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Zum Chef befördert Schluss mit Kumpel

Wenn der Kollege zum Vorgesetzten wird, haben beide Seiten ein Problem. Wie entstehen Respekt und Vertrauen? Ist das Du noch angebracht? Im Interview erläutert Karrieretrainerin Claudia Kimich, worauf es beim Sprung in die Führungsrolle ankommt - und woran viele Chefs scheitern.
Wehe, wenn sie loslassen: Nach der Beförderung geht's nicht weiter wie zuvor

Wehe, wenn sie loslassen: Nach der Beförderung geht's nicht weiter wie zuvor

Foto: Corbis

KarriereSPIEGEL: Bevor Sie sich als Trainerin selbständig gemacht haben, waren Sie Vertriebsleiterin in der IT-Branche. Hatten Sie an Ihrem ersten Tag als Führungskraft weiche Knie?

Kimich: Gar nicht. Mit 15 Jahren habe ich Handballmannschaften trainiert, mit 18 internationale Jugendcamps geleitet. Wenn Sie mit einer Gruppe von 45 Teenagern in der Londoner U-Bahn fertig geworden sind, schreckt Sie der Gedanke nicht, ein Team aus acht Leuten zu führen. Wer Kinder- und Jugendarbeit gemacht hat, kann Führung.

KarriereSPIEGEL: Als Coach lernen Sie Menschen kennen, die mit ihrer Chefrolle nicht zurechtkommen. Was sind typische Fälle?

Kimich: Techniker, die in die Führungsverantwortung hineingeworfen werden nach dem Motto: Du kannst toll programmieren, also kannst du auch führen. Frauen, die sich gegen Männer durchsetzen müssen. Leute, die mit einem Teammitglied um die Beförderung konkurriert haben. Andere kommen aus der Kumpelnummer nicht heraus, sie sind gegenüber ihren Ex-Kollegen befangen. Und es gibt Fälle, da macht jemand Karriere, bloß weil das die Ehefrau oder die Eltern erwarten. Sie glauben nicht, wie fremdgesteuert mancher 40-Jährige ist.

KarriereSPIEGEL: Wie wachse ich in die neue Rolle hinein?

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Chef-Typologie: Superstars, kreative Chaoten, Nichtskönner

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Kimich: Der erste Schritt ist Selbstreflexion. Ich muss mich mit der Führungsrolle auseinandersetzen, ich muss mich fragen, ob sie zu meiner Persönlichkeit passt, welche Ziele ich habe und wo ich meine Grenzen als Führungskraft sehe. Ein Kollege von mir hat einmal gesagt: Führung ist Richtung und Sinn geben, Management ist Verwaltung. Viele stolpern in die Führungsrolle - ohne Richtung, ohne Sinn. Eine professionelle Begleitung kann nützlich sein, aber ich muss sie in meinem Unternehmen einfordern.

KarriereSPIEGEL: Wie begegne ich Mitarbeitern, die gestern noch meine Kollegen waren?

Kimich: Wichtig ist ein Distanzschritt, das heißt, ich stelle klar, dass ein Kapitel der Zusammenarbeit abgeschlossen ist und ein neues beginnt. Das geht leichter, wenn Vorgesetzter und Mitarbeiter vorher nicht per Du waren.

KarriereSPIEGEL: Also zurück zum Sie?

Kimich: Auf keinen Fall, das wäre verletzend. Mit Distanz meine ich, dass klare Verhältnisse geschaffen werden. Dazu bedarf es ganz viel Kommunikation. Jeder frischgebackene Chef sollte nach Möglichkeit mit jedem Mitarbeiter ein Einzelgespräch führen, auch wenn das bedeutet, dass er sich drei Wochen lang jeden Mittag in der Pizzeria verabredet. Wobei ich die Pizzeria immer dem Büro vorziehen würde - da lässt es sich freier reden.

KarriereSPIEGEL: Klingt ganz einfach. Warum scheitern trotzdem viele in einer Führungsposition?

Kimich: Die meisten Führungskräfte sind Sandwich-Manager. Sie kriegen Druck von oben und treten nach unten. Sie haben Angst, etwas falsch zu machen und ihre Position aufs Spiel zu setzen. Die Folge ist ein rücksichtsloser, auf den eigenen Vorteil bedachter Führungsstil. Darunter leidet die Motivation im Team, dann auch die Leistung und der Erfolg. Offenheit hilft dagegen. Ich kann meinem Team sagen: So sehen die Zahlen aus, und wenn wir das in einem Jahr nicht erreicht haben, muss ich einen von euch entlassen. Ein guter Chef zeigt aber auch mal Rückgrat, indem er Druck von oben auffängt, statt ihn sofort weiterzugeben. Er vermittelt seinen Mitarbeitern das Gefühl, dass Fehler passieren dürfen.

KarriereSPIEGEL: Auch ihm selbst?

Kimich: Aber ja! Womit wir beim nächsten Problem sind: mangelnde Kritikfähigkeit. Je höher ich in der Hierarchie steige, desto unwahrscheinlicher ist es, dass mir jemand aufrichtiges Feedback gibt. Top-Managern fehlt oft ein Sparringspartner, der mit ihnen Tacheles redet. Wer nur von Ja-Sagern umgeben ist, hat keine Chance, eigene Fehler zu erkennen und aus ihnen zu lernen.

KarriereSPIEGEL: Drehen wir die Perspektive um: Ein Kollege von mir ist zu meinem Vorgesetzten befördert worden. Wie soll ich damit umgehen?

Kimich: Auch für den, der in der Abteilung zurückbleibt, gilt: reden, reden, reden. Setzen Sie sich hin und schreiben eine DIN-A4-Seite voll mit Ihren Erwartungen. Das sollte auch der frischgebackene Chef tun. Und dann ab ins Gespräch mit diesen Stichpunkten. In einer Arbeitsbeziehung müssen sich beide Seiten klar über die Rollenverteilung werden. Schließlich verbringen die meisten Menschen mit Kollegen, Vorgesetzten und Mitarbeitern mehr Zeit als mit ihren Lebenspartnern. Deshalb muss die Beziehung geklärt werden: Welche Erwartungen habe ich an den anderen? Welche könnte er an mich richten? Versteckte, unausgesprochene Erwartungen sind gefährlich - und einer der schlimmsten Beziehungskiller.

Foto: Kerstin Krüger

Das Interview führte KarriereSPIEGEL-Autor Christoph Stehr, freier Journalist in Hilden.

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