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"Arroganter Haufen" Warum dieser Fliesenleger Siemens- und Audi-Ingenieure als Kunden ablehnt

Besserwisserei und mangelnde Zahlungsmoral: Ein bayerischer Fliesenleger will nicht mehr für Ingenieure von Audi und Siemens arbeiten. Er erstellte eine Ausschlussliste - und ist von den Reaktionen überrascht.
Michael Schmiedl

Michael Schmiedl

Foto: Michael Schmiedl

Weil ihn das Verhalten einiger seiner Kunden verärgerte, ist ein Fliesenleger einen ungewöhnlichen Weg gegangen: Bei seinem Betrieb aus der Region um Ingolstadt müssen sich bestimmte Berufsgruppen mit Auftragswünschen nicht mehr melden. Vor allem Ingenieure von Audi und Siemens.

Michael Schmiedl, Fachmann für Fliesenverlegung, Balkon- und Terrassensanierung im niederbayerischen Landkreis Kelheim, will nicht mehr für bestimmte Berufsgruppen beider Konzerne arbeiten. Er veröffentlichte auf der Webseite seines Betriebs unter der Überschrift "... nicht mehr für Besserwisser" eine Ausschlussliste. "Wir arbeiten nicht für Ingenieure, Doktoranden, Professoren der Firmen Audi und Siemens" ist dort zu lesen. Betreffende Personen könnten sich Anfragen per Mail gleich sparen.

Was war passiert? Der Ausschluss sei aus "betriebswirtschaftlichen Gesichtspunkten" und auf Grundlage von Erfahrungen, "was Zahlungsmoral und Problemkunden betrifft", erfolgt. Das ist zwar schon im Oktober 2016 geschehen, doch nachdem im Dezember laut Schmiedl ein Screenshot seiner Webseite in der Audi-Belegschaft die Runde machte, berichtete der "Donaukurier"  über das Thema, über das im Anschluss auch außerhalb Bayerns gesprochen wurde. Zahlreiche Leser meldeten sich bei Schmiedl. Er erhielt bisher über 2000 Zuschriften.

Anruf bei einem frustrierten Fliesenleger:

SPIEGEL ONLINE: Herr Schmiedl, was haben Ihnen die Audi-Ingenieure getan?

Schmiedl: Sie sind realitätsfremd. Sie fordern Dinge, die technisch nicht zugelassen sind und daher nicht umgesetzt werden können. Es ist beispielsweise vorgekommen, dass Bäder ohne Fugen gefliest werden sollen. Oder jemand sucht sich ein Fliesenmodell mit den Maßen 30 mal 60 Zentimeter aus, misst dann nach und akzeptiert nicht, wenn das fünf Millimeter abweicht. Das ist aber immer so, weil die Fuge bei der Maßangabe mitgerechnet wird. Der Mann hat dann ein Normengutachten in Auftrag geben. Gezahlt wurde auch meist entweder zu spät oder mit Abzügen.

SPIEGEL ONLINE: Aber das sind ja alles Ingenieure. Die kennen sich doch mit der Umsetzung von Plänen aus?

Schmiedl: Nein, das stimmt überhaupt nicht. So ein Automobilingenieur, der hat im Normalfall zwei linke Hände, die können überhaupt nichts. Die können nicht mal einen Nagel in die Wand klopfen. Das sind komplette Theoretiker. Auf dem Papier sieht es immer gut und schön aus, aber der Handwerker weiß, was er tut. Er hat das Vorwissen. Die Pläne, die der Kunde vorab selbst gezeichnet hat, sind so oft nicht umsetzbar.

SPIEGEL ONLINE: Woher wissen Sie, dass ein möglicher Kunde bei Audi arbeitet?

Schmiedl: Meistens merkt man es schon, wenn die berühmte 0841-89-Nummer anruft, die -89 ist praktisch immer Audi. Die meisten Ingenieure führen solche Telefonate von der Arbeit aus, warum auch immer. Da bin ich nicht mehr ans Telefon gegangen. Wir kommunizieren im Betrieb im Vorlauf aber viel via Mail, da konnte ich schlecht einschätzen, mit wem ich es zu tun habe. Das war der Grund, warum ich die Ausschlussliste öffentlich gemacht habe. Ich wollte schon damals nicht mehr für die arbeiten. Und wenn es erst kurz vor Ausführung rausgekommen ist, "Mensch das ist ein Audi-Ingenieur", dann war es für beide Seiten enttäuschend.

SPIEGEL ONLINE: Hat Sie die Resonanz überrascht? Sie haben bereits über 2000 Mails bekommen.

Schmiedl: Ja, das ist schon enorm. Es ging im Dezember damit los, dass jemand die Ausschlussliste abfotografiert und via Messenger-Dienst bei Audi herumgeschickt hat, dann ging es in Bayern rum und schließlich haben es die Medien aufgegriffen.

SPIEGEL ONLINE: Bereuen Sie das?

Schmiedl: Ich bereue das überhaupt nicht. Ich bekomme viele Dankesschreiben, vor allem von Audi-Mitarbeitern. Fast alle sagen: "Endlich sagt es mal einer." Darunter sind auch ein paar Ingenieure. Die sind froh, dass diese Arroganz und dieses Verhalten von oben herab mal angesprochen wird. Selbst machen sie es nicht, weil sie Angst um ihren Job haben. So lese ich das aus den Zuschriften raus.

SPIEGEL ONLINE: Aber ist es nicht riskant, sich eine gut verdienende Klientel zu verprellen?

Schmiedl: So sehe ich das nicht. Das ist eigentlich auch nicht unsere Zielgruppe. Wir machen hauptsächlich Sanierungen und die Audi-Ingenieure wollen eh immer neue Häuser bauen. Die finden in der Region aber keine Handwerker mehr, die für sie arbeiten wollen. Inzwischen ist es sogar schon so, dass Eltern von Ingenieuren bei Betrieben für ihre Kinder bürgen wollen.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es denn gar keine Chance, dass Sie einlenken?

Schmiedl: Doch, auf jeden Fall. Nach den vielen Reaktionen kann ich mir das schon vorstellen. Ich möchte betonen, dass ich nichts gegen die Firma habe. Die Belegschaft ist auch toll. Probleme gibt es nur mit der Ingenieursebene, die einfach zu abgehoben ist. Das ist wirklich ein arroganter Haufen.


Über die Auftragslage muss sich Schmiedl ohnehin keine Sorgen machen. "Die Auftragslage, vor allem für Betriebe des Bau- und Ausbauhandwerks, ist in Bayern derzeit sehr gut, die Auftragsbücher sind voll", sagt Alexander Tauscher, Sprecher des Bayerischen Handwerkstags (BHT).

Seine Kunden dürfe sich jeder Betrieb selbst aussuchen: "Jeder Handwerksbetrieb darf grundsätzlich frei entscheiden, welche Kunden er bedienen möchte, es gilt die Vertragsfreiheit. Das ist eine rein unternehmerische Entscheidung. Genauso können sich Kunden ja auch ihren Auftragnehmer frei aussuchen", so Tauscher. Er ergänzt: "Uns ist derzeit kein Fall wie der in Riedenburg bekannt."

Und Audi? Die Firma, die am Heimstandort Ingolstadt 44.000 Mitarbeiter beschäftigt, verweist darauf, dass die entsprechenden Mitarbeiter in ihrer Freizeit gehandelt hätten.

Bei einer Berufsgruppe geht Handwerker Schmiedl übrigens besonders gern ans Telefon: bei Polizisten. Er schreibt, da liege die "Problemkundenquote bei null Prozent".