatten wir richtig durchstarten wollen. Wir hatten ein Gästehaus gepachtet, eine Grillhütte aufgebaut, Kanus, Schneeschuhe und Schlitten für Touren mit unseren Gästen gekauft. Unser Kalender war voll, wir wollten sogar zwei Mitarbeiter einstellen. Doch dann brachen innerhalb einer Woche alle Buchungen weg – und unser Einkommen schrumpfte auf null.

75 Euro kostet allein das Futter für einen Schlittenhund pro Monat. Bei 30 Hunden macht das 2250 Euro, dazu die Pacht für das Gästehaus und die Kreditraten – da war schnell klar: Das kriegen wir nicht gewuppt, auch wenn wir uns Aushilfsjobs besorgen. Staatliche Corona-Hilfen für Unternehmer gibt es in Schweden zwar, aber sie hätten uns nicht retten können. Sechs Stunden dauerte unser letztes Online-Meeting mit einer Beraterin. Danach stand fest: Unserer kleinen Firma bleibt nur die Insolvenz.

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"Die Hunde sind der Mittelpunkt unseres Lebens"

Foto: 8SeasonsHuskies

Unsere Nachbarn hatten Sorge, dass wir jetzt zurück nach Deutschland ziehen. Das ist glücklicherweise nicht so. Unser Haus und die 30 Schlittenhunde gehören nicht zur Firma – und deshalb nicht zur Insolvenzmasse. Unser Zuhause ist und bleibt hier, in Överkalix, einem 16-Einwohner-Dörfchen knapp zehn Kilometer unterhalb des Polarkreises. Und auch mein großes Ziel, die Teilnahme am 1200-Kilometer-Schlittenhunderennen Finnmarkslöpet, habe ich noch nicht aufgegeben.

Aber aus dem Tourismusgeschäft sind wir jetzt raus. Selbst wenn die Coronakrise irgendwann überwunden und Reisen wieder möglich ist, können wir keine Touren mehr anbieten: Wir haben kein Gästehaus mehr, keine Ausrüstung, auch die nötigen Versicherungen fehlen.

Mit der Sauna ist auch das Badezimmer weg

All unsere Sachen wurden in einer vom Insolvenzverwalter organisierten Online-Auktion versteigert: die Grillhütte, der Vorratsschuppen und ein Schneemobil, Kanus, Hundeschlitten, Zelte, Schlafsäcke, Fahrräder, Gaskocher, sogar unsere Sauna. Das war besonders hart für uns, denn die haben wir als Badezimmer genutzt. Das machen viele Menschen in Nordschweden.

Der Saunaofen heizt einen Wassertank, das Wasser darin wird kochend heiß und wird dann mit kaltem Wasser bis zur gewünschten Temperatur gemischt. Dann kippt man es sich mit einer Kelle über. Ich finde das schöner als Duschen!

Vor der Auktion kam ein Fotograf vorbei, um jeden Gegenstand abzulichten, auch einen öffentlichen Besichtigungstermin mussten wir anbieten. Eigentlich bin ich ein sehr gastfreundlicher Mensch, aber dass plötzlich fremde Leute über den Hof laufen, um meine Sachen zu inspizieren und abzuholen, das hat mich fertig gemacht.

Meine Familie schenkte uns Geld, damit wir aus der Insolvenzmasse zumindest das Nötigste zurück ersteigern konnten. An der Auktion konnte jeder teilnehmen, als Privatpersonen konnten wir also auch Gebote abgeben. Leider war das Interesse an unseren Sachen überraschend groß. Den Insolvenzverwalter hat das natürlich gefreut.

Am Ende bekamen wir bei circa 40 Prozent unserer »Must-have«-Liste den Zuschlag und ersteigerten aus unserem ehemaligen Firmenbesitz eine Motorsäge, zwei Stirnlampen, einen Trainingsschlitten für die Hunde und einen Hochdruckreiniger, um die Zwinger sauber zu halten.

Unsere Sauna gehört jetzt jemand anderem. Als die neuen Besitzer mit einem Lastwagen kamen, um sie abzutransportieren, bin ich weggegangen. Ich konnte das nicht mitansehen.

Kulturschock
Foto: epa efe Lacerda/ dpa

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Die Hunde sind der Mittelpunkt unseres Lebens. Die Vorstellung, sie verkaufen zu müssen, nur weil wir das Geld für das Futter nicht zusammenbringen, bricht mir das Herz. Das habe ich auch in einen Hilferuf auf unserer Website  geschrieben. Ich habe T-Shirts und Sweatshirts designt, um mit dem Verkauf ein paar Euro zu verdienen – und die Resonanz von Nachbarn, ehemaligen Gästen, aber auch wildfremden Menschen war enorm. Nach einem Bericht in der schwedischen Lokalzeitung hat uns eine Frau einfach so 500 Euro gespendet, ein anderer schickte eine ganze Palette Hundefutter. Und aus Deutschland haben wir sogar Spenden bekommen, um uns eine neue Sauna zu kaufen.

Mittlerweile hat jeder unserer Hunde und sogar unsere Katze mindestens einen Paten, der uns finanziell unterstützt. Damit hätte ich niemals gerechnet, das ist wirklich ergreifend. Um Hilfe zu bitten, ist mir schwergefallen und fühlt sich noch immer seltsam für mich an. Johanna und ich haben unsere Probleme immer allein gelöst, und wir sind beide ohne Startkapital in Schweden gestartet.

