Beratung für Kollektive "Scheitern ist nicht die unwahrscheinlichste Option"

Was tun, wenn sich einer als Chef aufspielt? Oder wenn im Betrieb Streit ausbricht? Kollektive verzweifeln häufig an ihren eigenen Ansprüchen, sagt eine Beratungsgruppe - und gibt Tipps.

"Menschen, die zuvor jahrelang gut miteinander gearbeitet haben, konnten nicht mehr miteinander reden. Es ging alles nur schief" (Symbolbild)
Klaus-Dietmar Gabbert/ picture alliance/ DPA

"Menschen, die zuvor jahrelang gut miteinander gearbeitet haben, konnten nicht mehr miteinander reden. Es ging alles nur schief" (Symbolbild)


SPIEGEL ONLINE: Frau Löser, Herr Körtner, Sie beraten Kollektivbetriebe bei der Gründung oder wenn es Konflikte gibt. Haben Sie dadurch einen Überblick, wie viele es gibt?

Körtner: Das ist eine ziemliche Blackbox. Niemand weiß, wie viele Kollektivbetriebe es gibt. Wir haben regelmäßig Anfragen von Gründungsinitiativen und den Eindruck, dass eine Menge neue entstehen. Die Arbeit können wir allerdings gut in unserer Freizeit bewältigen. Die Beratung ist nicht unser Beruf, sondern unser politisches Engagement.

Löser: Wir versuchen gerade, eine bundesweite Liste zu erstellen. Es ist aber sehr mühsam, die Kollektive ausfindig zu machen. Und jeder versteht etwas anderes unter einem Kollektiv.

Zur Person

    Sonja Löser, Jahrgang 1977, ist Diplom-Pädagogin und arbeitet in Hamburg selbständig als Coach für Gruppen und Einzelpersonen.

    Jochen Körtner, Jahrgang 1962, ist Diplom-Psychologe und arbeitet in Hamburg selbständig als Software-Entwickler.

SPIEGEL ONLINE: Was ist Ihre Definition?

Körtner: Für uns ist die interne Demokratie entscheidend: Alle Mitglieder müssen bei wichtigen Entscheidungen gleichberechtigt beteiligt sein. Und der Betrieb muss allen gemeinsam gehören. Die Produkte sollten nicht für den Profit produziert werden, sondern gesellschaftlich nützlich sein. Und Kollektive sollten aus dem Konkurrenzverhältnis austreten und eine Perspektive über den Kapitalismus hinaus bieten wollen.

SPIEGEL ONLINE: Das klingt, als seien Kollektivbetriebe ein Nischenphänomen der radikalen Linken.

Löser: Nein. Es gibt christliche Kollektive, ökologisch bewegte Kollektive und auch rechte, nationalistische Kollektive. Die meisten kommen aber aus der Alternativbewegung. Ihnen ist die Frage nach einer anderen Gesellschaftsform wichtig.

SPIEGEL ONLINE: Es gibt Ihnen zufolge viele Betriebe, die an diesem Anspruch scheitern und sich von der Selbstverwaltung verabschieden. Was können Sie dagegen tun?

Löser: Ich habe in einem Kollektivbetrieb gearbeitet, der auseinandergebrochen ist. Das war im ersten Moment sehr unangenehm, aber im zweiten sehr lehrreich. Ich habe kurz danach jemanden vom Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe kennengelernt. Der hatte so viel Wissen und Erfahrung, wie man diesem Scheitern hätte vorbeugen können, dass ich mit offenem Mund dasaß und dachte: Warum erfahre ich das jetzt erst?

Mit unserer Beratungsstelle "Kunst des Scheiterns" wollen wir das Wissen zugänglich machen, damit nicht jedes Kollektiv wieder an denselben Problemen zerbricht. Wir sehen das Scheitern in all seinen Formen nicht nur als Scheitern, sondern als Möglichkeit, etwas zu lernen.

SPIEGEL ONLINE: Das Scheitern schließen Sie aber nicht aus?

Körtner: Scheitern ist eine von mehreren Optionen - und nicht die unwahrscheinlichste. Man muss das erstens auf dem Zettel haben. Und sich zweitens überlegen, wie es ablaufen kann, damit man sich hinterher noch ins Gesicht gucken kann. Das ist leider bei vielen Kollektiven nicht der Fall.

