In Kooperation mit

Job & Karriere

Berufsanfänger Wer jung ist, wird nur noch befristet angestellt - stimmt das?

Für die unter 35-Jährigen sieht es auf dem Arbeitsmarkt mies aus: Wenn sie überhaupt eine Stelle finden, dann nur befristet - dieses Gefühl haben viele. Doch stimmt das überhaupt? Der Faktencheck.

Eigentlich, dachte Björn nach dem Studium, sei er bestens auf den Berufseinstieg vorbereitet. Der Sportwissenschaftler wollte Firmen beraten, wie sie ihre Mitarbeiter gesund halten können - entsprechende Seminare und Weiterbildungen hatte er belegt. Nach der Uni begann Björn, sich auf feste Stellen zu bewerben.

"Nach ein paar Bewerbungen musste ich mir den Zahn allerdings ziehen", sagt Björn heute, etwa zwei Jahre später. Irgendwann wurde er immerhin zu einem Telefoninterview eingeladen. Doch statt einer Festanstellung wurde ihm nur ein Job als Freiberufler angeboten. Er nahm ihn an. Weil der aber nicht zum Leben reichte, musste Björn noch weitere, freiberufliche Angebote annehmen, einen 450-Euro-Job machen und als Trainer arbeiten. Er war damals 32 Jahre alt und sehnte sich nicht nach drei Jobs, sondern nach beruflicher Sicherheit. Seine Freundin heiraten, die Zukunft planen, das wollte er.

Das lähmende Gefühl der Unsicherheit kennen viele. Laut Deutschem Gewerkschaftsbund sind befristete Jobs gar mittlerweile ein "Massenphänomen". Und SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz behauptete im Februar, 40 Prozent der Arbeitnehmer zwischen 25 und 35 Jahren seien von Befristungen betroffen. Das klingt dramatisch - so schlimm ist es aber gar nicht.

Wie steht es um die junge Generation auf dem deutschen Arbeitsmarkt?

Tatsächlich waren 12,4 Prozent der 25- bis 34-Jährigen im Jahr 2014 befristet beschäftigt, wie eine Analyse des Mikrozensus zeigt, die vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) der Bundesagentur für Arbeit vorgenommen wurde. Schulz hat seine 40-Prozent-Behauptung inzwischen zurückgezogen - eine "ärgerliche Panne", wie es von der SPD-Führung hieß.

Verwirrung kann allerdings auch deshalb entstehen, weil viele Statistiken zu dem Thema unterschiedliche Gruppen betrachten. So werden häufig beispielsweise Auszubildende, Praktikanten und Volontäre mitgezählt, deren Verträge qua Definition befristet sind. Rechnet man diese sowie Selbstständige, Beamtenanwärter und Soldaten heraus, sieht es schon ganz anders aus: 7,4 Prozent der angestellten Arbeitnehmer waren im Jahr 2014 laut IAB-Analyse befristet beschäftigt. Und: Dieser Anteil ist in den vergangenen Jahren sogar gesunken - 2006 und 2010 lag er noch bei 8,8 bzw. 8,9 Prozent:

Trotzdem scheinen viele das Gefühl zu haben, der Arbeitsmarkt sei gerade für junge Menschen besonders hart. Das könnte daran liegen, dass laut IAB-Bericht  bestimmte Bevölkerungsgruppen tatsächlich stärker als andere von Befristungen betroffen sind.

Zehn Fakten:

