Ältere Auto-Akkordarbeiter Jetzt wird wieder in die Hände gespuckt

Fließbänder sind gnadenlos. Sie hängen ältere Arbeiter einfach ab. Viele gehen mit mickrigen Summen in Frührente, die Arbeitgeber finden kaum Ersatz. Autobauer wie VW und Audi suchen Alternativen zum Akkord und setzen auf Versetzung - neue Jobs für alte Mitarbeiter.

DPA

"Wenn früh am Morgen die Werksirene dröhnt
und die Stechuhr beim Stechen lustvoll stöhnt,
dann hat einen nach dem ander'n die Arbeitswut gepackt,
und jetzt singen sie zusammen im Arbeitstakt-takt-takt-takt-takt-takt-takt...
Ja, ja jetzt wird wieder in die Hände gespuckt,
Wir steigern das Bruttosozialprodukt."

(Bruttosozialprodukt, Geier Sturzflug, 1982)

387 Wiederholungen ergeben einen Arbeitstag. Viele Jahre lang galt diese Gleichung für Peter Kaiser, 55. Mit den immergleichen Schleifen stand er im Volkswagen-Stammwerk am Band. Für einen Arbeitstakt hatte er 60 Sekunden, dann begann alles wieder von vorn, 387 Mal in einer Schicht. Mal früh, mal mittel oder spät. "Die Arbeit war nicht unbedingt körperlich schwer, schwer war der starre Takt", sagt Kaiser.

Nach 13 Jahren Akkord am Band tat ihm der Rücken weh, der Kreislauf lief nicht im Kreis, er hatte keinen Appetit mehr. Kaiser bekam ernsthafte gesundheitliche Probleme, er war zu einem "Leistungsgewandelten" geworden. So nennen Wirtschaftskapitäne in euphemistischem Jargon Menschen, die weniger produktiv sind als früher, aber eigentlich noch arbeiten können. Um sie wieder fit zu machen, haben sich Manager ein neues Konzept ausgedacht: Versetzung heißt das Zauberwort.

Verschleiß nach Jahrzehnten am Band

Peter Kaiser wechselte vom Band ins neue Logistikzentrum der Firma. "Ich habe mich hier sofort gefühlt wie im Paradies", sagt er. Ein Sanatorium sei sein neuer Arbeitsplatz aber nicht. "Auch wir haben Vorgaben, was zu schaffen ist." Allerdings: "Wenn der Kreislauf doch mal wieder verrückt spielt, kann man hier eben auch mal draußen frische Luft schnappen."

Woanders statt gar nicht arbeiten, so lautet das neue Motto. "Altersgerechte Beschäftigung" nennt es die IG Metall. "In vielen Betrieben sind gesundheitsverschleißende Arbeitsbedingungen nicht zu übersehen", sagt Gewerkschaftsvorstand Hans-Jürgen Urban. Hier sei "demografiesensible Personalpolitik" gefragt. Und die zahle sich auch für die Unternehmen aus, meint die Bundesarbeitsgemeinschaft für Rehabilitation: "Mitarbeiter, die auch bei ihren gesundheitlichen Problemen unterstützt werden, sind motiviert und erzielen bessere Arbeitsergebnisse."

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Übersicht: Welche Fachleute die Autobranche sucht
Laut Rentenversicherung gehen seit 2004 wieder mehr Menschen früher als gewollt in den Ruhestand. Wegen "verminderter Erwerbsfähigkeit" gab es allein im jüngsten Berichtsjahr 2011 rund 180.000 Rentenneuzugänge - so viele Einwohner hat Saarbrücken. 596 Euro pro Monat zahlt die Kasse diesen Rentnern im Schnitt. Das sind nur rund 200 Euro mehr als Hartz IV.

