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05. Juli 2013, 06:29 Uhr

Fashion Week Berlin

Die Turbo-Friseure

Von Sarah Tschernigow

Sie toupieren, tönen, föhnen und bekommen dafür keinen Cent. Trotzdem reißen sich Friseure um Jobs auf der Fashion Week. Diese Akkordarbeit gilt als Ritterschlag. Und daheim sind die flinken Modewoche-Stylisten die Könige einer Billigheimer-Branche.

André Märtens hält ein Haargummi hoch, damit es alle sehen können. Durchsichtig ist es, ein sogenanntes Klarsichtgummi. Für die Friseure um ihn herum ist der Anblick nicht neu, sie haben alle schon viel Berufserfahrung, einige sogar eigene Friseurläden. Trotzdem bekommen sie jetzt von Märtens eine Gebrauchsanweisung: "Zieht das Haar nicht allein da durch, sondern macht das zu zweit. Achtet darauf, dass die Haare am Hinterkopf glatt sind."

Märtens ist Cheffriseur der Berliner Fashion Week. An einem Model demonstriert er, wie er sich das Haarebinden vorstellt: "Gerade die Neuen, guckt genau, was ich hier mache! Greift das Haar von unten, sonst reißt alles auf."

Bevor das Team von rund 25 Friseuren loslegt, wird jedes Styling bis in kleinste Detail besprochen. Die Designer haben ein halbes Jahr auf ihre Modenschau hingearbeitet, eine sechsstellige Summe investiert und sind äußerst pingelig, wenn das Ergebnis nicht exakt ihren Vorstellungen entspricht.

Gearbeitet wird im Akkord. Oft sind nur zehn, fünfzehn Minuten Zeit, um aus einer schlaffen Modelmähne eine schicke Hochsteckfrisur zu machen. "Das ist hier wie Brezelbacken in der Großküche. Ein Model nach dem nächsten", sagt Märtens. "Hier geht es nicht darum, eine schöne Frisur zu machen, die dem Kunden sechs Wochen gefällt, sondern um den perfekten Moment", so auch sein Kollege Wolfgang Zimmer, sogenannter Head of Hair.

Wer bei der Fashion Week frisiert, muss bis zu 80 Frisuren auf höchstem Niveau beherrschen - und zwar mit jedem Haar, ob dick, dünn, weich oder spröde. Das setzt Erfahrung voraus und Stressresistenz. Kleine Gruppen arbeiten auf engstem Raum, durch die vielen Lampen ist es warm, die Luft stickig. Es gibt einen Tisch mit belegten Brötchen und Kaffee, aber das meiste bleibt bis zum späten Abend liegen. Keine Zeit.

Achtung heiß: Lockenstab trifft Modelohr

Hektisch wird es, wenn Haarteile fehlen. Wenn der Designer kurz vor Showbeginn Änderungswünsche anmeldet. Oder wenn Models zu spät kommen. Marco Lauster, 46, aus Ludwigsburg ist schon seit mehreren Jahren bei der Fashion Week dabei und kennt die Abläufe. Stressen lasse er sich nicht, sei jedoch in der Hektik schon einmal mit einem heißen Lockenstab an ein Modelohr gekommen: "Das hatte aber keine Konsequenzen", sagt er und lacht. Er liebt das Gewusel, mal rauskommen und zeigen, was man kann. Und die Truppe bei der Fashion Week sei wie eine kleine Familie.

Dominique Kliemt, 34, ist das erste Mal dabei und total aufgeregt. Sie arbeitet in einem renommierten Friseurladen in Karlsruhe und träumt schon lange vom Einsatz in Berlin. Jetzt darf sie sich als Vertretung bewähren. Bei der ersten Frisur ist sie noch etwas zittrig: "Für mich ist es ungewohnt, Frisuren in enger Verbindung mit Mode zu machen, gerade im Stil der fünfziger und sechziger Jahre. Da lerne ich viel dazu."

Geld gibt es für die meisten Friseure bei der Fashion Week nicht. Ein gut gefülltes Konto haben sie trotzdem, denn die Geschäfte, für die sie regulär arbeiten, gehören fast alle zum gehobenen Preissegment. Wenn es richtig gut läuft, gehen sie dort schon mal mit 400 Euro Trinkgeld am Tag nach Hause. Oder sie frisieren für eine Werbekampagne oder ein Hochglanzmagazin - für 2000 Euro am Tag.

8,50 Euro Mindestlohn? Da bleibt die Schere lieber liegen

Der Job bei der Fashion Week gilt als exzellente Schulung und Referenz. "Ich lasse mich von den neuen Trends inspirieren und nehme sie mit in meinen Laden", sagt etwa Haarstylist Roberto Dell'Anna. "Wer kann schon zu seinem Kunden sagen: Wie wäre es mit einem frischen Schnitt von der Fashion Week?"

Der Stuttgarter brennt für seinen Beruf, wie alle hier, und das nennt er sein Erfolgsrezept: "Ohne Engagement und Biss geht heute gar nichts. Man darf nicht so schnell aufgeben, muss viel Zeit investieren und sollte sich nicht in Billigketten bewerben, die immer schlecht bezahlen." Über Friseure, die für drei, vier Euro die Stunde schuften, kann er nur den Kopf schütteln: "Wo man landet, liegt vor allem an einem selbst."

Ab August 2015 soll für Friseure ein flächendeckender Mindestlohn von 8,50 Euro eingeführt werden. Dell'Anna würde nicht mal für zehn Euro Stundenlohn arbeiten gehen. Besonders lukrativ ist für ihn die Aus- und Weiterbildung von Nachwuchsfriseuren. Und für die stünden die Berufschancen gut, meint Head of Hair Wolfgang Zimmer: "Es gibt viele Friseure, aber wenig richtig gute. Die werden händeringend gesucht."

Wer "Power und Motivation" habe, solle sich nicht scheuen, sich auch in renommierten Salons zu bewerben. Und einen Tipp hat er noch: "Egal wie viel Geld ich für meine Arbeit nehme, eine fünfminütige Kopfmassage sollte immer drin sein." Nur die Models müssen darauf verzichten.

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