  • Die meisten Befristungen gibt es laut IAB-Untersuchung anteilig in der Gruppe der angestellten 15- bis 24-Jährigen: 21,1 Prozent. Der Grund: In diesem Alter tritt man als Angestellter seinen ersten Job an, und der ist meistens befristet.
  • Frauen sind häufiger befristet angestellt als Männer. In sogenannten typischen Frauenberufen - wie zum Beispiel in Gesundheitsberufen oder im pädagogischen Bereich - wird zudem mehr befristet, denn dort gibt es auch vergleichsweise viele Schwangerschafts- und Elternzeitvertretungen.
  • Während der Anteil von Befristungen mit Sachgrund wie zum Beispiel Elternzeitvertretungen abgenommen hat, ist der Anteil sachgrundloser Befristungen in den vergangenen Jahren gestiegen. Sachgrundlos befristen dürfen Arbeitgeber in der Regel nur für maximal zwei Jahre. Eine Ausnahme gibt es unter anderem bei Start-ups, die nach ihrer Gründung vier Jahre lang befristen dürfen.
  • Akademiker sind ähnlich häufig befristet beschäftigt wie Menschen ohne Berufsabschluss (11 bzw. 11,8 Prozent) - jedoch doppelt so häufig wie beispielsweise Meister (5,3 Prozent).
  • Besonders hart trifft es Akademiker mit Doktortitel: 18,4 Prozent von ihnen sind nur befristet angestellt.
  • Im öffentlichen Dienst (60 Prozent) wird häufiger befristet als in der Privatwirtschaft (40 Prozent), am schlimmsten sieht es in der Wissenschaft aus: 87 Prozent.
  • Für wissenschaftliche Mitarbeiter an Universitäten gelten besonders bittere Regeln, wonach sich mitunter bis zu 15 Jahre lang ein befristeter Vertrag an den nächsten anschließen darf - die berüchtigten Kettenbefristungen.
  • Der Anteil der Befristungen hängt stark von der Branche ab: In Kulturberufen sind 12,9 Prozent der Stellen befristet, in der Buchhaltung dagegen nur 4,3 Prozent. Generell wird bei (sozialen) Dienstleistungen, im gemeinnützigen Bereich und bei projektfinanzierten Jobs häufiger befristet. Auch in der Gastronomie. Das liegt laut Christoph Schink von der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) unter anderem daran, dass viele Restaurants und Cafés im Sommer mehr Personal bräuchten. Und, so Schink: "Von den Befristungen sind dann auch viele Arbeitnehmer mit Migrationshintergrund betroffen, weil die Gastronomie traditionell sehr international ist."
  • Generell sind ausländische Arbeitnehmer häufiger betroffen: Die Wahrscheinlichkeit, einen befristeten Arbeitsvertrag zu bekommen, ist für Ausländer hierzulande doppelt so hoch wie für Deutsche.
  • Befristet Beschäftigte verdienen oft weniger und haben weniger Chancen auf Weiterbildungen.

Sportwissenschaftler Björn bekam im September 2016, 13 Monate nach seinem Uniabschluss, endlich ein festes Stellenangebot, allerdings: halbtags und auf sechs Monate befristet. Die zwei anderen Jobs musste er weitermachen. "Ich habe mir oft Sorgen gemacht, wie es für mich weitergeht", sagt er.

Christian Hohendanner vom IAB kennt das Problem: "Gerade bei Akademikern fällt die Phase der beruflichen Etablierung und die Familiengründung häufig zusammen. Wer in dieser Zeit nur befristete Verträge hat, dem fehlt die Sicherheit." Allerdings bekommen immer mehr Angestellte nach einer Befristung eine Festanstellung, wie das IAB-Betriebspanel zeigt, bei dem jährlich etwa 16.000 Firmen befragt werden. Demnach wurden im Jahr 2009 noch 29,7 Prozent der befristet Beschäftigten eines Betriebes - Azubis nicht eingerechnet - übernommen, 2014 waren es immerhin schon 37,5 Prozent. Die anderen wurden noch mal befristet oder verlassen das Unternehmen.

Wie könnten Arbeitgeber dazu animiert werden, weniger zu befristen? Kanzlerkandidat Schulz würde sachgrundlose Befristungen am liebsten komplett abschaffen. Arbeitsmarktforscher Hohendanner bezweifelt jedoch, dass die sachgrundlose Befristung das Kernproblem darstellt. Denn: Sachgründe ermöglichen beispielsweise jahrelange Kettenbefristungen: "Empirische Analysen deuten darauf hin, dass Betroffene bei Befristungen mit Sachgrund geringere Chancen auf eine Übernahme haben als bei den sachgrundlosen Befristungen." Seine Idee: Arbeitgeber sollten für befristet Beschäftigte höhere Beiträge in der Arbeitslosenversicherung bezahlen. So sollen monetäre Anreize geschaffen werden, mehr Verträge zu entfristen.

Für Björn war es im Januar soweit. Bei dem Beratungsunternehmen, das ihm einst eine Teilzeitstelle angeboten hatte, wurde der Job des Regionalleiters für Norddeutschland frei: Vollzeit und unbefristet. Er bekam die Stelle. "Nun erlebe ich alles aus der umgekehrten Perspektive", sagt er. In seinem Team arbeite gerade ein sehr engagierter Freiberufler, den er gern fest einstellen würde. "Ich kann aber nicht so lange im Voraus planen", sagt der Sportwissenschaftler. "Mir sind die Hände gebunden."

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.