Beim Delegiertenkongress der Gewerkschaft IG BCE diese Woche in Hannover gab es eine bemerkenswerte Szene. Kanzlerin Angela Merkel (CDU) sagte in ihrer Gastrede: "Wir werden unbedingt etwas tun müssen bei einer verbesserten Erwerbsminderungsrente." Applaus übertönte ihre weiteren Worte. "Altersarmut" war noch zu hören. Längst von Bundestag und Bundesrat beschlossen ist aber auch eine Verlängerung der Lebensarbeitszeit, Rente gibt's fortan erst mit 67.

Ältere Arbeiter kommen zur "Silver Line"

Volkswagen ist überzeugt, dass sich das 26 Millionen teure Projekt Logistikhalle rechnet. Ursprünglich wollte der Autobauer das Zentrum zwar von der eigenen Immobilientochter bauen, aber von einer Fremdfirma betreiben lassen. Dann verzichtete der Konzern doch aufs Outsourcing. Nur Hebebühnen, -kräne und Packhilfen mussten extra für die neuen Alten angeschafft werden. "Schon Mitte 2014 haben wir diese Mehrkosten wieder drin", sagt Astrid Lühring, Chefin der internationalen Materiallogistik bei VW. Dann ist das Projekt keine zwei Jahre alt.

Stephan Weil (SPD), Niedersachsens Ministerpräsident und VW-Aufsichtsrat, lobt das Wolfsburger Projekt: "Das ist das beste Beispiel von Inklusion auf dem ersten Arbeitsmarkt, das ich bislang kennengelernt habe." Und VW-Betriebsrat Mike Sempf jubelt: "Wertschöpfung und Wertschätzung gelingen hier gleichermaßen."

Bei Mercedes und Audi gibt es ähnliche Projekte. 2009 hatte eine Betriebsratsumfrage bei Mercedes in Bremen ergeben, dass drei von vier Beschäftigen sich nicht vorstellen konnten, noch bis zur Rente durchzuhalten. Bei Audi schickt man ältere Mitarbeiter zur "Silver Line", dem Band für den Sportwagen R8.

Dort machten sie keinesfalls "leichtere Arbeit", sie hätten nur mehr Zeit, erklärt Audi. Der R8 sei ein komplexes Luxusmodell, dafür brauche man Erfahrung. "Gleichzeitig bedeuten die längeren Arbeitstakte auch eine reduzierte körperliche Belastung für die Mitarbeiter", so der Autobauer. Zwei Fliegen mit einer Klappe also.

"Wenn sich Opa am Sonntag auf sein Fahrrad schwingt
und heimlich in die Fabrik eindringt,
dann hat Oma Angst,
dass er zusammenbricht,
denn Opa macht heute wieder Sonderschicht."

