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Auslands-Azubis: Sofas gurten in Irland

Foto: Anne Passow

Während der Ausbildung ins Ausland Allein unter Azubis

Maike Kroschowski hat bei einer Firma in Irland gearbeitet. Als Auszubildende gehört sie damit zu einer seltenen Spezies. Bei Studenten gehören Auslandsaufenthalte dazu, Auszubildende bleiben lieber daheim. Dabei gibt es Förderprogramme - allerdings wissen nur die wenigsten davon.
Von Anne Passow

Sofagestelle gurten und Schaumstoff zusägen - jeden Tag. Während ihrer ersten Woche in Irland hatte Maike Kroschowski, 23, manchmal das Gefühl, die Arbeitszeit dort würde überhaupt nicht vergehen - ihr war langweilig. "Irgendwann hat meine Chefin aber gemerkt, dass ich mehr kann und ich durfte eine Fußbank beziehen. Danach hat sie mich einfach machen lassen."

Selbstbewusstsein hat die Auszubildende zur Raumausstatterin auf jeden Fall von ihrem Aufenthalt in Irland mitgebracht. Drei Wochen lang arbeitete sie im Januar in einer Firma in Cork. Ihr Chef hatte sie auf die Idee mit dem Auslandspraktikum gebracht. "Es war eine Belohnung für ihre gute Leistung. Ich will sie so stärker an die Firma binden", sagt Alexander Hahlbeck, Inhaber der Raumausstattung Pöppel in Lübeck. Als junger Raumausstatter war er selbst im Ausland und weiß, wie motivierend so eine Erfahrung wirken kann. Schon vor dem Irland-Aufenthalt hatte er seine Auszubildende zu französischen Kollegen nach Poitiers geschickt. "Sie wissen dort sehr viel über historische Möbel. Ich habe viele Tricks und Kniffe gelernt", sagt Kroschowski.

Nur wenige Azubis sammeln Erfahrungen im Ausland. Von 2007 bis 2009 gingen laut der Nationalen Agentur Bildung für Europa drei Prozent aller deutschen Auszubildenden und Berufsfachschüler für ein Praktikum oder eine Fortbildung ins Ausland. Im Vergleich zu Studenten ist das wenig. Während seiner Hochschulzeit sammelt jeder Fünfte Auslandserfahrung. Dabei ist es von Politik und Wirtschaft gewollt, dass mehr Lehrlinge über den Tellerrand schauen. Die Handwerks- sowie die Industrie- und Handelskammern, der Bund und die Europäische Union stecken viel Geld in Beratungsprojekte und Förderprogramme. Das bekannteste ist "Leonardo da Vinci", mit dem Azubis für drei Wochen bis neun Monate ins Ausland gehen können.

"Man müsste die Azubis direkt ansprechen"

Warum also bleiben die Azubis lieber zu Hause? "Einige fühlen sich mit 16 oder 17 Jahren vielleicht noch zu jung", vermutet Jacqueline März, Referentin für Mobilitätsberatung des Deutschen Industrie- und Handelskammertags. Für viele kleine Unternehmen sei es außerdem kaum zu machen, einen Monat auf die Arbeitskraft des einzigen Lehrlings zu verzichten. Dennoch wissen zu wenig Auszubildende von dem Angebot.

"Viele Betriebe möchten ihre Auszubildenden nicht wegschicken und erzählen ihnen deshalb nichts von dieser Möglichkeit", sagt Raumausstatter Alexander Hahlbeck. Maike Kroschowski bestätigt das: "Wenn mich mein Chef nicht auf die Idee gebracht hätte, hätte ich das nicht gewusst." Kroschowski kritisiert, dass der Deutsche Industrie- und Handelskammertag vorrangig die Unternehmen über die Praktika informiert. "Man müsste viel mehr Werbung machen und die Azubis direkt ansprechen", sagt sie. Jacqueline März sieht das anders. "Die Unternehmen müssen schließlich dem Auslandsaufenthalt zustimmen und die Vergütung weiterzahlen", betont sie.

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März glaubt aber, dass sich das Angebot langsam durchsetzt. Immerhin stieg die Zahl der Mobilitätsberatungen ihrer Kollegen von 2010 (15.000 Beratungen) auf 2011 (22.000 Beratungen) fast um die Hälfte. "Oft zögern kleine Unternehmen, bis sie einen Azubi schicken", so März. Dann aber blieben sie dabei. Denn die Investition zahlt sich aus - vor allem für Unternehmen, die im Export tätig sind. "Da brauchen sie Mitarbeiter, die die Gepflogenheiten und die Arbeitswelt des Landes kennen", sagt März. Zudem kämen die Lehrlinge selbstbewusster zurück und lernten andere Arbeitsabläufe und landestypische Besonderheiten ihres Berufes kennen.

Steckverbindungen als Gastgeschenk

Jan-Peter Seideneck, 27, kam bei seinem dreiwöchigen Praktikum dieses Frühjahr in Dänemark auf ganz neue Ideen. Dort sei die Kabelführung für Deckenlampen viel übersichtlicher, erzählt der Elektroniker-Azubi für Energie- und Gebäudetechnik. "In Deutschland sind die Abzweigdosen oft unter den Tapeten versteckt. So findet man sie kaum wieder." Auch andersherum funktionierte der Austausch. Seinen Kollegen in Nykøbing brachte er spezielle Steckverbindungen für Stromleitungen aus seinem Lübecker Unternehmen mit. "Die waren begeistert", erzählt er.

Eine weitere Möglichkeit für einen Auslandsaufenthalt besteht mit dem bilateralen Programm der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ). Im Auftrag des Bundesministeriums für Bildung und Forschung betreut die GIZ Austausche mit den Niederlanden und Norwegen. "Wir vermitteln allerdings nicht einzelne Auszubildende", erklärt Sabine Bartz, die das Programm mitorganisiert. Vielmehr müsse die Firma den Antrag auf den Austausch stellen.

"Der zeitliche Vorlauf beträgt bis zu einem Jahr", sagt Bartz. Dann könnten mehrere Azubis eines deutschen Betriebs für ein Praktikum von drei bis zwölf Wochen in die Niederlande oder nach Norwegen fahren - und dabei finanzielle Unterstützung bekommen.

Dort machen sie dann vielleicht ähnliche Erfahrungen wie Maike Kroschowski. Sie war erstaunt, mit welchen einfachen Werkzeugen und unter welchen Umständen ihre Kollegen in Irland arbeiteten. Die Werkstatt in Cork war in einer Scheune untergebracht, in der es im Januar sehr kalt war. "Wir saßen in Winterjacken vor den Nähmaschinen." Sie genoss ihre Zeit auch wegen der lockeren Art ihrer Kollegen. "Zwischendurch gab es öfter mal einen Kaffee und einen Schwatz", erzählt sie. Kroschowski ist auf den Geschmack gekommen. Ab August 2012 plant die Gesellin eine einjährige Australienreise.

Jan Seideneck macht im Winter erst mal seine Gesellenprüfung, anschließend plant er seinen Meister. Und dann? Der Lübecker hat gehört, dass Elektroniker in Dänemark das Doppelte verdienen. Also Auswandern? "Das ist auf jeden Fall eine Überlegung wert", sagt er.

KarriereSPIEGEL-Autorin Anne Passow (Jahrgang 1979) hat in Leipzig und Lima (Peru) Hispanistik, Germanistik und Journalistik studiert. Seit 2010 arbeitet sie als freie Journalistin in Hamburg und Umgebung.

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