In Kooperation mit

Job & Karriere

Befristete Verträge in der Forschung »An die Weltspitze gelangt man nur, wenn man Zeit hat«

Antonia Scholkmann hangelte sich zwölf Jahre lang an deutschen Unis von Zeitvertrag zu Zeitvertrag. Jetzt hat sie eine feste Stelle als Professorin in Dänemark – und sagt, sie sei so produktiv wie nie.
Aufgezeichnet von Theresa Palm
Antonia Scholkmann hat zwölf Jahre lang auf befristeten Stellen geforscht.

Antonia Scholkmann hat zwölf Jahre lang auf befristeten Stellen geforscht.

Foto: privat

Auf Twitter sammelt der Hashtag #IchbinHanna  Geschichten von Wissenschaftler:innen, die sich durch Sechs-Monats-Verträge quälen und alle halbe Jahre umziehen müssen. Während viele Lehrer:innen verbeamtet werden, hangeln sich die Lehrenden an Unis von einer Befristung zur nächsten. Dahinter steckt das Wissenschafts-Zeitvertrags-Gesetz (WissZeitVG). Insgesamt zwölf Jahre lang dürfen Forschende befristet an einer Universität angestellt werden, wenn sie sich qualifizieren, also eine Promotion oder Habilitation anstreben, oder einfach nur forschen. Eigentlich sollte das Gesetz Unis zur Entfristung zwingen. De facto bedeutet die Zwölf-Jahres-Grenze aber ein jähes Karriereende für viele, die keine feste Stelle bekommen.

In einem Erklärvideo des Bundesministeriums für Bildung und Forschung  aus dem Jahr 2018 wird das Prinzip so begründet: Befristungen förderten Innovation und verhinderten, dass das System verstopft. Antonia Scholkmann, 47, forscht zum Lehren und Lernen an Universitäten und ist inzwischen Professorin für Organisationales Lernen an der Universität Aalborg in Dänemark. Sie widerspricht dieser These.

»Der deutsche Wissenschaftsbetrieb funktioniert nicht nachhaltig. Die ständige Unsicherheit, in der die meisten Beschäftigten leben, fördert nicht Innovation, sondern Ablenkung. Früher musste ich 30 Prozent meiner Aufmerksamkeit darauf verwenden, wie es weitergeht. Ich habe Stellen gesucht, Anträge geschrieben, Probevorlesungen gehalten.

Außerdem war ich in meiner prekären Lage erpressbar: Ich musste Zusatzaufgaben übernehmen, ohne die es angeblich nicht für eine Professur reichen würde. Jetzt kann ich mich zum ersten Mal ganz auf meine Forschung konzentrieren. Ich finde es völlig falsch anzunehmen, nur Druck und Angst würden zu Höchstleistungen anspornen.

Ich war ein klassisches Opfer des Wissenschafts-Zeitvertrags-Gesetzes (WissZeitVG). An zwei Hochschulen war ich zwölf Jahre lang angestellt, immer in befristeten Verträgen. Zwei Jahre lang habe ich an der Universität Hamburg eine Professur vertreten, während eine Nachfolge gesucht wurde. In der Zeit hatte ich nur Sechs-Monats-Verträge, dabei war klar, dass die Suche länger dauern würde. Den neuen Vertrag bekam ich einen Tag vor Ablauf des alten.

Nach der Vertretungsprofessur habe ich am Institut für Berufs- und Wirtschaftspädagogik dreieinhalb weitere Jahre als wissenschaftliche Mitarbeiterin geforscht, und dafür auch mein Spezialgebiet gewechselt. Schließlich hoffte ich endlich auf eine feste Stelle.

»Auf einmal war ich raus. Ich war 44 Jahre alt, hoch qualifiziert und arbeitslos.«

Doch vier Wochen vor Ende des Vertrags sagte mir mein Chef: ›Deine Stelle wird nicht entfristet.‹ Das war hart. Ich hatte die zwölf Jahre nach dem WissZeitVG vollgemacht, und durfte damit auch nicht länger befristet angestellt werden. Auf einmal war ich raus. Ich war 44 Jahre alt, hoch qualifiziert und arbeitslos. Man bot mir eine halbe Stelle mit Drittmittelfinanzierung an, von der aus ich weitere Gelder einwerben sollte. Das wollte ich nicht.