Heiko Lossie/dpa/vet

insgesamt 41 Beiträge
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Kauzboi 19.10.2013
1. Erstaunlich
Hätte nicht gedacht, dass ausgerechnet die Automobilindustrie erst jetzt dahinter kommt, dass Arbeitsplatzrotation ein wunderbares Konzept zur erhalten der Arbeitskraft ist. Das kann man übrigens auch noch ausbauen.
WernerT 19.10.2013
2. Was ist daran neu?
Schon vor 150 Jahren wurden die ALTEN Arbeiter auf Positionen verschoben, die weniger körperlich anstrengend waren, dafür aber meist mehr Erfahrungen forderten. Noch vor 30 Jahren gab es in vielen Unternehmen Positionen, die von älteren Mitarbeitern besetzt werden konnten, die nicht mehr so leistungsfähig auf ihrem Gebiet waren, es wurden Erfahrungen weitergegeben oder Verwaltungsaufgaben im Unternehmen gehalten - dann kam die Frühverrentungswelle und plötzlich wurden Leute mit 50 aus dem Unternehmen geworfen. Ich kenne große Unternehmen, die nicht einmal wussten, wie der Regelrentenfall zu behandeln ist.
mgolen 19.10.2013
3.
Aus diesen Gründen war ich immer gegen eine allgemeine Rente mit 67. Erst führt man sie ein und jetzt wundert man sich, dass Leute ab einem bestimmten Alter nicht mehr alles machen können? Es gibt wirklich eine Menge Jobs, die nicht mehr geeignet sind, sobald man ein bestimmtes Alter erreicht. Fließbandarbeit ist nur ein Beispiel, aber es gibt viel mehr Menschen, die körperliche Arbeit machen. Die kann man nicht mit denjenigen vergleichen, die nur den ganzen Tag lang an einem Schreibtisch sitzen müssen, vielleicht Beamte sind, und bei denen es nicht so wichtig ist, wenn die Produktivität ein wenig mit dem Alter sinkt. Es ist in Ordnung, wenn diese großen Unternehmen Alternativen für ihre älteren Mitarbeiter finden, aber das wird nicht in jedem kleinen Handwerksbetrieb möglich sein. Was passiert mit diesen Menschen?
niroclean 19.10.2013
4. 50+ Mitarbeiter sind wertvoll für die Unternehmen
Die Tragik liegt doch allein an dem bisher verfolgten Jugendwahn in allen Bereichen. Sicher, es gibt körperlich anstrengende Tätigkeiten die sind von einem über 50 jährigen nur noch schwerlich zu leisten, allerdings gibt es dafür den großen Erfahrungsschatz, die Selbstorganisation und die Zuverlässigkeit älterer Arbeitnehmer. Am richtigen Einsatzort im Unternehmen können diese Fähigkeiten dem Unternehmen bis zum Regelrentenalter des Arbeitnehmers wirklich gute Dienste leisten - zumal in Zukunft viele Unternehmen froh sein werden wenn sie überhaupt noch Mitarbeiter für bestimmte Tätigkeiten bekommen. Der drastische Nachwuchsmangel kommt ja erst noch und alle die es irgendwie zum Abitur schaffen können absolvieren vielfach auch ein Studium und werden sich dann kaum für die nicht so prestigeträchtigen Tätigkeiten in der Industrie begeistern. Die Arbeitgeber täten gut daran schon jetzt vermehrt wieder auf 50iger zu setzen dann hätten sie bei fairer Behandlung und Bezahlung zumindest für die nächsten 10-15 Jahre dankbare , zuverlässige und loyale Mitarbeiter. PS. Ich, selber 50, sitze nach 10 jähriger Selbständigkeit (Aufgabe wegen Internetkonkonkurrenz) und nachfolgen etwa 80 erfolglosen Bewerbungen (vom Hausmeister bis zum Abteilungsleiter) als gelernter Metallfacharbeiter mit Meisterbrief und Weiterbildung zum Technischen Betriebswirt, Zuhause und habe es aufgegeben mich weiter zu bewerben. Die fadenscheinigen Absagen (wenn überhaupt mal welche erfolgen) - muss ich nicht auf Dauer haben. Ich baue derzeit einen Onlineshop auf und der erfolgreiche Start damit gibt mir Hoffnung in Zukunft davon leben zu können (um es vorweg zu nehmen - ich nehme keinerlei staatliche Hilfe in Anspruch).
FNagel 19.10.2013
5. Warum Henry Ford so ungewöhnlich hohe Löhne zahlte
Er tat es nicht, wie die Legende sagt, um die Kaufkraft seiner Arbeiter zu verbessern, sondern deshalb, weil die meisten den Fließbandjob als Zumutung empfanden und davonliefen. Nur gegen entsprechend hohe Entschädigung ließ sich eine Minderheit zum Weitermachen bewegen. Eine Henry-Ford-Biographie berichtet: "So great was labor's distaste for the new machine system that toward the close of 1913 every time the company wanted to add 100 men to its factory personnel, it was necessary to hire 963." (Aus: Keith Sward, The Legend of Henry Ford, 1948, S. 49, zitiert nach: Matthew B. Crawford, Shop class as soulcraft: an inquiry into the value of work, Penguin, 2009, S. 41-42. Deutsche Ausgabe: Ich schraube, also bin ich, Ullstein 2010)
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