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Gründerin in New York: Süßes für Justin Bieber und die Stones

Foto: BCakeNY

Deutsche Gründerin in New York Meine Highheels kann man essen

Mit Handtaschen, Gitarren und Schuhen aus Kuchenteig ist Miriam Milord aus Düsseldorf in New York zum Bäcker der Stars geworden. Für ihre erste Torte suchte sie noch eine Anleitung auf YouTube, mittlerweile backt sie für die Rolling Stones, Barbra Streisand und Justin Bieber.

"Mit einem Kuchen für meine schwangere Freundin fing alles an. Sie hatte zur Babyparty geladen und die bunten Torten, die es in den amerikanischen Supermärkten zu kaufen gibt, konnte ich mir einfach nicht leisten - außerdem schmecken sie nicht. Ein Marmorkuchen war mir auch zu simpel. Also kaufte ich eine runde Kuchenform und suchte auf YouTube nach Backvideos. Wenn ich mir jetzt die Fotos anschaue, denke ich: Oh Gott, was hast du da nur gemacht? Die Torte war pink mit kleinen Blumen. Aber damals war ich sehr stolz. Und meine Freunde waren so begeistert, dass sie mich baten, auch für sie zu backen.

Das habe ich gemacht, abends, nach meinem Job in einer Kunstgalerie. Dass ich einmal für Promis wie die Rolling Stones, Justin Bieber, Barbra Streisand oder Jay-Z backen würde, hätte ich mir damals nicht träumen lassen. Am Anfang war es nur ein Hobby, dann wurde es 'the other nine to five': Von 9 bis 17 Uhr habe ich gearbeitet und von 21 bis 5 Uhr gebacken. Natürlich hat mein Chef gestaunt, als ich ihm gesagt habe, dass ich kündigen will, um Vollzeit Kuchen zu backen. Aber dann hat er mir sogar geholfen, den Businessplan zu schreiben. Die Bereitschaft, einfach mal etwas zu riskieren, ist in den USA viel größer als in Deutschland.

Nach New York bin ich zum Kunst- und Grafikstudium gekommen. Den Job in der Galerie bekam ich sofort nach meinem Abschluss - samt Green Card. Mit dieser permanenten Aufenthaltsgenehmigung war die Firmengründung kein Problem. Allerdings musste ich ganz schön viel Papierkram erledigen, und vom Gesundheitsamt die Genehmigung für die Eröffnung einer Bäckerei zu besorgen, war teuer und kompliziert.

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Deutsche auf Glückssuche: New York? New York!

Foto: Mark Lennihan/ AP

Startgeld hatte ich nicht. Die ersten Monate habe ich daheim gebacken, dann habe ich für wenig Geld eine Küche in einem alten Lagerhaus in Brooklyn gemietet und meine Freundin überredet, ihren Job zu kündigen und bei mir einzusteigen. Was ich ihr dafür bieten konnte, war ein Zimmer in meiner Wohnung und Essen, wobei das im ersten Jahr eigentlich nur Spaghetti waren. Zeitweise hatte ich nicht einmal eine Krankenversicherung, zum Entsetzen meiner Mutter. Ich durfte dann ab und zu ihre Kreditkarte belasten, auch meine Schwester hat mich unterstützt.

Der Durchbruch kam, als die Mutter von Fernsehstar Kourtney Kardashian anrief. Ihre Tochter hatte in ihrem Blog ein Foto von einer unserer Schuh-Torten gepostet. 'Ihr liefert doch nach Los Angeles?', fragte sie. 'Na klar', habe ich gesagt - und hatte keinen Schimmer, wie das funktionieren soll. Ich glaube, das ist auch ein Teil meines Erfolgsrezepts: Ich habe von Anfang an so getan, als ob ich einen riesigen Laden hinter mir hätte - obwohl wir nur zu zweit waren. Tatsächlich habe ich es geschafft, eine Airline zu überreden, den Schuh gratis auf einem eigenen Sitz nach Los Angeles zu fliegen. Das hat nun schon mehrmals geklappt, eine Torte durfte sogar im Cockpit mitfliegen.

