Ballonpiloten Nichts als heiße Luft

Früher in der IT-Branche hatte er oft mit Nörglern zu tun, heute kutschiert er entspannte Menschen durch die Lüfte. Ballonfahren ist für Tom Stricker Arbeitsalltag und Leidenschaft zugleich. Gute Ballonpiloten sind rar - und wer im Straßenverkehr übel auffällt, erhält keine Luftfahrt-Lizenz.

privat

Von Christopher Krämer


Heute ist ein guter Tag, um in die Luft zu gehen. Tom Stricker braucht dafür gar nicht in den Himmel schauen. Er ist Heißluftballon-Pilot bei der Aero Ballooning Company GmbH, die ihr Geld mit Passagierfahrten und Werbung am Himmel verdient. Stricker kennt die Wettervorhersage für Hamburg genau: Am Nachmittag rund 15 Grad, leicht bewölkt, kein Regen, wenig Wind - gutes Wetter zum Ballon-Fahren.

Startpunkt ist die Moorweide, ein kleiner Park mitten in der Hamburger City. Stricker ist an diesem Nachmittag mit Land Rover und Anhänger vorgefahren. Darin transportiert er, was zum Ballonfahren nötig ist: den Korb und eine knallrote Hülle aus Kunstfasern, Gasflaschen und einen Brenner.

Normalerweise starten Ballons morgens oder abends, weil dann die Aufwinde weniger stark sind. In der kalten Jahreszeit kann man auch nachmittags starten. Dann sind die Sonnenstrahlen schwächer, die für Thermik sorgen. Segelflieger wünschen sich Thermik. Aber beim Ballonfahren ist viel Aufwind ein Problem; bei Turbulenzen kann der Pilot das Sink- und Steigverhalten des Ballons nicht mehr gut steuern. In Deutschland gibt es rund 1600 zugelassene Ballons und etwa 2000 Piloten. Nur etwa 400 verdienen damit hauptberuflich ihr Geld, schätzt Stricker.

Auf der Moorweide begrüßt er die Fahrgäste und verteilt Handschuhe. Zusammen hieven sie den schweren Korb aus dem Anhänger. Dann montiert Stricker den Brenner auf den Korb, kippt ihn auf die Seite und entfaltet die rund 45 Meter lange, rote Hülle. Mit zwei großen Ventilatoren pumpt Tom Stricker die Hülle mit kalter Luft auf, bis sich ein veritables Zelt gebildet hat. Der Brenner heizt die kalte Luft dann auf.

Anderen Flugobjekten besser nicht zu nahe kommen

Warme Luft hat eine geringere Dichte und ist leichter als die kalte Luft außerhalb des Ballons - dank dieses physikalischen Prinzips richtet sich die Hülle langsam auf. Stricker beordert einen Gast nach dem anderen in den noch liegenden Korb. Schließlich zieht die Hülle nach oben, der Korb richtet sich auf. Und als die Leinen gekappt sind, hebt der Ballon sanft vom Boden ab und steigt rasch.

In 400 Metern Höhe wird die Stadt zur Modelleisenbahn-Idylle. Die Gäste zücken die Fotoapparate. Es geht ostwärts. Stricker steht konzentriert in der Mitte des Ballons und bedient den Brenner: "Ich funktioniere hier oben, alle meine Sinne sind gefordert. Das ist ein gutes Gefühl." Lenken lässt sich ein Ballon eigentlich nicht. Stricker kann nur die Winde ausnutzen, die je nach Höhe in unterschiedliche Richtungen blasen.

An Bord ist davon kaum etwas zu spüren, denn der Ballon fährt mit dem Wind. Mit einigen Schnüren, die ins Innere führen, lässt sich der Ballon drehen. Per Funk hält Stricker Kontakt zur Hamburger Flugsicherheit und lässt sich jede Bewegung am Himmel genehmigen. Zwar hat der Ballon Vorfahrt vor anderen Teilnehmern im Luftfahrverkehr. Zu nah kommen will man sich gegenseitig aber lieber nicht.

Stricker ist seit rund zehn Jahren dabei, er machte "mein Hobby zum Beruf". Zuvor hatte der Betriebswirt in der IT-Branche gearbeitet. Irgendwann wurde der Stress zu viel, über seinen Bruder kam er zum Ballonfahren. "Sobald ich im Korb stehe, werde ich ganz ruhig", sagt Stricker. Statt nörgelnden Kunden begegne er hier entspannten Fahrgästen: "Die Leute freuen sich auf mich, wenn wir uns treffen."

Piloten von Ballons und Flugzeugen haben manches gemeinsam

Reich werden kann mit dem Ballonfahren aber nicht. Die Passagiere zahlen Preise zwischen 150 und 200 Euro, denn die Kosten sind hoch: Ein neuer Ballon koste je nach Größe bis zu 100.000 Euro, so Stricker. Und die Hülle müsse nach etwa 600 Fahrten ausgetauscht werden.

