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16. Juli 2012, 09:46 Uhr

Kriselnde Autobauer

Jobchancen in der Abwrackbranche

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Opel in Not, Peugeot auf Schrumpfkurs - die Autoindustrie ist ein Krisenschauplatz. Trotzdem gibt es in dieser Branche viele zukunftssichere Jobs, wenn man das Richtige gelernt hat. Gesucht werden Software-Spezialisten und Chemiker, die nicht auf den Mund gefallen sein sollten.

Sie hat einen Doktor in Chemie und ein Faible für Nachhaltigkeit: Die Türen zur Alternativenergie-Branche stünden für Jennifer Dungs, 36, weit offen. Doch vor zwölf Jahren entschied sich die Amerikanerin für einen Arbeitgeber, über den sich andere Chemie-Absolventen wundern: den Autohersteller Ford. Anfang 2011 ist Dungs von Michigan nach München umgezogen und arbeitet nun für BMW als Projektleiterin im Bereich Antriebsforschung und Energieträger.

Dungs untersucht unter anderem die Verwendung von Biotreibstoffen und baut ein weltweites Forschungsnetzwerk über Antriebstechnik auf. Eine Chemikerin als Antriebstechnikerin - das ist eine ungewöhnliche Rolle. Dungs fühlt sich damit sehr wohl: "Ich habe hier die Möglichkeit, neue Böden zu beackern."

Leute wie Dungs stehen derzeit bei Autoherstellern hoch im Kurs. Die Branche befindet sich im Umbruch. Die Kapazitäten der europäischen Fabriken liegen seit Jahren viel zu hoch, Programme wie die Abwrackprämie haben das Problem überdeckt. Doch inzwischen wird die Krise offenbar: Der sieche Hersteller Opel hat soeben seinen Chef verloren, PSA Peugeot Citroën entlässt 8000 Mitarbeiter. Gleichzeitig schreiben große Hersteller wie Volkswagen, die in China und den USA stark vertreten sind, üppige Gewinne.

Auch technisch wird es nicht weitergehen wie bisher: Verbrennungsmotoren müssen in den nächsten Jahren deutlich sparsamer werden. Die Entwicklung alternativer Antriebe vom Elektro- bis hin zum Wasserstoffauto verschlingt zusätzliche Milliarden. Um mit weniger Sprit auszukommen, sollen die Fahrzeuge abspecken, durch neue Materialien wie Verbundfasern.

So kommt es zu der paradoxen Situation, dass sich trotz der Krisensignale die großen Autokonzerne um Ingenieure, Konstrukteure und neuerdings auch IT-Experten reißen. "Wir suchen Ingenieure mit Kompetenzen für die wichtigen Zukunftstechnologien", sagt BMWs Recruiting-Chef Michael Albrecht. Dazu zählt Albrecht all jene, die sich etwa mit Elektromobilität, Batterietechnik oder Leichtbau auskennen. Von den derzeit 600 ausgeschriebenen Akademikerstellen bei den Bayern entfallen vier Fünftel auf Ingenieure.

Mit offenen Armen empfängt BMW aber auch Software-Entwickler und Naturwissenschaftler, die an neuen Materialien forschen oder mit Batteriechemie umgehen können. Ein wichtiges Thema ist die Vernetzung von Fahrzeugelektronik mit Smartphones und dem Internet. Dafür werden Informatiker gesucht, aber auch Leute, die Bedürfnisse künftiger Kunden analysieren und in konkrete Projektbeschreibungen umsetzen können.

Auch Europas größter Autohersteller Volkswagen stockt sein Personal auf. "Wir haben bis jetzt sehr kräftig eingestellt", sagt Ralph Linde, Leiter Konzern-Personalentwicklung von Volkswagen. Die Wolfsburger suchen Spezialisten für Elektroantriebe und -technik. Gefragt sind bei VW auch Fertigungstechniker, denn die Wolfsburger wollen bis 2018 zum größten und profitabelsten Autohersteller der Welt aufsteigen - dazu muss die Fertigung noch effizienter werden.

Im Süden sind die Gehälter höher

Gutes Englisch setzen die großen Automobilkonzerne bei ihren Ingenieuren längst voraus, Auslandspraktika werden gerne gesehen. Tüftler, die im stillen Kämmerlein monatelang an Lösungen brüten, haben in den Entwicklungsabteilungen der Großkonzerne keine Chance. Gefragt sind Teamarbeiter, die analytisch denken, ihre Erkenntnisse aber auch gut kommunizieren können. "Ingenieure müssen persönliche Netzwerke aufbauen und sich einbringen. Den Nerd, der in seinem Büro sitzt, kann man in der Automobilindustrie vergessen", meint Harald Proff, Geschäftsführer der Automotive-Sparte des Personalberaters Kienbaum.

Die Arbeitsweise ändert sich, die Absolventen auch. "Heute gibt es weniger Ellbogentypen. Die meisten wollen lieber eine positive Zusammenarbeit", sagt Christian Richter von der Personalberatung select if, die sich auf die Vermittlung von Ingenieuren spezialisiert hat. Den Arbeitgeber wechseln Ingenieure seltener wegen eines höheren Gehalts, hat er beobachtet. Seine Klienten lassen sich eher mit einer neuen Aufgabenstellung, dynamischeren Teams oder besseren Weiterbildungsmöglichkeiten ködern.

Das liegt auch daran, dass Ingenieure ohnehin schon mit guten Gehältern ins Berufsleben starten - bei einem deutlichen Nord-Süd-Gefälle. Im Norden Deutschlands können Absolventen gefragter Studienrichtungen knapp unter 40.000 Euro Jahresgehalt verlangen. Im Süden erhalten Mechatronik- oder Robotik-Spezialisten Anfangsgehälter von bis zu 55.000 Euro pro Jahr.

Für das Geld wird einiges erwartet, die Branche sei "kein Ponyhof", warnt Kienbaum-Mann Proff. Bei den Autoriesen ist die Konkurrenz hart. Und wer ins Management aufsteigen will, muss ein paar Jahre im Ausland verbringen. Dazu sind nicht alle bereit.

Dennoch werden BMW, Daimler, Porsche oder Audi in den nächsten Jahren keine Probleme haben, offene Stellen zügig zu besetzen, sagt Proff. Klangvolle Automarken ziehen Ingenieure nach wie vor an. Schwerer tun sich die Zulieferer. Sie treiben etwa mit der Entwicklung neuer Assistenzsysteme die Innovationen in der Autoindustrie voran, doch ihre Unternehmensnamen kennen längst nicht alle Absolventen. Deshalb spüren sie schon den vielzitierten Fachkräftemangel, der die großen Konzerne einstweilen verschont. Die größeren Zulieferer setzen daher auf Kooperationen mit Universitäten und ködern Schüler mit dualen Studiengängen.

Erste Schwierigkeiten mit dem Nachwuchs hat auch ein anderer Teilbereich der Branche, der Autohandel. Im vergangenen Jahr liefen die Geschäfte gut, die Umsatzrendite im Automobilhandel stieg über zwei Prozent. Doch qualifizierte Mechaniker und Verkäufer zu finden, fällt den Händlern offenbar schwer.

Deutschlands fünftgrößter Autohändler, die Weller-Gruppe, reagiert darauf mit einem besonderen Familien-Angebot: Weller garantiert den Kindern seiner fast 2000 Mitarbeiter einen Ausbildungsplatz innerhalb des Unternehmens.

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