Eine Torte für 7000 Dollar

Natürlich geht beim Backen auch mal etwas schief, aber dass ich eine Torte komplett wegwerfen muss, kommt eigentlich nie vor. Gut gekühlt sind sie stabiler, als man denkt. Im ersten Sommer mussten wir allerdings mit den Händen im Kühlschrank arbeiten. Mittlerweile habe ich eine Werkstatt mit kleinem Verkaufsladen und eigenem Kühlraum. Damit ist ein großer Traum in Erfüllung gegangen.

Wir backen immer zuerst einen Kuchenblock aus dünnen Schichten, zum Beispiel mit Buttercreme oder Marmelade als Füllung. Daraus schneiden wir mit Messern, Sägen, Zangen und Meißeln die Form, wie ein Bildhauer. Bei der Handtasche mit Lederoptik ist jede Rille von Hand gezeichnet. Das dauert schon mal zwei Tage. Deshalb auch die Preise: Eine Torte kostet mindestens 150 Dollar. Mein bisher wertvollstes Werk war eine Couch mit Schuhen und Taschen, für 1500 Leute. Sie hat 7000 Dollar gekostet. Rechnet man das auf den Stundenlohn um, bleibt nicht viel.

Ich habe die Firma  im Jahr 2009 gegründet und verdiene erst jetzt wieder so viel wie in meinem alten Job. Mehr als drei Tage am Stück nehme ich nicht frei, der Laptop kommt mit an den Strand. Das finde ich aber besser, als jeden Tag im Büro zu sitzen. Ich schaffe es auch immer öfter, schon um 19 Uhr Feierabend zu machen. Vor einem Jahr habe ich mich schon gefreut, wenn ich um 22 Uhr zu Hause war.

Schaut her, ich und mein Kuchen

Das Tolle an den Torten ist, dass ich keine Werbung mehr machen brauche. Jeder will sofort ein Foto ins Internet stellen: Schaut her, ich und mein Kuchen. Von einigen weiß ich, dass sie ihn gar nicht gegessen, sondern eingefroren haben. Ich sehe mich in erster Linie als Künstlerin und nicht als Konditorin. Es gibt keine Form, an die ich mich nicht wagen würde. Abgelehnt habe ich allerdings, als ein Typ Waffen gebacken haben wollte. Er gehörte zu einer Gang und hatte sich das als Gag für eine Party überlegt. Das war mir suspekt. Auch Sachen mit Blut mache ich nicht: Einmal wollte ein Kochshowkandidat, dass ich seinen Konkurrenten backe - mit einem Messer im Herz.

Aus Zeitgründen muss ich jede Woche fünf bis 15 Aufträge ablehnen. Mehr als 25 Torten pro Woche schaffe ich mit fünf Mitarbeitern und vier Praktikanten nicht. Es haben sich schon Investoren bei mir gemeldet, aber ich muss erst in Ruhe überlegen, wie es weitergehen soll. Vielleicht mache ich noch ein zweites Geschäft auf oder expandiere ins Ausland. Zurück nach Deutschland möchte ich eigentlich nicht. Wenn du einmal in New York gelebt hast, kannst du nirgendwo anders leben. Ich liebe es, wie aufgeschlossen hier alle sind und wie lebendig und multikulti Brooklyn ist.

Mittlerweile rufen sogar alteingesessene Konditoren bei mir an, um zu fragen, wie ich meine Torten mache, oder schicken Leute mit Sonderwünschen zu mir. Ich helfe immer gerne; es ist kein Geheimnis, was wir machen. Das ist wie beim Kochen: Ein Rezept zu haben bedeutet noch nicht, dass auch das Essen gelingt. Die Torte, über die ich mich zuletzt am meisten gefreut habe, war übrigens ein Geschenk einer Freundin: Ein Dr.-Oetker-Marmorkuchen mit Gummibärchen auf der Glasur."

Aufgezeichnet von Verena Töpper