Am meisten ärgert mich diese Verschwendung von Kompetenzen. Ich hatte mir in Hamburg über fast sechs Jahre etwas aufgebaut und habe ein Institut über Wasser gehalten, als eine neue Besetzung für die Professur gesucht wurde. Am Ende bricht das alles wie ein Kartenhaus in sich zusammen. Ich fühlte mich und meine Arbeit gering geschätzt.

Natürlich hatte ich einen Plan B, wie die meisten im Uni-Betrieb. Bei mir war das die Organisationsentwicklung, darin hatte ich mich als freiberufliche Beraterin weitergebildet.

Doch dann klappte es doch noch mit der Wissenschaft: Vier Wochen nach dem Ende in Hamburg bekam ich die Einladung nach Dänemark, ein Vorstellungsgespräch für eine Professur.

»Seit ich die unbefristete Stelle als Associate Professor habe, bin ich produktiver als je zuvor.«

Meine jetzige Stelle ist ein großes Glück, das ich heute, drei Jahre später, erst richtig fassen kann. Normalerweise wäre ich jetzt wieder an dem Punkt, an dem ich Kisten packen muss, Kontakte zurücklassen und neu anfangen. Aber jetzt kann ich meine Themen weitermachen und so tief durchdringen, dass etwas richtig Gutes entsteht.

Seit ich die unbefristete Stelle als Associate Professor habe, bin ich produktiver als je zuvor. Ich veröffentliche mehr Artikel und Buchkapitel, dieses Jahr werden es mindestens sechs, und in angeseheneren Zeitschriften. Denn meine Ergebnisse müssen nicht mehr schnell für eine Bewerbung erscheinen, sondern ich kann mir die Zeit nehmen, sie richtig abzuschließen.

In Dänemark ist nicht alles rosig, das System ist auch stark vom Wettbewerb getrieben. Der entsteht aber auf inhaltlicher Ebene, indem alle Professor:innen sich verpflichten, eine gewisse Anzahl von Artikeln zu veröffentlichen oder Forschungsanträge zu stellen. Und Professuren sind nicht verbeamtet, wir alle können also betriebsbedingt gekündigt werden. Das System verstopft nicht!

Es ist trotzdem weniger brutal hier, weil die Promovierenden stärker ausgesiebt werden. Das bedeutet, wer einmal drin ist im Wissenschaftsbetrieb, kann auch eher bleiben. Der Flaschenhals sitzt zwei Etagen tiefer als in Deutschland. Junge Forschende, die hier eine Promotionsstelle bekommen, kaufen erst mal ein Haus!

Das ist in Deutschland undenkbar. Wegen meiner befristeten Verträge war ich mit Mitte vierzig für viele Vermieter keine geeignete Kandidatin. Meine Mietwohnung habe ich nur mit Glück bekommen. Diese permanente Unsicherheit zermürbt viele. Und sie bringt auch nichts. Befristungen schaden den Menschen und der Forschung. Ich bin überzeugt: An die Weltspitze gelangt man nur, wenn man Zeit hat, Projekte zu planen und Beziehungen aufzubauen.

Jetzt, wo ich in Dänemark bin, haben mich renommierte Kolleginnen aus Norwegen gefragt, ob ich mit ihnen zusammenarbeiten will. Ich spiele plötzlich in einer ganz anderen Liga! Das hätten sie nie gemacht, wenn ich in zwei Jahren wieder meinen Job wechseln und an einem anderen Thema arbeiten müsste.

Dass ich ein paar Jahre forschen kann, ohne die Angst, gleich wieder wegzumüssen, genieße ich. Ich kann mich ohne Druck weiterentwickeln und mein Potenzial ausschöpfen. Ich habe auf einmal so viel Energie! Ich gehe auf die 50 zu und denke gerade darüber nach, mir ein Haus zu kaufen. Es ist verrückt.«

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.