SPIEGEL ONLINE: Welche Fehler passieren besonders oft?

Körtner: Kollektive scheitern erstens an Kommunikationsproblemen. Die Anforderung an soziale Kompetenz sind im Kollektiv deutlich höher. Da es nicht die eine Person gibt, die alles entscheidet, muss man sich einen Rahmen schaffen, um als Gruppe entscheidungsfähig zu sein. Die Realität sieht oft so aus, dass es eine übermächtige Person gibt, die im Grunde genommen alles bestimmt, weil sie die informelle Macht hat. Das ist eine klassische Konfliktsituation.

Löser: Das zweite sind wirtschaftliche Gründe. Besonders bei Leuten, die ein Kollektiv aus politischen Gründen aufbauen, fehlt oft das Wissen über einfache betriebswirtschaftliche und finanzielle Grundlagen. Es gibt ein Unbehagen dem Thema Geld gegenüber.

SPIEGEL ONLINE: Was können die Kollektive dagegen tun?

Löser: Wir raten den Gründungsgruppen, über all die Dinge zu sprechen, die man in der Euphorie des Anfangs nicht thematisieren will: Wie viel Geld müssen wir verdienen, damit wir weitermachen können? Was machen wir, wenn jemand aussteigen will oder es mit einer Person nicht funktioniert? Wann sind wir gescheitert? Diese schwierigen Fragen muss man klären, bevor man sich voneinander abhängig macht. Sonst ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass es einem um die Ohren fliegt.

SPIEGEL ONLINE: Raten Sie zu Verträgen?

Körtner: Ja. Aber es gibt Kollektive, die das nicht wollen. Die sollten zumindest die wichtigsten Grundsätze aufschreiben. Es passiert sonst immer wieder, dass die einen das nach zwei, drei Jahren anders erinnern als die anderen.

SPIEGEL ONLINE: Was können Sie tun, wenn der Konflikt erst mal ausgebrochen ist?

Körtner: Oft geht es darum, die Diskussionskultur zu verbessern und die Mitglieder zu ermutigen, ihre Meinung zu vertreten und gegebenenfalls entsprechend abzustimmen. Konsens ist nicht immer der beste Weg, da die übermächtige Person ein Veto einlegen kann. Auf der anderen Seite muss man der Zentralfigur die Angst vor Machtverlust nehmen: Wenn man das Gefühl los wird, für alles verantwortlich zu sein, ist das auch eine Befreiung. Gemeinsam Probleme zu lösen, macht ein besseres Lebensgefühl.

SPIEGEL ONLINE Frau Löser, was war bei Ihrem ehemaligen Kollektiv Café Libertad das Problem?

Löser: Nach meiner persönlichen Wahrnehmung ging der Konflikt durch eine existenzielle Bedrohung los. Aus wirtschaftlichen Gründen war damals nicht klar, ob alle Kollektivmitglieder weiterarbeiten können. Das hat aus meiner Perspektive zu einer Spaltung geführt: zwischen denjenigen, die noch jung und flexibel genug sind, um die Unsicherheit zu ertragen, und diejenigen, die diese Perspektive nicht hatten.

Da hat sich ein Stellvertreterkonflikt draus entwickelt: Es wurde ein Sündenbock gesucht, der an allem Schuld war. Und der sollte vor die Tür gesetzt werden.

Das hat zu tiefen Konflikten geführt. Menschen, die zuvor jahrelang gut miteinander gearbeitet haben, konnten nicht mehr miteinander reden. Es ging alles nur schief. Jede Form der Kommunikation hat zu noch mehr Katastrophen geführt.

SPIEGEL ONLINE: Was hätten Sie mit Ihrem heutigen Beratungswissen damals tun können?

Löser: Wenn die Fronten so hart sind, ist es besser, wenn eine Seite geht und versucht, etwas Neues zu machen. Wenn das Kollektiv groß genug ist, kann man es gut aufspalten. Mit 20 Leuten auf einem Plenum zu sitzen, ist sowieso zu viel. Solche Lösungen schlagen wir heute vor.

SPIEGEL ONLINE: Ist das bei Café Libertad nicht passiert? Mittlerweile gibt es drei Kaffeekollektive in Hamburg...

Löser: Ja, das ist toll. Aber das ist mit riesigen Verletzungen einhergegangen. Man kann das auch so lösen, dass nicht so viele Kollateralschäden entstehen.

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