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Ausgewandert für die Liebe "Ich habe meine Bestimmung gefunden"

In Deutschland drehte sich ihr Leben um Pferde. Dann verliebte sie sich im Karibikurlaub und wanderte aus - nach Tobago. Wie geht es Veronika La Fortune heute, 14 Jahre später?
Veronika La Fortune ist der Liebe wegen nach Tobago ausgewandert

Veronika La Fortune ist der Liebe wegen nach Tobago ausgewandert

Foto: Welmoet Photograph

Sie haben ihre Mietverträge gekündigt, ihr Hab und Gut verkauft oder verschenkt, Freunden und Eltern Adieu gesagt und sich ins Abenteuer gestürzt - in Indonesien, Peru oder den USA. Seit Jahren berichtet der SPIEGEL über Auswanderer. Doch was wurde aus ihren Träumen? Wir haben nachgefragt.

Sie verliebten sich in einer Bar am Strand der Karibikinsel Tobago. Er: ein Handwerker der Nachbarinsel Trinidad. Sie: eine Urlauberin aus Speyer. 7000 Kilometer trennten die beiden nach ihrer Rückreise nach Deutschland. Aber nicht lange - denn Veronika La Fortune, die damals noch Danzer mit Nachnamen hieß, flog zurück in die Karibik und heiratete Lennon La Fortune.

Vor der Abreise hätte die damals 31-Jährige beinahe gekniffen: "Will ich wirklich auf eine kleine Insel ziehen zu einem Mann, den ich kaum kenne?" Sie wagte es, trotz aller Zweifel.

Seit fast 15 Jahren sind sie nun ein Paar. Und heute lebt sogar Veronikas Mutter auf Tobago. Sie ist ihr aus Bayern hinterhergezogen.

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"Mein Leben spielt sich jetzt draußen ab"

Foto: Privat

Türkisblaues Wasser, weißer Sand und Temperaturen, die so gut wie nie unter 24 Grad fallen - Tobago gilt als Urlaubsparadies. Aber wie ist es, dort zu leben? Paradiesisch, sagt La Fortune: "Ich wache jeden Morgen auf und bin dankbar."

Zusammen mit ihrem fünf Jahre jüngeren Mann hat sie einen tropischen Reiterhof  aufgebaut und bietet Ausritte an. Für Einheimische mit Handicap sind sie kostenlos, Touristen zahlen hundert US-Dollar für eine zweistündige Tour, bei der sie zum Abschluss mit den Pferden im Meer baden gehen.

Auf der Bewertungsplattform Tripadvisor steht der Ausritt auf der Liste möglicher Outdoor-Aktivitäten auf Tobago auf Platz eins, rund 400 Gäste haben ihn mit "ausgezeichnet" oder "sehr gut" bewertet. La Fortune ist stolz auf diesen Erfolg, sagt aber auch, dass harte Arbeit dahintersteckt: "Wir arbeiten sieben Tage die Woche von morgens bis abends, gemeinsam im Urlaub waren wir seit zwölf Jahren nicht mehr."

Die Ställe, eine Reitarena und ein Yoga-Deck haben sie selbst gebaut, aus Bambus, den gibt es auf Tobago im Überfluss - im Gegensatz zu anderen Baumaterialien.

"Die Pferde sind für mich wie meine Kinder"

Der SPIEGEL berichtete vor sechs Jahren zum ersten Mal über Veronika La Fortune. Damals besaß sie sechs Pferde, mittlerweile sind es 13. La Fortune hat sie vor der Verwahrlosung gerettet, weil sie als Rennpferde nicht mehr taugten. Ihr erstes Pferd lebte wild auf einem fünf Quadratkilometer großen Grundstück. Der Besitzer wollte das Land verkaufen und das Tier loswerden, doch das sei gar nicht so einfach gewesen, sagt La Fortune: "Zaumzeug um den Hals und ab in die Transportbox, das funktionierte nicht." Sie brauchte Monate, um das Vertrauen des Pferdes zu gewinnen - und 25 Stunden, um mit ihm quer über die Insel zu ihrem Haus zu laufen.

Nach und nach kamen die anderen Pferde hinzu. La Fortune reitet sie ohne Sattel und Zaumzeug. Für die Gäste legt sie den Tieren Satteldecken und gebissloses Zaumzeug an - die Pferde sollen so wenig beeinträchtigt werden wie möglich. 16 Stunden am Tag dürfen sie auf dem drei Hektar großen Gelände frei herumlaufen. "Die Pferde sind für mich wie meine Kinder", sagt La Fortune.

