Benachteiligung im Job So kommen Sie raus aus der Opferrolle

Der eine wird befördert, der andere kriegt einen neuen Dienstwagen - und an Ihnen bleibt wieder die ganze Arbeit hängen? Wer sich im Büro ständig ungerecht behandelt fühlt, sollte sich auch selbst hinterfragen.

Alle amüsieren sich, einer bleibt allein
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Alle amüsieren sich, einer bleibt allein

Von "Karrierebibel"-Autor Sebastian Wolking


Eine der mit Abstand beliebtesten Rollen auf der großen Bühne des Arbeitslebens ist die des Opfers. Täter will niemand sein, Opfer schon. Denn diese Rolle ist so angenehm einfach. Die anderen sind an allem schuld, man selbst braucht sich keine Gedanken zu machen und schon gar nicht mit Zweifeln an der eigenen Person zu beschäftigen.

Manche spielen die Rolle mit besonders großer Leidenschaft - weil sie sich ungerecht behandelt, notorisch übergangen oder benachteiligt fühlen. Kurzfristig kann das Linderung verschaffen, langfristig macht es alles noch schlimmer. An diesen sechs Anzeichen erkennen Sie, ob Sie Gefahr laufen, zum Dauer-Opfer zu werden.

1. Sie wollen Rache

Der Wunsch nach Rache kann uns beflügeln, anspornen und sogar befriedigen. Allerdings nur für kurze Zeit. Studien haben gezeigt, dass Rachsüchtige auch nach vollzogener Vergeltung noch unglücklich waren, sogar deutlich unzufriedener als Probanden ohne Rachegelüste. Sie ärgerten sich innerlich noch immer über ihren Peiniger, grübelten, ob die Heimzahlung auch wirklich vollbracht, die Rechnung tatsächlich beglichen war. Gekränkte Eitelkeit zwingt auf Dauer in die Opferrolle - und macht unglücklich.

2. Sie übernehmen keine Verantwortung

Lamentieren, sich beklagen, die Schuld stets bei anderen suchen - das ist der kürzeste Weg in die Opferrolle. Klar ist: Nicht alles im Leben können wir kontrollieren. Eine ganze Menge aber schon. Was studiere ich - oder mach ich doch lieber die Ausbildung? Wage ich die Selbstständigkeit oder nicht? Lass ich mir die Tiraden meines Chefs noch länger gefallen oder kündige ich? Für die wichtigsten Entscheidungen im (Berufs-)Leben sind wir selbst verantwortlich, keine höhere Macht.

3. Sie vergleichen sich ständig mit anderen

Sieht der Kollege wirklich besser aus als ich? Hat mein Abteilungsleiter einen höheren IQ? Vergleiche sind menschlich, helfen bei der Selbsteinschätzung. Aber fest steht auch: Gewinnen können Sie den Vergleich nie. Es gibt immer jemanden, der schöner, reicher, stärker, witziger, schlauer ist. Neid, Unsicherheit, ein in sich zusammenkrachendes Selbstwertgefühl können die Folge sein. Was hilft? Der Mut zur eigenen Imperfektion. Vergleichen Sie sich doch mal mit sich selbst. Was machen Sie jetzt besser als früher? Besinnen Sie sich auf die eigenen Stärken und beschränken Sie den Vergleich mit anderen auf ein Minimum.

4. Sie bemitleiden sich

Personen, die sich stark selbst bemitleiden, übernehmen mehr Verantwortung für ihre Fehler als extrem selbstbewusste Typen. Wenn aber Selbstmitleid zu einer chronischen Begleiterscheinung wird, greifen Ohnmacht und Frust um sich. Deshalb: Den Blick nach vorne richten, konkrete Ziele für die Zukunft setzen, alte Kapitel zuschlagen. Andernfalls kommt man aus der ewigen Opferrolle nur sehr schwer wieder hinaus. Und langfristig genützt hat Selbstmitleid noch niemandem, auch wenn es für einen kurzen Zeitraum ganz angenehm sein kann.

