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22. Juli 2011, 14:48 Uhr

Berater ohne BWL

Die bringen Farbe in die Firma

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Ein Dirigent, der Unternehmen berät. Eine Pilotin, die Firmen umstrukturiert. Wer heute als Consultant arbeitet, muss längst nicht BWL studiert haben. Dass sich Beraterfirmen immer häufiger Exoten an Bord holen, ist gut fürs Geschäft: Bunte Teams sind einfach kreativer.

Wenn Sybille Steinberger zu einem Kunden fliegt, schnallt sie sich an, stellt die Rückenlehne gerade und schaltet alle elektronischen Geräte aus. Wenn Sybille Steinberger für einen Kunden fliegt, schnallt sie sich an, stellt die Rückenlehne gerade und schaltet alle elektronischen Geräte ein. Dann sitzt sie nicht in der Kabine, sondern im Cockpit. Steinberger ist Beraterin bei Capgemini Consulting in München und Linienpilotin. Außerdem Diplom-Informatikerin, Rettungsassistentin, Datentechnische Assistentin. Auch als Fernsehjournalistin hat sie mal gearbeitet.

Steinberger widerlegt das Klischee vom Unternehmensberater, der sein ganzes Berufsleben entlang der Stromlinie schwimmt - und nach Abi, BWL-Studium und Traineeprogramm irgendwann Partner wird. Dagegen ist Steinberger kreuz und quer geschwommen, auf- und abgetaucht - und hat oft Wasser geschluckt.

"Nach der Mittleren Reife wollte ich zunächst einen Beruf erlernen", erzählt sie. "Doch bereits in der Hälfte meiner Ausbildung zur Datentechnischen Assistentin habe ich festgestellt, dass ich studieren möchte." Also Ausbildung abschließen, Abi nachholen, Informatik studieren. Nebenher jobbte sie beim Bayerischen Fernsehen und arbeitete ehrenamtlich als Rettungssanitäterin. Im Studium spezialisierte sie sich auf Medizintechnik, aber ihre erste Stelle in einem Medizintechnik-Unternehmen erwies sich als Flop. 1999 sattelte Steinberger auf Beratung um. "Obwohl ich bei Capgemini nichts mit Medizintechnik zu tun hatte, habe ich mich in der Firma und in den Projekten sofort wohlgefühlt", sagt sie.

2002 machte Steinberger den Privatpilotenschein. Das war der Start zu einer zweiten Karriere: "Das Fliegen hat mich so fasziniert, dass fast jährlich eine neue Ausbildung in der Fliegerei dazugekommen ist." Ein einjähriges Sabbatical ermöglichte es ihr, Flugstunden zu sammeln. Mindestens 1500 sind nötig, um die Lizenz für Linienpiloten zu erhalten. Im Februar 2010 schloss Steinberger die Ausbildung ab. "Da ich nach dem Sabbatical weder auf meine Tätigkeit als Pilot noch auf die Arbeit bei Capgemini verzichten wollte, habe ich nun einen 60-Prozent-Teilzeitvertrag als Beraterin", sagt sie. "So kann ich - auch heute noch - beide Berufe, also Informatik und Luftfahrt, miteinander kombinieren."

Vor allem die 5 Prozent unter "Sonstige" sind spannend

Capgemini Consulting hat unter seinen 4000 Strategie- und Managementberatern einige, die aus dem BWL-Raster fallen. Zwar sind Wirtschaftswissenschaftler mit 65 Prozent klar in der Mehrheit, doch andere Fachrichtungen holen auf. Ingenieure stellen bereits 20 Prozent, Informatiker und Naturwissenschaftler jeweils fünf Prozent. Spannend sind auch die fünf Prozent "Sonstige", etwa der Historiker Michael Klein oder die Germanistin und Kulturanthropologin Susann Sophie Schmitt. Solche Leute an Bord zu holen, sei "ein absolutes Muss", erläutert Achim Schreiber von Capgemini Consulting: "Nach unseren Erfahrungen fördern verschiedene Studiengänge unterschiedliche Denkmuster." Breitband statt Schmalspur - darauf komme es in den komplexen und interdisziplinären Projekten an.

"Vielfalt ist sehr wichtig", bestätigt Christian Greiser, Partner der Boston Consulting Group (BCG) in Düsseldorf und verantwortlich für das deutschlandweite Recruiting. "Das Fachwissen und die Erfahrungen jedes Einzelnen ergänzen sich, und auf diese Weise entstehen oft die kreativsten Lösungsansätze." Die gemischten Teams bilden auch besser das Spektrum der Kundenunternehmen ab - schließlich regieren BWLer fast nirgendwo alleine. Für einen Autohersteller ist es wichtig, dass ihm der Consulting-Dienstleister auch ein paar Ingenieure ins Haus schickt. Genauso will ein Krankenhaus mindestens einen Mediziner im Team sehen.

Doch selbst Absolventen aus Fachrichtungen, die scheinbar überhaupt nichts mit Wirtschaft zu tun haben, landen in der Unternehmensberatung. Zum Beispiel Raphael von Hoensbroech, Projektleiter im BCG-Büro Köln. Mit drei Jahren lernte er Geige, mit sieben gewann er bei "Jugend musiziert", mit 17 leitete er Orchester und Chöre. Von Hoensbroech studierte Musikwissenschaft, Philosophie, Schuld- und Urheberrecht und promovierte über "Felix Mendelssohn Bartholdys unvollendetes Oratorium Christus". Zwei Jahre war er Chefdirigent des Münchner Jugendorchesters, bevor er 2005 den Taktstock niederlegte und bei BCG anfing - auch um mehr Zeit für die Familie zu haben.

Heute ist von Hoensbroech 34, hat vier Kinder und berät Industrieunternehmen und Behörden. "Das Orchester als Organisationsform ist eine sehr greifbare Analogie zum Unternehmen", findet er. "Der Dirigent ist ja der Einzige, der keinen eigenen Ton hervorbringt und dennoch das Gesamtergebnis verantwortet. Seine Mitarbeiter sind Profis auf ihrem Gebiet, das der Dirigent aber nicht beherrscht. Und doch ist es seine Aufgabe, jeden zu Höchstleistungen anzutreiben - als Einzelner und als Team." Den Musiker Hoensbroech reizt an der Beratung, dass sie ihn mit immer neuen Problemen konfrontiert, die individuelle Lösungen erfordern - "so wie die Philosophie das in abstrakter Weise tut und die Musik durch Interpretation".

Nicht nur das Studium zeichnet von Hoensbroech als Exoten aus. Auch sonst hat er nichts von einem glatten, auf Karriere getrimmten Star-Berater. Er gibt offen zu, dass ihm sein Privatleben wichtig ist. Als Vorsitzender der Csilla-von-Boeselager-Stiftung unterstützt er Arme und Obdachlose in Osteuropa. Er sammelt nicht bloß Spenden, sondern fährt selbst in die Ukraine, nach Polen oder Ungarn. Sein "Traumprojekt" wäre etwa, "sozialen und kulturellen Institutionen zu mehr wirtschaftlicher Freiheit zu verhelfen", sagt er. "Ich erlebe, dass Misstrauen gegenüber wirtschaftlichem Denken solche Institutionen bisweilen in ihren Entfaltungsmöglichkeiten hindert."

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