Beraterin bei der Aids-Hilfe "Mein Beruf ist für viele wie ein anderer Planet"

Fünfmal täglich geht es bei Antje Sanogo um Leben und Tod. Dann erklärt sie einem Menschen, ob sein Aids-Test negativ oder positiv war. Den Infizierten hilft sie auch im Alltag. Und stößt auf Unverständnis, wo sie es am wenigsten erwartet.

Aids-Beraterin Antje Sanogo: Niemand soll sich unberührbar fühlen
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Aids-Beraterin Antje Sanogo: Niemand soll sich unberührbar fühlen


Wenn der HIV-Test positiv ist, holt Antje Sanogo, 43, tief Luft. Was sie dann sagen muss, klingt zunächst wie eine Verurteilung: "Leider muss ich Ihnen mitteilen, dass Sie das Virus in sich tragen."

Antje Sanogo muss als eine von 120 Beraterinnen der Münchener Aids-Hilfe Testergebnisse mitteilen, negative wie positive. Ein Tröpfchen Blut entscheidet beim HIV-Test darüber, ob das Leben des Getesteten weitergeht wie bisher, oder ob die Welt zusammenbricht. Zum Job der Diplompädagogin gehört es aber auch, die zerstörten Welten wieder mit aufzubauen.

Wie geht es weiter? Geht es überhaupt weiter? Wie reagieren Familie und Freunde? Was wird aus der Arbeit? Das sind oft die ersten Fragen, die sie nach einem positiven Befund gestellt bekommt.

Damit kann die quirlige Sanogo umgehen. Sie erklärt die Möglichkeiten von Medikamenten: HIV ist zwar nicht heilbar, aber kein Todesurteil mehr, eher eine chronische Krankheit. Gestorben sind in den zwölf Jahren, die sie den Job macht, jedes Jahr etwa zehn Klienten der ganzen Münchner Aids-Hilfe; sie selbst hat täglich etwa fünf Klienten. "Es ist eine Entlastung, dass man über das Hoffnungsvolle, das Medizinische reden kann", sagt Sanogo. "Für mich ist es am schwierigsten, wenn Betroffene emotional zusammenbrechen und gar nichts mehr sagen."

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Manche, die von ihrer Krankheit erfahren, gehen damit sogar gelassen um - vor allem jene, die schon Betroffene im Freundes- und Bekanntenkreis haben. "Oft sind es die Angehörigen, die völlig aus dem Rahmen fallen", sagt Sanogo. Sie versuche dann immer klarzumachen, dass man mit dem Sohn oder Bruder am besten genauso umgehen solle wie immer. "Das ist natürlich nicht einfach." Deshalb rät sie den Betroffenen, ihren Verwandten am besten erst dann von der Krankheit zu erzählen, wenn sie selbst wieder gefestigt sind. "Oft müssen meine Klienten, wenn sie von der Krankheit erzählen, selbst noch trösten, obwohl sie es eigentlich sind, die Trost brauchen."

Ausgrenzung beim Zahnarzt

Manche HIV-Infizierte brauchen Hilfe bei Behördengängen, andere einfach eine Schulter zum Anlehnen. Bei ihren Beratungen legt Sanogo viel Wert auf Körperkontakt - bewusst versucht sie, immer an den Händedruck zur Begrüßung und zum Abschied zu denken oder einen Klienten auch mal zu umarmen. "Ich will keinem das Gefühl geben, unberührbar zu sein", erklärt sie.

Gerade dort, wo man mit Krankheit eigentlich umgehen können sollte, gibt es immer wieder Ausgrenzung: beim Arzt. Bei einem Zahnarzt wurde sie mit einem Klienten weggeschickt, als er von seiner Erkrankung berichtete: "'Das hätten Sie vorher sagen müssen, dann hätten wir den Termin ans Ende der Sprechzeit gelegt, weil wir danach die Instrumente speziell reinigen müssen.' Das war die Begründung." Dabei ist das Unsinn, Sanogo kann das nicht verstehen.

Auch sie selbst hat immer wieder mit Unverständnis zu kämpfen. Im Privatleben kommt Sanogos Job nicht unbedingt gut an. "Ich glaube, viele verstehen mein Leben nicht. HIV, Aids, schwule Männer, das ist wie ein anderer Planet."

Noch immer sind schwule Männer am häufigsten betroffen. Das Robert-Koch-Institut gab anlässlich des Welt-Aids-Tages am 1. Dezember aktuelle Zahlen bekannt: Mehr als 50.000 der 78.000 in Deutschland lebenden Erkrankten sind Männer, die Sex mit Männern haben.