5. Sie wissen nichts zu schätzen

Seien Sie dankbar! Wer sich den Tag wegen der falschen Marmeladensorte auf der Stulle oder eines trödelnden Opis an der Supermarktkasse vermiesen lässt, wird auch die schönen Dinge im Leben (und im Job) nicht zu schätzen wissen. Dankbarkeit für das bisher Erreichte, Zufriedenheit über kleine und große Erfolge - das erhöht auch im Beruf die Motivation und verhindert, dass Sie es sich in der Opferrolle gemütlich machen.

6. Sie lästern

Über die Kollegen und den Chef wird besonders gern gelästert. Lästern ist menschlich, befreiend und dient uns sogar als soziales Warnsystem. Aber Dauer-Lästern ist eben auch ein Zeichen von Schwäche. Wer gerne und ausgiebig über andere herzieht, will sich über sie erheben, von seinen eigenen Unzulänglichkeiten ablenken und begibt sich dadurch indirekt in die Opferrolle. Wichtig: Halten Sie sich von den Lästermäulern in Ihrer Firma fern - in der Regel reden die auch über Sie schlecht, sobald Sie ihnen den Rücken zu wenden.

Und jetzt Schluss damit

In die Opferrolle kommt man leichter hinein als hinaus. Aber niemand ist in ihr gefangen. Wer sich bewusst ist, dass er sich gerade in die Rolle des Opfers begibt, hat schon den ersten Schritt zum Ausbruch getan. Ab jetzt gilt: Sie entscheiden, wie Sie mit welcher Situation umgehen. Wenn Sie Verantwortung übernehmen, übernehmen Sie auch Kontrolle.

Manchmal läuft nicht alles nach Plan. Ungerechtigkeiten kommen vor, doch so geht es jedem einmal. Denken Sie daran, dass nicht immer alles klappen kann, dass Sie keine Schuld daran haben, und bleiben Sie positiv und selbstbewusst.

Wer schlecht von sich selbst denkt, neigt eher dazu, sich in der Opferrolle einzunisten. Nicht nur, weil es einfach ist, sondern weil man von sich selbst glaubt, es nicht anders verdient zu haben. Wächst das Selbstwertgefühl, wird es zunehmend auch einfacher, Verantwortung zu übernehmen. Sie besinnen sich auf Ihre Stärken, wissen, worin Sie gut sind und akzeptieren sich so, wie Sie sind - mit dieser Erkenntnis können Sie selbstbewusst handeln.

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insgesamt 25 Beiträge
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Seite 1
scooby11568 05.12.2016
1. Klappe halten, arbeiten ...
ein toller Tipp. Opfer wird man nur, wenn man sich nicht wehrt.
01099 05.12.2016
2.
Hach ja, unsere Büromiezen und -hengste haben es schon schwer...
jhea 05.12.2016
3. @2 Ja!
Büro ist Krieg ;)
upalatus 05.12.2016
4.
Zitat von scooby11568ein toller Tipp. Opfer wird man nur, wenn man sich nicht wehrt.
Ein Wehren hat cirka den Effekt wie ein Kommentar, den man in Foren abgibt. In Bayern gibts dies hübsch Sätzchen: Die Mehran san di Schweran! Gegen das Prinzip und dessen weitere Bedeutung in Mitarbeiterbefragungen verstösst dann auch kein Vorgesetzter gern, im eigenen Interesse. Er guckt nur, dass er nicht allzuviel Blutspritzer abbekommt... Es hilft nur eines effektiv: sich einer der internen Kampfgruppen anzuschließen, mit zu allem bereiten Kampfspitzen. Was das für ein Arbeitsziel oder Arbeitsklima heisst, ist vorstellbar.
haifasuper 05.12.2016
5.
Zitat : "Es hilft nur eines effektiv: sich einer der internen Kampfgruppen anzuschließen, mit zu allem bereiten Kampfspitzen. Was das für ein Arbeitsziel oder Arbeitsklima heisst, ist vorstellbar." Ich weiß ganz genau, warum ich um einen reinen Büro Job immer einen möglichst weiten Bogen gemacht hab. "Kampfgruppen" "Kampfspitzen" ...nicht schlecht! :D
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