Im Winter bis zu minus 46 Grad Celsius kalt

Kennengelernt haben wir uns 2007 bei der Arbeit auf einer Huskyfarm in Nordschweden, wo wir in der Küche jobbten. Ich bin gelernte Zahnarzthelferin und hatte einen Studienplatz in Zahnmedizin in Aussicht. Vor dem Start des Studiums wollte ich noch ein Abenteuer erleben. Mit Huskys hatte ich keinerlei Erfahrung, aber mich reizte die Aussicht darauf, einmal in der Wildnis zu arbeiten und einen richtigen Winter mitzuerleben.

Von Lappland war ich vom ersten Augenblick an begeistert. Wie extrem die Jahreszeiten hier sind, fasziniert mich noch immer. Von Ende Mai bis Mitte August ist es 24 Stunden am Tag hell, von November bis Januar nur vier Stunden. Das Kälteste, was ich hier jemals erlebt habe, waren minus 46 Grad Celsius, im August haben wir aber schon mal 28 Grad gemessen. Egal, ob im Sommer oder Winter: Ich liebe es, den ganzen Tag draußen zu sein.

Meine erste Schlittenhundefahrt war allerdings wenig romantisch. Zwei Gäste waren mit ihren Schlitten gestürzt, wenige hundert Meter hinter dem Start, und hatten gemacht, was man als Musher, so heißen Hundeschlittenführer, niemals machen darf: Sie hatten die Gespanne losgelassen. Die Hunde rasten weiter, direkt auf die Hauptstraße zu. Der Tourleiter jagte ihnen mit dem Schneemobil nach, alle waren in Aufregung und plötzlich sollten wir, die Küchenhilfen, die verbliebenen Hundegespanne der anderen Gäste wieder in den Hof fahren. Es klappte – aber nur, weil die Hunde wussten, was zu tun war.

»Wir wollen Geld für die Hunde verdienen, nicht mit ihnen«

Das Husky-Fieber erwischte mich erst im zweiten Winter. Meinen Studienplatz hatte ich sausen lassen, um zusammen mit Johanna weiter in Schweden zu leben. Wir wohnten in einem zehn Quadratmeter kleinen Wohnwagen auf dem Parkplatz der Huskyfarm. Sie ist riesig; rund 100 Schlittenhunde gehören dazu, regelmäßig gibt es Welpen. Und dann war da dieser eine, der von seiner Mutter nicht richtig versorgt wurde und der auch sonst orientierungslos schien. Johanna hatte Mitleid und nahm die Kleine auf: Luna, unser erster Husky.

Obwohl klar war, dass wir in Lappland bleiben würden, war damals so vieles noch ungewiss. Aber gut, dachte ich – wenn Luna bei uns einzieht, können wir auch einen zweiten Welpen haben.

Alaskan Huskys sehen auf den ersten Blick nicht wie typische Schlittenhunde aus. Sie wurden gezüchtet, um extrem lange Strecken zu laufen und entstanden aus einer Kreuzung von Sibirian Huskys mit anderen Jagd- und Schlittenhunden.

Alaskan Huskys sehen auf den ersten Blick nicht wie typische Schlittenhunde aus. Sie wurden gezüchtet, um extrem lange Strecken zu laufen und entstanden aus einer Kreuzung von Sibirian Huskys mit anderen Jagd- und Schlittenhunden.

Foto: 8SeasonsHuskies

Wann immer Zeit war, machten wir Ausflüge mit den beiden Hunden, im Winter ließen wir uns von ihnen auch mit einem Schlitten ziehen. Den Sommer arbeiteten wir in Hotels, um unser Schwedisch zu verbessern, dann begann ich eine Ausbildung zur Wildnisführerin und wurde Praktikantin bei einem Musher, der auch Schlittenhunderennen fährt. Da wusste ich: Das will ich auch!

Wir holten uns weitere Huskys und integrierten sie später, nachdem wir unsere eigene Reisefirma gegründet hatten, auch in unser Tourprogramm. Doch eines war uns immer wichtig: Wir verdienen Geld für die Hunde und nicht mit ihnen.

Bis zu 40.000 Euro kostet die Vorbereitung auf ein Schlittenhunderennen

Mein erstes Rennen brach ich nach 200 Kilometern ab, zwei Dritteln der Strecke. Ich hatte mir zwei fremde Huskys geliehen, um mit acht Hunden starten zu können. Die beiden waren nicht so gut trainiert wie meine, das Teamgefüge war nicht optimal. Wir sind voller Elan gestartet, aber dann wurde es anstrengend für die Hunde. Sie haben nicht richtig gefressen, schienen mir müde. Und bevor ich die Tiere gefährde, breche ich lieber ab.

Rennen zu fahren, macht mir nur Spaß, solange es auch für die Hunde eine gute Erfahrung ist. Alaskan Huskys sind für die Langdistanz gezüchtet, sie wollen rennen und ziehen, dafür muss man sie nicht antreiben. Erst nach 70 Kilometern kommen sie so richtig in den Rhythmus.

Aber bis man mit einem Team richtig eingespielt ist, muss man lange trainieren. Auf ein Rennen wie das Finnmarkslöpet muss man sich mehrere Jahre vorbereiten. Wenn man die Kosten für Futter und Ausrüstung zusammenrechnet, kommt man locker auf 30.000 bis 40.000 Euro. Und allein die Startgebühr beträgt 1200 Euro.

Ich wollte eigentlich im März 2022 starten. Jetzt weiß ich noch nicht mal, ob ich in sechs Monaten noch das Geld für Hundefutter haben werde. Aber ich gebe nicht auf. Johanna und ich sind Überlebenskünstler. Ich habe jetzt eine Weiterbildung zur Forstarbeiterin gemacht, die ersten Einsätze mit der Motorsäge hatte ich schon. So kann ich Geld verdienen und habe noch genügend Zeit für das Training mit den Hunden.«

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