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Billiglöhner im Förderprogramm Schuften für 316 Euro im Monat

Er arbeitete 40 Stunden pro Woche und bekam weniger als ein Hartz-IV-Empfänger. Hasan Aydin geriet in ein Ausbildungsprogramm für benachteiligte Jugendliche - dort häufen sich jetzt Klagen.
Hasan Aydin schraubt bei seinem neuen Ausbilder Regale zusammen

Hasan Aydin schraubt bei seinem neuen Ausbilder Regale zusammen

Foto: SPIEGEL ONLINE

Es war der Traum von einer eigenen Küche, der Hasan Aydin dazu brachte, die Schule abzubrechen. Das ist ein toller Beruf, da lernst du, wie man Küchen montiert, hatte sein Schwager gesagt. Aydin stellte sich vor, wie er Regale zimmert, Strom und Wasser anschließt, "eine Küche baut". Das würde ihm Spaß machen. Mehr Spaß als Schule. Also schrieb der damals 18-Jährige eine Bewerbung, für einen Ausbildungsplatz als Fachkraft für Möbel-, Küchen- und Umzugsservice in Bielefeld. Aydin ist stolz darauf, gebürtiger Bielefelder zu sein.

Die Adresse der Firma hatte ihm sein Schwager gegeben. Die nehmen dich auf jeden Fall, hatte er gesagt. Und Aydin wurde genommen - für 316 Euro im Monat. Laut Tarifvertrag hätte ihm mehr als das Doppelte zugestanden. "Ich wusste nicht, wie viel ein Azubi verdient", sagt Aydin. "Ich wusste nicht, dass auch andere Firmen so eine Ausbildung anbieten. Ich habe mich nicht informiert. Und die haben mich verarscht."

"Die", das sind die Kurz-Um-Meisterbetriebe, ein gemeinnütziger Verein aus Bielefeld, der nun zum dritten Mal von Lehrlingen auf Lohnnachzahlung verklagt wird. Im April 2015 sprach das Bundesarbeitsgericht in einem ähnlichen Fall einem Azubi eine Nachzahlung von 22.000 Euro zu. Der Status der Gemeinnützigkeit allein reiche nicht als Begründung, um Azubi-Gehälter zu rechtfertigen, die mehr als 20 Prozent unter den tariflichen Sätzen liegen, so die Richter.

Auszug aus der Satzung der Kurz-Um-Meisterbetriebe, §2.2+3

"Zweck des Vereins ist die Unterstützung, berufliche Bildung und Eingliederung von Langzeitarbeitslosen und hilfebedürftigen Personen mit Vermittlungshemmnissen, insbesondere von Jugendlichen und jungen Erwachsenen ohne Ausbildung, Minderqualifizierten ohne Berufsabschluss, Schwerbehinderten, psychisch Kranken, MigrantInnen, älteren Langzeitarbeitslosen und BerufsrückkehrerInnen."

Stand: 22.04.2016

Dass er viel weniger verdient als andere angehende Fachkräfte für Möbel-, Küchen- und Umzugsservice, merkte Aydin erst nach einem Dreivierteljahr. In der Berufsschule erzählten seine Mitschüler von Überstundenprämien und Sonderzulagen, "die hatten bis zu 1000 Euro im Monat", sagt der junge Mann und seine breite Brust beginnt zu beben. "Da bin ich voll sauer geworden."

Von den 316 Euro wurden ihm 42,80 Euro für die Monatskarte für den Nahverkehr abgezogen - blieben 273,20 Euro, von denen Aydin seinen Eltern 100 Euro als Mietzuschuss gab. Er wäre gern mit seiner Freundin zusammengezogen, aber: "Das Geld hat einfach nicht gereicht."

Es war seine Freundin, die ihn fragte, ob er nicht den Betrieb wechseln könne. So kam er zu Georg Kramer, Bielefelder Möbelspediteur in der vierten Generation. "Hasan hat ein nettes Auftreten, ist handwerklich geschickt, hat den Führerschein - so jemanden nehme ich doch mit Kusshand!", sagt Kramer. Jahr für Jahr suche er händeringend nach Azubis. "Ich bin froh um jeden, der zu mir kommt."

