Azubi-Umfrage Der Job ist klasse, die Schule nervt

Ausbildungsberufe sind besser als ihr Ruf. Acht von zehn Azubis sind mit ihrem Job zufrieden - selbst wenn sie zunächst etwas ganz anderes machen wollten. Nur auf die Berufsschule würden viele Lehrlinge lieber verzichten, ergab eine Umfrage.

DPA

Als Tobias Becher, 21, seinen Mitschülern von seinem Berufswunsch erzählte, zeigten sie ihm den Vogel. Eine Ausbildung zum Hotelfachmann? Wer tut sich denn freiwillig so was an?

Lange Arbeitszeiten, Stress, maue Bezahlung - das Image vieler Ausbildungsberufe ist mies. Aber wie geht es den Azubis wirklich? Die meisten sind zufrieden mit ihrem Job, nur die Berufsschule nervt sie. Das ist das Ergebnis einer schriftlichen Befragung von 1006 Auszubildenden im Auftrag der Plattform Ausbildung.de.

Obwohl nur jeder zweite Befragte angab, die Ausbildung in seinem Wunschberuf zu machen, stimmten der Aussage "Ich bin zufrieden in meinem Unternehmen" mehr als 80 Prozent zu. Offenbar waren also einige von der Ausbildung positiv überrascht.

Zu einem ähnlichen Ergebnis war vor wenigen Monaten auch eine repräsentative Befragung des Instituts für Demoskopie Allensbach im Auftrag von McDonald's gekommen: 59 Prozent der Auszubildenden sagten, ihre Erwartungen an den Ausbildungsplatz seien erfüllt worden, und 17 Prozent sagten, die Erwartungen seien sogar übertroffen worden. Zusammen mit jenen Lehrlingen, die vorher keine klaren Erwartungen hatten und sich in der Ausbildung ebenfalls wohl fühlen, ergibt sich eine Zufriedenheit von 90 Prozent. Laut Allensbach-Studie würden sich zwei Drittel aller Azubis erneut für den gleichen Ausbildungsberuf entscheiden.

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Allerdings fühlen sich die Azubis in den Firmen deutlich wohler als in der Schule: In der Umfrage von Ausbildung.de sagten 36 Prozent der befragten Azubis mit Abitur und Realschulabschluss, sie seien mit der Berufsschule unzufrieden. Bei den Hauptschulabsolventen ist der Unmut etwas geringer, hier zeigten sich 29 Prozent mit der Berufsschule unzufrieden.

Von den unzufriedenen Azubis nannten drei Viertel als Hauptgrund, sie seien unterfordert. "Zu wenig Freizeit" und "geringes Gehalt" wurden als weitere Gründe genannt. Jeder zweite Befragte sagte, er könne nicht von seinem Ausbildungsgehalt leben. Die meisten werden finanziell von ihrer Familie unterstützt. Jeder zehnte Befragte gab an, neben Berufsschule und Arbeitsalltag noch einen Nebenjob zu haben.

21 Bewerbungen bis zum Job

Für die Umfrage wurden rund tausend Auszubildende in Berufsschulen angesprochen. Auffallend ist, wie viele Abiturienten die Meinungsforscher dort fanden: 46 Prozent der Umfrageteilnehmer haben die Hochschulreife, Hauptschüler sind mit knapp 15 Prozent deutlich in der Minderheit. Diese Zahlen sind höher als die des Statistischen Bundesamtes: Für das Jahr 2011 errechneten die Statistiker aus Wiesbaden einen Abiturienten-Anteil von 22 Prozent. Aufgrund der doppelten Abiturjahrgänge dürfte dieser Wert für das Jahr 2013 aber höher liegen.

Die meisten befragten Abiturienten machen Ausbildungen in der IT, in kaufmännischen Berufen oder in den Medien. Nur im Einzelhandel waren Azubis mit Hauptschulabschluss in der Mehrheit.

Unabhängig vom Schulabschluss gaben die befragten Azubis an, im Schnitt 21 Bewerbungen verschickt zu haben, bis sie ihre aktuelle Stelle fanden. Das scheint erstaunlich, schließlich jammern Unternehmen im ganzen Land über fehlende Bewerber. Doch die Wünsche, Anforderungen und Lücken der Unternehmen passen nicht immer zu den Interessen und Kenntnissen der Bewerber.

Vor allem in Gastronomie und Hotellerie ist die Lage angespannt: Laut Statistik des Bundesinstituts für Berufsbildung blieb zu Beginn des Ausbildungsjahres 2012 fast jede dritte Lehrstelle für Restaurantfachleute in Deutschland leer. Einen echten Notstand befürchten auch die Spediteure: Etwa die Hälfte der Brummi-Fahrer ist bereits älter als 45 Jahre, und rund 30.000 von ihnen verlassen Jahr für Jahr den Markt.

Tobias Becher hat seine Entscheidung gegen ein Studium nicht bereut. Nach dem Abitur begann er im Fairmont Hotel Vier Jahreszeiten in Hamburg seine Ausbildung zum Hotelfachmann, auf eigenen Wunsch wechselte er ins Restaurantfach. "Wahrscheinlich könnte ich überall mehr verdienen", sagt er. "Aber das ist mir egal, ich will einen Beruf, der mir Spaß macht."

vet



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