Elena Zelle, dpa/mamk



insgesamt 26 Beiträge
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Seite 1
4qfghei3pers 01.12.2013
1. Ein Tröpfchen Blut entscheidet beim HIV-Test darüber....
Nein, nicht das Tröpfchen Blut entscheidet, sondern mein Umgang in puncto Sex. Ich habe allergrößtes Mitleid mit jenen, die unverschuldet z.B. durch eine Blutübertragung HIV positiv wurden. In allen anderen Fällen ist es wohl eher so, daß eigene Unvorsichtigkeit, Naivität oder eine gewisse Wurstigkeit dazu geführt hat, dass man sich den Virus holt. Man bekommt den Virus nicht wie einen Schnupfen, sondern man holt ihn sich wortwörtlich. Wenn alle Aufklärung ins Leere läuft und sich die betreffenden Leute nicht anders verhalten, ist dies wohl die zwangsläufige Folge. Die Natur schlägt zurück.
kumi-ori 01.12.2013
2. Wieso entscheidet ein Tröpfchen Blut?
Ich verstehe nicht den Sinn dieser Aussage. Seltsam allerdings dieser Zahnarzt, der seine Untensilien nicht auf spezielle Weise reinigt, wenn er von einem Patienten nicht weiß, dass er HIV-infiziert ist. Schließlich kann der Patient infiziert sein ohne es zu wissen oder er kann andere vergleichbare Infektionen haben.
psychologiestudent 01.12.2013
3.
Zitat von 4qfghei3persNein, nicht das Tröpfchen Blut entscheidet, sondern mein Umgang in puncto Sex. Ich habe allergrößtes Mitleid mit jenen, die unverschuldet z.B. durch eine Blutübertragung HIV positiv wurden. In allen anderen Fällen ist es wohl eher so, daß eigene Unvorsichtigkeit, Naivität oder eine gewisse Wurstigkeit dazu geführt hat, dass man sich den Virus holt. Man bekommt den Virus nicht wie einen Schnupfen, sondern man holt ihn sich wortwörtlich. Wenn alle Aufklärung ins Leere läuft und sich die betreffenden Leute nicht anders verhalten, ist dies wohl die zwangsläufige Folge. Die Natur schlägt zurück.
Wer einmal ohne Kondom mit einem anderen Menschen schläft, und sich dann an einer grausigen Krankheit ansteckt, hat Ihr Mitleid natürlich nicht verdient. Wie schön, dass Sie nie einen Fehler machen. Nur zur Info: Es sind nicht nur Schwule, Drogenabhängige oder Prostituierte, die die Krankheit haben. Wenn Ihr (e) langjährige Partner(in) sich bei einer Blutübertragung angesteckt hat, Sie wissen das beide nicht und schlafen ohne Kondom miteinander, verdienen Sie dann auch kein Mitleid? Oder wenn das Kondom kaputt geht? Selbst wenn es ein riskantes Verhalten gab, wie kann man darauf kommen, so eine bescheuerte "Selbst-schuld"-Haltung ggü. Schwerstkranken einzunehmen? Haben Sie auch kein Mitleid mit Menschen, die ins Wasser springen und querschnittsgelähmt sind, weil sie auf einem Fahrrad gelandet sind? Ist ja auch eigene Schuld... Ich kenne keinen Betroffenen persönlich, aber ich nehme an, die haben genau mit Leuten wie Ihnen ständig zu tun und das zieht bestimmt zusätzlich runter...
dr.mccoy 01.12.2013
4. HIV? Wurde noch nie gesehen...
http://www.gesundheitlicheaufklaerung.de/hiv-eine-chronologie Die Perth-Group wies darauf hin, dass die HIV-Tests aus diesem Grunde keine Aussage über eine HIV-Infektion zulassen, weil diese Tests nur nach Reaktionen (sog. Antikörper) auf das ganze Virus suchen sollen, während keiner das ganze Virus gesehen, isoliert und analysiert hat. Man kann wissenschaftlich nicht wissen, wie ein Antikörper zu einem Körper aussehen soll, wenn man den Körper selbst nie gesehen und analysiert hat. An der direkten Analyse des Virus muss ein Antikörpertest geeicht werden. Diese Eichung kann nicht erfolgt sein, wenn nie einer das ganze Virus gesehen, nachgewiesen und analysiert hat. So kann keiner wissen, worauf diese HIV-Tests eigentlich anspringen.
Alien1503 01.12.2013
5. Schockierende Unwissenheit bei manchen Ärzten oder medizinischem Personal
Eine solche Aussage eines Zahnarztes habe ich von einem Freund auch schon gehört. Er hat dann den Spieß herum gedreht und sich dann mit der Aussage verabschiedet, dass er dankend auf eine Behandlung in dieser Praxis verzichtet, weil er nicht davon ausgeht, dass dort alles gut sterilisiert ist und erst sich am Ende des Tages dann die Erkrankungen der zuvor behandelten Patienten einsammeln darf. Wie kann es sein, dass im Jahr 2013 HIV positive Menschen noch immer, wie Aussätzige behandelt werden? Vielleicht wäre es angeraten, dass sich so mancher Mediziner, der vordergründig nichts mit HIV positiven Patienten zu tun hat, sich zu diesem Thema dennoch ein wenig weiter bildet, damit solche Aussagen in Zukunft nicht mehr gemacht werden.
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