Georg Kramer sucht dringend Auszubildende

Georg Kramer sucht dringend Auszubildende

Foto: SPIEGEL ONLINE

Kramer stellte Aydin zum Tarifgehalt ein - und vermittelte ihm einen Anwalt. Über die Kurz-Um-Meisterbetriebe ärgert er sich schon seit Langem, weil sie als gemeinnütziger Verein nur sieben statt 19 Prozent Umsatzsteuer zahlen müssen und schon viele städtische Ausschreibung gewonnen haben. Wettbewerbsverzerrung sei das, klagt Kramer. "Und die jungen Leute werden auch noch systematisch ausgenutzt."

Der Verein orientiert sich bei den Azubi-Gehältern nicht am Tarifvertrag, sondern an den Zuschüssen, die die Bundesagentur für Arbeit für die "Berufsausbildung in außerbetrieblichen Einrichtungen" zahlt, kurz BaE.

Berufsausbildung in außerbetrieblichen Einrichtungen

In der aktuellen Stellenausschreibung  steht davon nichts. Dort heißt es nur: "Unsere Azubis werden in tollen Teams von erfahrenen Fachkräften bei der praktischen Ausbildung betreut und erhalten neben der Berufsschule auf Wunsch Stützunterricht."

Aydin wollte keinen Stützunterricht. Trotzdem musste er zusammen mit den anderen Kurz-Um-Azubis nach der Berufsschule zur Nachhilfe. Obwohl ihm auch der Betrieb "weit überdurchschnittliche Leistungen" bescheinigte. Dass er auch einen regulären Ausbildungsplatz hätte bekommen können, sagte ihm niemand.

Anke Schmidt sieht unter ihren Azubis viele Härtefälle

Anke Schmidt sieht unter ihren Azubis viele Härtefälle

Foto: SPIEGEL ONLINE

Kramer beschäftigt mittlerweile außer Aydin sechs ehemalige Kurz-Um-Azubis. Für Geschäftsführerin Anke Schmidt ein Beweis ihrer hervorragenden Ausbildung. Ziel sei es schließlich, schwer vermittelbare Jugendliche in Lohn und Brot zu bringen. Aber Kramer bezweifelt, dass auch nur einer von ihnen schwer vermittelbar gewesen wäre.

Aydin sagt, viele seiner ehemaligen Azubi-Kollegen würden gern ihre Ausbildung woanders zum Tarifgehalt weiterführen. Aber sie blieben aus Angst: Der Betriebsleiter der Kurz-Um-Umzugsprofis sitzt im Prüfungsausschuss der IHK. Auch Aydin wird ihm in wenigen Wochen bei seiner Abschlussprüfung gegenüberstehen. Er hat keine Angst. "Ich weiß, was ich kann."

Die Kurz-Um-Betriebe haben Aydin noch vor dem Verhandlungstermin vor dem Bielefelder Arbeitsgericht 3157,13 Euro für die zehn Monate nachgezahlt, die er bei ihnen gearbeitet hat. Im Schreiben des Anwalts heißt es, Aydin stelle "insofern einen Ausnahmefall dar, als dass er nicht über eine Maßnahme des Arbeitsamts zu Kurz-Um kam, sondern aufgrund einer eigenständigen Bewerbung. Gleichwohl gehörte er zur Zielgruppe des Satzungsauftrags".

Wer sich mit dem jungen Mann unterhält, kriegt nicht den Eindruck, er sei besonders schwer vermittelbar.

Kurz Um-Geschäftsführerin Schmidt sagt, sie wolle ihre Azubis nicht schlechtreden, aber es seien viele Härtefälle dabei. Zum Beweis hat sie die Lebensläufe dreier Azubis ausformuliert. Alle drei haben einen Migrationshintergrund, zwei haben Schulden, einer ist spielsüchtig. Auch die Krankheitstage hat Schmidt aufgelistet. Zweimal 58 Tage, einmal 84 Tage.

Für Schmidt ist der hohe Krankenstand der Azubis "ein Zeichen von mangelndem Durchhaltevermögen und anderen Schwierigkeiten". Hasan Aydin sagt, es sei der Versuch, durch weniger Arbeit indirekt den Stundenlohn zu erhöhen. "Es melden sich ständig alle krank. Für 270 Euro schuftet doch keiner."

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