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Von Hamburg in die sibirische Taiga "Ich wünsche meinem Mann, dass er eine jüngere Frau findet"

Acht Monate wollte Karin Haß in Sibirien bleiben. Dann verliebte sie sich in einen Pelztierjäger vom Volk der Ewenken, und sie blieb. Die beiden leben ein Leben voller Entbehrungen - was macht das mit ihr und ihrer Ehe?
Aufgezeichnet von Verena Töpper
Karin Haß mit ihrem Mann Slawa

Karin Haß mit ihrem Mann Slawa

Foto: Claude Wieben

"Die Reise aus Deutschland in unser Dorf dauert im günstigsten Fall fünf Tage. Los geht es mit dem Flugzeug über Moskau nach Krasnoyarsk und dann weiter mit der Transsibirischen Eisenbahn oder der Baikal-Amur-Magistrale. Die letzten 300 Kilometer schafft man nur mit dem Motorboot, denn der Fluss ist in der eisfreien Zeit der einzige Weg nach Srednjaja Oljokma. Im Winter, wenn das Eis auf dem Fluss stabil genug ist, kann man mit einem Jeep oder Lkw darauf fahren. Von Oktober bis Mitte Dezember und von April bis Mitte Mai ist das Dorf von der übrigen Welt abgeschnitten, weil der Fluss nicht befahrbar ist, wenn er zufriert oder taut.  

Meine russischen Mitreisenden im Zug vermuten meist, ich sei auf einer Urlaubsreise. Wenn sie dann erfahren, dass ich mitten in der Taiga mit einem Pelztierjäger vom Volk der Ewenken lebe, reichen die Reaktionen von Ver- und Bewunderung bis zu Fassungslosigkeit und Bestürzung.

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Wer Gemüse essen will, muss es anbauen

Foto: Gudrun Krippner

Es ist kaum denkbar, dass eine Russin das Leben in der Stadt mit dem in der Einöde an der Seite eines "Eingeborenen" tauschen wollte. Die meisten russischen Städter halten das Dasein in der Taiga für exotisch und gefährlich, zumindest aber für extrem primitiv, schwierig und auf keinen Fall für wünschenswert. "Wieso bleibst du nicht in Deutschland?", werde ich deshalb oft gefragt. Da sei es doch so schön sauber.

Das finde ich auch. Aber nichts ist so sauber und schön wie die unberührte Taiga. Nirgendwo ist der Himmel so weit und blau, die Luft so rein und weich, die Wälder so unendlich, die Flüsse so klar, die Menschen so unverfälscht.

Meine erste Reise nach Sibirien hatte mit einem Blick in den Atlas begonnen. Vor der Perestroika gab es für Ausländer keine Möglichkeit, sich wochenlang fern von Touristenrouten in Russland zu bewegen. Dann öffnete sich das Tor zu meinen Träumen. Dieses ferne, weite Land mit seinen endlosen Wäldern, Bergen, zahlreichen Seen und Flüssen, mit Gebieten, die noch kein Mensch betreten hatte - ich fühlte mich wie von einem starken Zauber angezogen. Und so suchte ich nach einem Fluss durch die Taiga, den ich mit meinem Paddelboot befahren könnte. Nach langer und schwieriger Recherche fiel meine Wahl auf den Fluss Tschunja.

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Haß, Karin

Alles normalno: In Sibiriens wildem Osten

Verlag: CW Nordwest Media
Seitenzahl: 248
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Preisabfragezeitpunkt

06.12.2022 23.13 Uhr

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Produktbesprechungen erfolgen rein redaktionell und unabhängig. Über die sogenannten Affiliate-Links oben erhalten wir beim Kauf in der Regel eine Provision vom Händler. Mehr Informationen dazu hier

Ich halte Wildnistouren weder für problematisch, sofern man sich gut darauf vorbereitet und unterwegs nicht leichtsinnig ist, noch für körperlich besonders anspruchsvoll, wenn man bei guter Gesundheit und ausreichend fit ist. Es bedarf weder großer Körperkräfte noch sonderlichen Mutes. Gerade Männer vermitteln aber ein ganz anderes, oft prahlerisches Bild von solchen Touren. Deshalb war für mich klar: Ich mache das zusammen mit anderen Frauen.

Aber meine Suche nach Paddelpartnerinnen begann mit einem für mich höchst überraschenden Erlebnis: Ich wurde nämlich ausgelacht - und das in Hamburg im Jahre 1997. Ein Wildwasserkanute hatte an der Uni einen Diavortrag über seine spektakuläre Befahrung des Sambesi gehalten. Im Publikum saßen viele Paddler. Hier würde ich Interessierte finden, dachte ich und startete nach dem Vortrag einen Aufruf, der aber nur zu allgemeinem Gelächter führte. Ausgerechnet die Frauen lachten besonders laut.

Ich ließ mich nicht entmutigen. Über Anzeigen in Kanuzeitschriften fand ich vier Mitstreiterinnen mit denen ich im Juli 1998 lospaddelte. Wir wurden von morgens bis abends von Mücken zerstochen und hatten mehrere Meinungsverschiedenheiten, aber die Schönheit des Flusses und seiner Umgebung versetzte mich in eine geradezu meditative Stimmung und war der Beginn meiner Liebe zu Sibirien. 

Fünf Jahre später kam ich allein zurück. Meine Firma in Hamburg wollte Arbeitsplätze abbauen und ich nahm das Angebot an, in Vorruhestand zu gehen. Für ein Dreivierteljahr wollte ich in Sibirien ein Leben ohne zivilisatorische Bequemlichkeiten führen, ohne fließendes Wasser, ohne Supermarkt, ohne Internet, dafür mitten in der Natur. Russisch hatte ich in der Schule gelernt.