Das war früher anders. "Pferde waren für mich mein Arbeitsmaterial. Ich war die Bestimmerin, sie hatten zu funktionieren", sagt La Fortune. Fünf Jahre lang tourte sie damals mit dem Pferdemusical "Zauberwald" durch die Welt. "So könnte ich heute nicht mehr arbeiten", sagt sie.

Die Nachbarin grüßt erst nach zwei Jahren

Als sie Lennon La Fortune kennenlernte, hatte dieser mit Pferden nichts zu tun. Heute sei er Reitlehrer, Hufschmied und Tierarzt in Personalunion, sagt sie. Das Wissen hat er sich selbst beigebracht. "Er ist sehr intuitiv und baut sehr schnell Beziehungen zu Menschen und Tieren auf." Er sei "wie ein Heiler", habe mal jemand gesagt, "das trifft es ziemlich gut".

La Fortune spricht oft vom Heilen, von Harmonie, von der Kraft der Natur und der Kraft positiver Gedanken. Auf Tobago habe sie ihre Bestimmung gefunden, ihre Lebensaufgabe, sagte sie. Aber sie sagt auch, dass sie ihren Erfolg auf der Insel vor allem ihrem Mann zu verdanken habe. "Ohne einen Einheimischen an der Seite hat man es hier als Auswanderin schwer."

Sie gibt auch zu, dass ihr die Abhängigkeit von ihrem Mann am Anfang zu schaffen machte: "Ich bin jemand, der gern alles selbst macht, und es fiel mir nicht leicht einzusehen, dass ich an einigen Stellen allein einfach nicht weiterkomme." Die ersten zwei Jahre habe die Nachbarin sie zum Beispiel völlig ignoriert. "Heute winkt sie sofort und bringt uns regelmäßig Fischreste, aus denen ich Hundefutter mache."

Kulturschock
Foto: epa efe Lacerda/ dpa

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Auch die anderen Dorfbewohner fassten erst nach und nach Vertrauen zu der fremden Frau aus Deutschland. Mit der Geburt eines Fohlens und Gratis-Reitstunden für Kinder konnte La Fortune punkten. Noch immer kommen jeden Tag Schulkinder vorbei, oft mit der ganzen Klasse, um ihre Pferde zu besuchen und in ihrem "Abenteuerpark" zu toben, zu dem außer der Reitarena auch ein großer Garten und Sandspielplatz gehört.

Und schon vor Jahren gründete La Fortune den Verein "Healing with Horses" , um Behinderten zu helfen. Sie lädt Musik- und Kunsttherapeuten ein, die Workshops für autistische, geistig oder körperlich behinderte Kinder leiten, es gibt Koch- und Yogastunden für sie und vor allem: viel Zeit mit den Pferden.

"Wir haben von Anfang an versucht, der Gemeinschaft etwas zurückzugeben; ich glaube, das ist auch Teil unseres Erfolgsrezepts", sagt La Fortune.

Coronakrise als willkommene Auszeit

Die ersten Jahre auf Tobago reiste sie zum Geldverdienen noch nach Deutschland und arbeitete als Maskenbildnerin und Bodypainterin auf Events. Das muss sie nun schon lange nicht mehr. Inzwischen haben sie sogar vier feste und drei freie Mitarbeiter. "Wir leben nicht im Luxus, aber wir haben alles, was wir für ein glückliches Leben brauchen", sagt La Fortune. Auch die wegen der Coronakrise derzeit ausbleibenden Touristen machen ihr wenig Sorgen. "Ehrlich gesagt bin ich mal ganz froh über die Auszeit."

Mit ihrem Team gestaltet sie gerade den Therapieraum um, richtet eine kleine Bibliothek mit Lesesaal ein, verschönert den Eingang zum Büro, der auch als Geschenkeshop dient. Langfristig wollen sie und ihr Mann noch mehr Land kaufen und ein behindertengerechtes Gästehaus bauen. Ihr neuestes Projekt: "Retreats with horses" - Führungskräfte-Workshops für Firmen.

Für die Urlaubsliebe alles hinschmeißen? Diese Tipps helfen bei der Überlegung

Als Veronika La Fortune, die damals noch Danzer hieß, sich im Urlaub in ihren zukünftigen Mann verliebte, hatte sie schon in Regensburg, Speyer, Köln und in den USA gelebt, fünf Jahre lang war sie mit einer Pferderevue unterwegs gewesen, hatte als Maskenbildnerin und in einem Verlag für Pferdefotografie gearbeitet. "Ich war überall zu Hause und nirgendwo", sagt sie. "Ich hatte Lust auf einen Neustart." Genau wie Annette Horschmann, die der Liebe wegen nach Sumatra zog, hätte sie im Zweifelsfall an ihr altes Leben in Deutschland wieder anknüpfen können.

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