Berliner Kreativszene Armut ist auf Dauer unsexy

Anne Haeming

Von

2. Teil: Die ewige bange Frage: Tötet zu viel BWL-Denke die Ideen? Passe ich mein Produkt zu sehr an den Markt an?


Beim "Jour fixe" wie an diesem Nachmittag werden Antragsteller im Halbstundenrhythmus durchgeschleust. Gerade steht Marina Steinbach vorn und erklärt ihren Kollegen, warum die Macher von "Theater Anu" dringend Beratung brauchen, mit Power-Point-Präsentation und allem Pipapo. "Rentabilität", sagt sie in den Raum, "Deckungsbeitrag" und "Sekundärverwertungsbereich". Die anderen Berater wippen in ihren crèmeweißen Ledersesseln, rings um den großen ovalen Konferenztisch, oben im 12. Stock der Berliner Investitionsbank.

Beim Blick aus dem Fenster sieht man nur bis zum Horizont, schmutziggrau und immens: Berlin. Wahrscheinlich ist das ein psychologisches Ding. Wer hier sein Projekt vorstellt, soll ein Gefühl dafür bekommen, wie es ist, wenn einem die Stadt zu Füßen liegt. Wie es ist, oben angekommen zu sein. Da, wo sie erst noch hinwollen.

Horror vor der Zahlenwelt

"Wir müssen beides sein: Künstler und Unternehmer", sagt "Anu"-Gründer Stefan Behr. Nur so könnten sie bestehen. Als Verantwortung für Angestellte dazukam, wurde ihm klar: Das reine Künstlerdasein ist passé. Er kaufte Ratgeberliteratur, schaffte sich BWL-Wissen drauf, hofft nun auf einen fachlichen Blick von außen. "Die Budgets werden enger in den Städten", sagt Behr. "Wir müssen unser Geschäftsmodell anpassen, neue Zielgruppen erschließen."

Marina Steinbach soll dabei helfen. Viele Kreative, so ihre Erfahrung, hätten fast Angst, sich auf die Zahlenwelt einzulassen: Wenn ich jetzt auf einmal so BWL-ig denke, schränke ich damit meine Kreativität ein? Passe ich mein Produkt zu sehr an den Markt an?

Fotostrecke

4  Bilder
Existenzgründer: "Es ist einfach das eigene Baby"
"Wenn es denen finanziell so schlecht geht, dass sie ihre Miete nicht mehr zahlen können, können sie auch nicht mehr kreativ sein", kommentiert die Beraterin trocken. "Viele Kreative fangen klein an und denken nicht in großen, unternehmerischen Dimensionen." Sie sei dazu da, fachlichen Input, ein paar Impulse zu liefern, Geschäftsmodelle auszuhecken - "aber umsetzen müssen sie das selbst".

"Ich würde heute hier nicht sitzen ohne diese Beratung", sagt Modedesignerin Esther Perbandt. Hier, das ist ihr Ladenatelier direkt an der Straßenkreuzung im Bezirk Mitte, wo sich kleine und große Designer tummeln, zwischen Avantgarde und Kette. Perbandt mit ihrem chanelschwarzen ultrakurzen Bobhaarschnitt und der Haarsträhne im Nacken, ihrem Markenzeichen, gründete 2004 ein eigenes Label. Nach Modedesignstudium und Stationen in Frankreich trieb sie ihre Marke drei Jahre lang voran, obwohl sie Vollzeit als Designerin bei einer großen Jeansfirma arbeitete. Bis sie sich sich entscheiden musste.

Auf einmal Unternehmerin

Die Wahl fiel auf die eigene Marke, im Gepäck "nur das betriebswirtschaftliche Knowhow, das ich mir in den ersten Jahren durch Learning by doing selbst beigebracht hatte", so Perbandt. "Während meines Studiums war das alles kein Thema." Ihr Umfeld fand den Schritt riskant. Perbandt suchte sich eine Unternehmensberaterin, landete so beim KCC. Fortan stand alle paar Wochen ein Termin mit ihrer Betreuerin an.

Kostenkalkulation, Positionierung auf dem Markt, Konkurrenzanalyse - es war ein Intensivtraining. Die Fleißarbeit gab es als Hausaufgabe zum nächsten Mal: Exceltabellen pflegen, Umsätze hochrechnen, Drei- bis Fünfjahrespläne erstellen, Kosten für Musterkollektionen kalkulieren, um zu wissen, wann Liquiditätsengpässe entstehen könnten - und dann umschichten. "Davon zehre ich noch heute", so Perbandt. Vielen Kollegen hat sie das auf Kreative spezialisierte Beratungssystem weiterempfohlen.

"Sehr viel gelernt" habe sie, sagt Perbandt. Am deutlichsten merke sie das bei Bankterminen - am Anfang habe sie kaum ein Wort herausbekommen und gehe heute ganz selbstverständlich zu solchen Verhandlungen: "Ich sehe mich nicht mehr nur als Designerin, sondern ebenso als Unternehmerin."

  • KarriereSPIEGEL-Autorin Anne Haeming (Jahrgang 1978) ist freie Journalistin in Berlin.

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.