Die Bewohner von Srednjaja Oljokma nahmen mich herzlich auf, borgten mir ein Bett, Tisch und Stuhl für eine leer stehende Blockhütte. Ich hatte ja nur das Nötigste dabei. Die Herzlichkeit endete allerdings, als ich mit Slawa zusammenkam.

Schon bei unserem zweiten Treffen hatte er mir eine Liebeserklärung gemacht. Ich fand das absurd, wir kannten uns ja kaum. Aber er ließ nicht locker und auf einmal war da tatsächlich dieser Funken, der in all den Jahren nicht erloschen ist.

Ich kann verstehen, dass die Dorfbewohner zunächst skeptisch waren. Slawa ist 24 Jahre jünger als ich, und wir kommen aus verschiedenen Welten. Sofern es die Arbeit zulässt, liebe ich es, zu filmen, zu lesen, zu schreiben oder mit Hanteln Kraft zu trainieren. Slawa sitzt nach seiner harten, körperlichen Arbeit abends lieber vor dem Fernseher und lässt sich berieseln. Trotzdem ist da diese Anziehung zwischen uns - aber nicht nur das, sondern auch Wertschätzung für die Fähigkeiten des anderen. Ich bewundere an ihm seine Zähigkeit und Kraft, seine natürliche Intelligenz, die Vielseitigkeit und Kenntnisse, die es ihm ermöglichen, autark in der Wildnis zu bestehen. Und ich liebe seine Fröhlichkeit und seinen Charme.

Slawa und ich sind jetzt seit 14 Jahren verheiratet. Er hat für mich das Trinken aufgegeben. Ich bin für ihn von der Vegetarierin zur Fleischesserin und von der Feministin zur Hausfrau geworden.

Verliebt in einen Menschen aus einem anderen Kulturkreis? So kann das Zusammenleben gelingen

Früher lehnte ich es konsequent ab, wenn mir ein Mann beim Tragen meines Faltbootes helfen wollte. Aber in Sibirien ergibt die Trennung in Männer- und Frauenarbeiten Sinn. Warum soll ich mühsam lernen, wie man einen Elch fachgerecht zerteilt oder das Schneemobil repariert, wenn mein Mann das doch viel besser kann? Für mich gibt es genug zu tun. Allein das Waschen der Wäsche dauert drei bis vier Stunden.

Genau wie alle anderen Dorfbewohner arbeiten wir beide von morgens bis abends, um genug zu essen und ein warmes Heim zu haben. Geld allein nützt in der Taiga nicht viel, denn kaufen kann man Essen und Dienstleistungen kaum. Wer Gemüse essen will, muss es anbauen. Wer Fleisch essen will, muss ein Tier töten.

Unter Erholung verstehen die meisten deshalb hier vor allem schlafen, fernsehen, Alkohol trinken und miteinander herumsitzen bei oberflächlichem Geplapper. Weil ich damit wenig anfangen kann, habe ich in all den Jahren keine richtigen Freunde im Dorf gefunden. Glücklicherweise gibt es Gleichgesinnte in Slawas Freundeskreis in der nächsten Stadt. Und bis vor Kurzem haben wir im Sommer auch Touren für Gäste aus Deutschland angeboten. Das war immer eine schöne Abwechslung für mich, auch wenn es zusätzliche Arbeit bedeutet hat.

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Haß, Karin

Fremde Heimat Sibirien: Leben an der Seite eines Taigajägers

Verlag: NG Taschenbuch
Seitenzahl: 384
Für 16,00 € kaufen

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06.12.2022 23.13 Uhr

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Ich bin immer wieder überrascht, mit wie wenig die Menschen in der Taiga auskommen. Ein paar Holzstangen, eine alte Plane und ein Haufen Lärchenzweige – fertig ist der Schlafplatz im Wald. Als arm würden sich die Menschen nie beschreiben. Ich habe in all den Jahren auch nicht erlebt, dass jemand neidisch wäre auf die Sachen, die ich aus Deutschland mitbringe, und werde auch nie um Mitbringsel gebeten.

 Drei Wintermonate im Jahr lebe ich üblicherweise in Hamburg, meinen Wohnsitz dort habe ich nie aufgegeben. Slawa hat mich hier auch schon besucht und war vor allem von den dicken Gänsen an der Alster fasziniert. Aber ein Leben in der Stadt wäre nichts für ihn. Womit sollte er auch seine Tage verbringen? Ich kann mich leichter an sein Leben anpassen als er sich an meines – zumindest im Moment noch.

77 Jahre bin ich jetzt alt, wer weiß, wie lange ich noch fit bin. Und ich habe schon erlebt, wie es sich anfühlt, in der Taiga krank zu sein – ohne ärztliche Betreuung, ohne Dusche und Toilette im Haus, mit einem hilfsbereiten, liebenden Mann, dem trotz aller guten Vorsätze alles über den Kopf wächst. Ich wünsche Slawa deshalb, dass er eine jüngere Frau findet. Das Ende unserer Ehe würde mir wehtun, aber gerade weil ich ihn liebe, wünsche ich ihm das Beste – und das wäre jemand, der mit ihm sein Leben teilt. Ich fürchte aber, er sucht gar nicht.

Über Satellitentelefon telefoniere ich mehrmals pro Woche mit ihm. Die Coronakrise hat uns getrennt. Eigentlich hatte ich im März von meinem jährlichen Deutschlandbesuch zurückkehren wollen, nun sitze ich noch immer in Hamburg und hoffe, dass ich es zumindest bis zum nächsten Frühling ins Dorf schaffe, damit ich das Gemüse aussäen kann. Ich mag mir kaum vorstellen, wie der Garten jetzt aussieht."

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