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Ingenieur in Brasilien: Vom Stahlwerk in die Sambaschule

Ingenieur in Brasilien Tanze Samba mit mir

In Deutschland drohte die Arbeitslosigkeit, in Brasilien lockte ein neues Leben: Matthias Bergmann fiel das Auswandern trotzdem schwer. Zunächst. Nun tanzt er Samba in den Favelas, ist mit einer Brasilianerin verheiratet und will gar nicht mehr weg. Trotz der Gewalt.

"Ich hatte die Wahl zwischen Brasilien oder Liberia. Beide Länder lösten bei mir keine Begeisterung aus, ich wollte eigentlich nicht auswandern. Aber mein Studium der Eisenhüttenkunde hatte ich mitten in der Stahlkrise abgeschlossen. Auf meine 50 Bewerbungen kam nur eine Einladung - von der Exploration und Bergbau GmbH, die Eisenerzminen im Ausland verwaltete. Ich entschied mich für eine Stelle als Trainee im Hinterland Brasiliens, 70 km südlich der Zwei-Millionen-Stadt Belo Horizonte.

Die ersten vier Jahre wohnte ich in einer Arbeitersiedlung auf dem Minengelände. Schon nach drei Tagen hatte ich eine heftige Darmgrippe. Der Arzt riet mir, viel Wasser zu trinken und Bananen zu essen. Das habe ich zumindest verstanden. Ich kannte damals nur wenige portugiesische Wörter. Eine Nachbarin brachte mir die Sprache bei. Obwohl wir uns kaum verständigen konnten, hat das geklappt. Mittlerweile ist Portugiesisch für mich wie Deutsch. Ich lebe jetzt seit 19 Jahren hier, arbeite immer noch in der Stahlbranche und bin mit einer Brasilianerin verheiratet. Unsere zwei Kinder wachsen zweisprachig auf.

Einmal im Jahr reisen wir in meine Heimat, nach Gröditz in Sachsen. Dort fällt uns immer wieder auf, wie sauber alles ist und wie diszipliniert alle sind. Niemand läuft bei Rot über die Ampel, Autos halten am Zebrastreifen. Meine Tochter konnte es kaum fassen, als mir in Dresden ein Kind hinterher rannte und mir die 50 Euro gab, die ich verloren hatte. In Belo Horizonte muss man ständig aufpassen, nicht ausgeraubt zu werden.

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Fotograf in Rio de Janeiro: Karriere eines Favelakindes

Foto: Sonja Peteranderl

Meine Frau wurde einmal in der Tiefgarage unseres Hochhauses überfallen, mitten am Tag. Der Mann hielt ihr eine Pistole an den Kopf, riss Handtasche und Autoschlüssel an sich und wollte sie zwingen, ihn in die Wohnung zu lassen. Erst als eine Nachbarin aus dem Fahrstuhl kam, ließ er von ihr ab - um auch sie auszurauben. 'Sei froh, dass du meine Hautfarbe hast, sonst hätte ich dich jetzt umgelegt', rief er. Meine Frau hat Jahre gebraucht, bis sie das verkraftet hat.

Die Gewalt geht aber nicht nur von den Favelas aus. Da haben viele ein schiefes Bild von Brasilien. 99 Prozent der Menschen, die in den Elendsvierteln leben, sind ehrliche Arbeiter, die sich keinen besseren Wohnraum leisten können. Ich habe auch erst einen Bogen um die Favelas gemacht; aus Angst und weil mir unwohl war bei dem Gedanken, dort wie in einem Zoo herumzulaufen. Ein Freund aus Deutschland überredete mich aber, in einer Bar zu fragen, ob uns jemand mit hineinnimmt. So lernten wir Marcello kennen. Er zeigte uns sein Haus, einen Teil der Favela - und eine Kindertagesstätte.

Der Gründer der Kita erzählte uns von den Schwierigkeiten. Es gab kein Spielzeug, keine Malsachen, die Kinder saßen einfach nur herum, waren aber wenigstens von der Straße weg. Seit dem Besuch engagiere ich mich für das Projekt. Mit Freunden habe ich den Hilfsverein Kinderhorizonte  gegründet, über den man Patenschaften übernehmen kann. Wir wollen die Kinder vor dem Zugriff der Drogendealer schützen - und ausgerechnet die schicken ihre Kinder zu uns. Das ist kein Widerspruch: Viele möchten aussteigen, sind aber bei den Drogenbossen verschuldet.

Tränen beim Karnevalsumzug

Als ich 2009 für zwei Jahre auf eine Stahlwerksbaustelle nach Rio de Janeiro versetzt wurde, nahm ich mir vor, eine Funkparty und eine Sambaschule zu besuchen. Dazu muss man in die Favelas. Touristen werden meist von bewaffneten Drogendealern wieder weggeschickt. Ich hatte Glück und wurde durchgelassen. Auf einmal verbrachte ich jedes Wochenende in einer anderen Sambaschule. Mit meiner Frau habe ich sogar beim Karnevalsumzug im Sambodrom vor 80.000 Zuschauern getanzt. Das war traumhaft schön, ich hatte Tränen in den Augen.

Über das Leben in Rios Favelas habe ich zwei Romane geschrieben und regelmäßig blogge ich . Mit dem Favela-Tourismus, der jetzt in Rio populär ist, kann ich mich aber nicht anfreunden. Im letzten Jahr habe ich eine Bustour durch Rocinha mitgemacht, Rios größtes Armenviertel. Es ging eigentlich nur ums Arme-Leute-Gucken.

Andere Favelas, wie den Complexo do Alemão, kann man mittlerweile auch als Tourist allein besichtigen. Die Polizei hat sie gestürmt und befriedet, wie es so schön heißt. Meine Freunde waren erst skeptisch, aber die Aktion hat wirklich etwas gebracht: Die Drogenbosse sind geflüchtet, immer mehr Handelsketten eröffnen Geschäfte, sogar Bankfilialen gibt es und damit neue Jobs. Für die gesamte Stadt hat sich die Lage aber nicht verbessert. Die Kriminellen sind auf andere Viertel ausgewichen.

Trotz der vielen Probleme im Land möchte ich hier nicht mehr weg. Die Menschen sind sehr herzlich, die Musik ist toll, und am schönsten finde ich den Winter: Sechs Monate ohne Regen, 20 bis 25 Grad, der Himmel blau. Herrlich."

Aufgezeichnet von Verena Töpper