Ballonfahren ist in Deutschland stark reglementiert. Wer den Freipilotenschein PPL-D machen will, muss eine umfangreiche Theorie- und eine praktische Prüfung bestehen. Auf Berufspiloten, die zahlende Gäste befördern wollen, wartet eine weitere Prüfung. Der klassische Weg, das Ballonfahren zu lernen, führt über private Flugschulen oder Ballonvereine. Die Schulen sind teuer, bei Vereinen kann sich die Ausbildung in die Länge ziehen. Darum haben Unternehmen es schwer, Nachwuchspiloten zu finden.

"Gute Piloten sind rar", sagt Hans-Joachim Häuser, Geschäftsführer von Skytours Ballooning. Die Kölner Firma beschäftigt rund 50 Mitarbeiter und hat einen Ausbildungsgang für Berufspiloten, nach Skytours-Angaben den einzigen in Deutschland. "Wir orientieren uns an den Airlines", so Häuser.

Tatsächlich erinnert das Modell an das der Fluggesellschaften: Das Unternehmen zahlt eine Vergütung und schießt die Kosten der Ausbildung vor. Dafür verpflichten sich die Piloten, nach bestandener Prüfung einen gewissen Zeitraum im Unternehmen zu bleiben. Jedes Jahr fangen drei neue Auszubildende bei Skytours an. Bis zum ersten Einsatz als Pilot vergehen rund neun Monate. Bewerber müssen über 21 Jahre alt sein, Abitur oder eine abgeschlossene Berufsausbildung haben und über gute Englischkenntnisse verfügen. Der Nachwuchs büffelt dann in sieben Fächern, darunter Meteorologie, Navigation und Luftrecht. Die meisten Bewerber sind Männer. "Wir entscheiden uns aber häufig für die Frauen, die haben ein gutes Gefühl für das Fahren im Wind", sagt Häuser.

Mehrfach als Verkehrssünder aufgefallen? Dann gibt's keine Lizenz

Jungpiloten verdienen rund 2000 Euro im Monat bei etwa 120 Einsätzen im Jahr. Mit Erfahrung und Qualifikation steigt das Gehalt. Zeitlich flexibel, zuverlässig und teamfähig sollen die Bewerber sein. Gesucht sind reife Persönlichkeiten - mit möglichst weißer Weste auch am Boden: Wer mehr als acht Punkte in Flensburg hat, dem verweigert die zuständige Luftfahrtbehörde die Lizenz. Zu alt sollen Kandidaten auch nicht sein. Mit 65 ist Schluss, dann verfällt die Fahrerlaubnis.

Damit muss sich Tom Stricker noch nicht beschäftigen. Mittlerweile ist der 53-Jährige seit fast eineinhalb Stunden mit dem roten Ballon unterwegs und hat etwa 30 Kilometer zurückgelegt. Längst dominieren nicht mehr Dächer, Brücken und fahrende Autos das Bild, sondern Wiesen, Äcker, weidende Kühe. Stricker lässt den Ballon langsam sinken und deutet auf einen Acker hinter einer Baumreihe: "Da hinten landen wir."

Stetig verringert der Ballon seine Höhe. Stricker zieht an einer Schnur, oben im Ballon öffnet sich die Hülle - die warme Luft kann nun schnell entweichen. Leicht schräg setzt der Korb unten auf, macht einen Satz und kommt zum Stehen. Die Gäste klatschen Beifall, Stricker strahlt.

Nach der Ballonfahrer-Taufe - ein Glas Sekt für jeden Fahrgast - fährt Stricker die Gäste mit dem Geländewagen zurück zum Ausgangspunkt. Unterwegs klingelt noch ein paar Mal das Handy, neue Interessenten hätten gern einen Termin. Gestresst ist Tom Stricker nicht am Ende seines Arbeitstages: Er wirkt ganz so, als könnte er den nächsten Start kaum erwarten.

  • KarriereSPIEGEL-Autor Christopher Krämer (Jahrgang 1982) ist Redakteur bei harvardbusinessmanager.de und freier Journalist in Hamburg. Zuvor hat er in Köln und Edinburgh studiert und die Kölner Journalistenschule für Politik und Wirtschaft absolviert.



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fahrgast07 30.11.2011
1. Ballonfahrer-Taufe
Bestand die Ballonfahrer-Taufe wirklich nur aus einem Glas Sekt? Als ich zum ersten Mal fuhr, bekamen wir noch Sekt und Sand in die Haare, dazu einen Ehrennamen der gerade unter uns liegenden Stadt. Und man musste den Schwur leisten, nur noch "Ballon fahren" zu sagen, niemals "fliegen". Jedenfalls ein schöner Artikel, und das Erlebnis einer Ballonfahrt kann ich jedem nur empfehlen!
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